WM in Brasilien

Zauberer Özil ist immer noch auf der Suche nach sich selbst

Von Mesut Özil wird mehr erwartet als vor vier Jahren in Südafrika. Da war er noch unbedarft, jetzt ist er nachdenklich geworden. Denn inzwischen schlägt ihm auch viel Skepsis entgegen.

Foto: PATRIK STOLLARZ / AFP

Octavio hält sich nicht gern an Regeln. Abgemacht war, dass der Achtjährige und seine Klassenkameraden artig warten, bis Mesut Özil und seine Nationalelfkollegen auf den Pausenhof treten, um der Dorfschule in Santo André einen Besuch abzustatten. Octavio hätte zur Begrüßung singen sollen. Doch während die anderen Drittklässler ein Liedchen anstimmten, als Özil und Co. endlich da waren, rannte der Lausbub los, klatschte mit Lukas Podolski ab wie mit einem Kumpel und warf sich Özil um die Hüften.

Dem gefiel diese Frechheit. Der 25-Jährige umarmte Octavio sogar. Mit unerschrockenen Lausbuben kennt sich Özil aus. Er war selbst mal einer – zumindest auf dem Fußballplatz. Doch jetzt ist das Unbekümmerte irgendwie aus Mesut Özil entwichen. Zurückgeblieben ist ein Haderer: „Mit meinen Leistungen in dieser Saison kann ich nicht zufrieden sein“, ist einer der wenigen Sätze, die der Mittelfeldspieler in jüngster Zeit von sich gegeben hat. Özil hat sich rar gemacht, was auch daran liegt, dass ihm heftige Kritik entgegenschlägt: „Erstes Spiel, letzte Chance?“ titelte der Boulevard vor der WM-Partie gegen Portugal am Montag (18 Uhr, ARD) und fragte, ob Özil noch der Richtige für die Startelf sei.

Erstaunlich, weil dieser in den vergangenen Jahren stets als Fixpunkt im Team von Bundestrainer Joachim Löw galt. Der Sohn türkischer Eltern, in Gelsenkirchen geboren, fragte nicht um Erlaubnis, als er 2009 als 20-Jähriger die Statik des deutschen Fußballs ins Wanken brachte. Einen echten Spielmacher alter Schule hatte es seit Thomas Häßler nicht gegeben. Dann betrat Özil die Bühne, wuchs bei Werder Bremen in die Rolle des Ideengebers und servierte Löw damit das fehlende Puzzleteil für seine Vision vom schönen Spiel. Bei der WM 2010 stand Özil in allen sieben Partien auf dem Feld und am Ende als einer von zehn Profis zur Wahl des besten Spielers des Turniers.

20 Millionen folgen ihm auf Facebook

Jene WM in Südafrika hat ihn in den erlesenen Kreis der Topspieler erhoben. Real Madrid erwarb ihn und gab ihm nach einem Jahr die Nummer 10. Als ihn der FC Arsenal für 50 Millionen Euro zur abgelaufenen Saison verpflichtete, bekam Özil zudem die Etikette verliehen, der teuerste deutsche Fußballer aller Zeiten zu sein. Er ist ein Weltstar geworden: Fast 20 Millionen Menschen folgen ihm bei Facebook, sechs Millionen bei Twitter – und natürlich Octavio aus dem kleinen Fischerort am anderen Ende der Welt.

Doch während man von Özil vor vier Jahren hoffte, er könne seine Mannschaft zum Titel führen, es ihm aber nicht abverlangte, steht er nun in Brasilien auf dem Prüfstand. Wer ein Weltstar ist, muss liefern. Damit steht Özil für die gewachsenen Erwartungen an die deutsche Nationalelf insgesamt. 2010 war sie talentiert, aber unerfahren – Platz drei war ein Erfolg. 2014 darf es nun nicht weniger als der Titel sein.

WM 2014: Diese Spieler wollen den Titel - unsere interaktive Grafik

Weltklasse, wenn die anderen auch gut sind

An Özil manifestiert sich darüber hinaus die Skepsis, ob das Team in den entscheidenden Momenten präsent genug sein wird, um nach 24 Jahren wieder Weltmeister zu werden. „Özil ist einer unserer besten Spieler, eine große Nummer 10“, sagte Michael Ballack kürzlich. „Aber manchmal ist seine Körpersprache nicht so, wie sie für einen Fußballer seines Kalibers sein sollte.“ Der Ex-Kapitän sprach aus, was viele denken: Dass Özil Weltklasse ist, wird niemand bestreiten. Dass er sie aber zuletzt oft unterschlug, ebenso wenig – vor allem dann, wenn die Kollegen um ihn herum schwächelten.

Özil ist der Schattenspieler in seiner Mannschaft: Wirft das Team Licht auf das Feld, dann kann er mit seinen finalen Pässen aus dem linken Fußgelenk und den geschmeidigen Dribblings wunderbare Geschichten erzählen. Dann ist er der Dichter des Spiels und zieht die Zuschauer in seinen Bann. Doch strahlt das Spiel seiner Mannschaft einmal nicht hell erleuchtet, dann ist seine Kunst nicht mehr zu sehen. Das Licht selbst anzuknipsen, ist Özil zuletzt nur selten gelungen. Als ein „herausragender Mitläufer“ gilt er vielen Beobachtern. Er sei ein Spieler für besondere Momente – aber nicht für entscheidende. Licht und Schatten sind die beiden konträren Begleiter Özils seit geraumer Zeit.

Ausgepfiffen von den eigenen Fans

In London haben sie ihm das Ausscheiden in der Champions League gegen den FC Bayern nicht verziehen, als Özil einen Elfmeter verschoss und danach völlig abtauchte. Bei den Tests der Nationalelf gegen Chile und Kamerun wurde Özil von den deutschen Fans zuletzt ausgepfiffen. Das hat ihn getroffen. Löw hat versucht, ihn in einem Vier-Augen-Gespräch zu einer besseren Körpersprache zu animieren. Dass er Özil gegen Portugal auf die Bank setzen wird wie zuletzt gegen Armenien, ist wenig wahrscheinlich: „Mesut kann die entscheidenden Pässe spielen.“

Im März hat sich der Moslem Özil ein Tattoo auf den linken Oberarm stechen lassen: „Only God can judge me“, nur Gott kann über mich richten. Bei dieser WM werden es dennoch ein paar mehr Menschen tun.