Den am meisten geschützten Mann im Stadion hatte John Brooks verpasst. Joe Biden, Vizepräsident der USA, hatte nach dem spät erzwungenen 2:1 (1:0) gegen Ghana in der Kabine vorbeigeschaut und der Mannschaft zum Sieg gratuliert. Dabei fehlte ausgerechnet Brooks – Doping-Probe. Als der Verteidiger von Hertha BSC eine halbe Stunde später die Umkleidekabine betrat, lief er in einen donnernden Applaus. Alle Mitspieler samt Trainerteam erhoben sich und überschütteten den Berliner mit Ovationen. Brooks hatte Mühe, seine Emotionen zu sortieren: „Das war überwältigend.“
US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann räumte auf der Pressekonferenz ein, dass er im Vorfeld „lange, sehr lange“ nachgedacht habe, ob Brooks, 21, überhaupt so weit sei für eine Weltmeisterschaft. Auf der englischsprachigen Seite von Fifa.com wurde Brooks beschrieben als „Hertha Berlin starlet“.
Ein schüchterner Berliner
Aber Klinsmann, der ein Faible für Youngster hat, nominierte den Verteidiger. Und hob zu einer Lobrede an. „Wir haben gesehen, dass da ein Talent heranwächst.“ Brooks sei ruhig am Ball und stark im Kopfballspiel. „John hat heute sein erstes WM-Spiel gemacht, und dann so etwas. Wahnsinn, das ist ein großer Moment für den Jungen.“ Brooks war ob des Rummels ein wenig verschüchtert. Der Pressechef des US-Teams schob den gebürtigen Berliner zu den wartenden Journalisten.
Sein Englisch ist noch verbesserungswürdig, der deutsche Akzent nicht zu überhören. Als er erzählen wollte, dass er nach seiner Einwechslung nervös gewesen sei, nach dem ersten gewonnen Zweikampf aber ruhiger wurde, fehlte ihm die Vokabel für „Zweikampf“. Aber das nahm ihm niemand übel. Brooks erzählte: „Ich habe vor zwei Nächten geträumt, dass ich das Siegtor mache. Nach einer Ecke und per Kopf. Aber im Traum war es die 88. Minute.“ In Natal riss Brooks das drückend überlegene Ghana mit seinem Kopfballtreffer nach 86 Minuten aus allen Siegeshoffnungen.
„Wir können glücklich sein, dass wir die drei Punkte mitgenommen haben. Das war ein schönes Tor von Brooksy“, sagte Hoffenheims Fabian Johnson, rechter Verteidiger der USA. Nach seinem Treffer schien Brooks zwischen den Welten, als könne er selbst nicht glauben, was sich da gerade ereignet. Er lief an allen Gratulanten vorbei, schaute zum Himmel, schloss die Augen und sank der Länge nach zu Boden.
Von einem Tattoo gestoppt
Was für eine Achterbahn-Saison des Herthaners. Sie begann im vergangenen August mit seinem ersten Bundesliga-Spiel und dem ersten Bundesliga-Tor (beim 6:1 gegen Frankfurt), dazu das erste Länderspiel für die USA. Es gab heftige Rückschläge. Hertha-Trainer Jos Luhukay holte Brooks dreimal (!) in der ersten Hälfte vom Platz, weil ihm die Leistungen des Innenverteidigers nicht passten. In der Rückserie nahm sich Brooks selbst aus dem Rennen. Weil er sich ein großflächiges Tattoo auf dem Rücken stechen ließ und nur bedingt profisporttauglich war. Doch auf den letzten Metern des Spieljahres war Brooks wieder da und enterte als Last-minute-Nominierung zur Überraschung der US-Experten den WM-Zug von Jürgen Klinsmann.
Glückwunsch von Manager Preetz
Im Spiel sah es in der zweiten Hälfte wahrlich nicht so aus, als könnte sich die USA vom Dauerdruck Ghanas befreien. Kevin Boateng, nach einer Stunde eingewechselt, war genervt. „Das erste Spiel zu verlieren, ist immer schlecht.“ Boateng, wie Brooks einer, der durch die Hertha-Ausbildung gegangen ist, brachte sofort Struktur in das Spiel der Afrikaner. Ghana glich nach 82 Minuten durch Andre Ayew die US-Führung aus, die Clint Dempsay bereits nach 30 Sekunden erzielt hatte. Dann bewies Brooks seine Stärke bei Standardsituationen.
„Gut gemacht, mein Sohn“, twitterte augenzwinkernd Alfredo Morales, drei Jahre älter als Brooks und langjähriger Teamkollege bei Hertha sowie im US-Team. Hertha-Manager Michael Preetz gratulierte: „Er ist ein Berliner und köpft die USA zum Sieg. Was für ein Debüt. Klasse John.“ Begeisterung gab es auch in den Staaten. Die „Washington Post“ zeigte das Foto des jubelnden Brooks auf der Titelseite. In der US-Version von Wikipedia änderte ein freudetrunkener Fußball-Fan den Eintrag: „John Brooks ist ein deutsch-amerikanischer Fußballspieler. Er ist der bedeutendste Amerikaner seit Abraham Lincoln.“
Dieser Satz ist mittlerweile gelöscht. Aber dem Mann im Mittelpunkt wurde der Trubel irgendwann doch zu viel. Gefragt, wie er das im letzten Gruppenspiel anstehende Duell gegen Deutschland sehe, antwortete Brooks: „Das ist noch weit weg. Wir konzentrieren uns jetzt erst mal auf die Partie gegen Portugal.“




