Nationalmannschaft

Wenn das Trikot plötzlich „extrem anders“ ist

Die neuen WM-Trikots, in denen die Fußball-Nationalmannschaft in Brasilien spielt, sind mit 100 Gramm ultraleicht, aber modisch umstritten. Oder doch nicht? Der Fanverkauf läuft gut.

Foto: Martin Rose / Bongarts/Getty Images

Mode polarisiert. Sogar beim Fußball. Nun könnte man natürlich darüber diskutieren, ob man überhaupt von Mode sprechen kann, wenn es „nur“ um Trikots und mehr oder weniger Bermuda-lange Sporthosen geht. Und wie man kann! Kaum präsentierte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) – pikanterweise in der Modestadt Mailand – im November vergangenen Jahres die neue Spielkleidung der deutschen Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft in Brasilien, da hagelte es schon Kritik.

Dominante Brustgrafik in Rottönen

Innerhalb einer halben Stunde nach der Vorstellung kommentierten mehr als 1000 Personen auf der Facebook-Seite des DFB das neue Outfit: „Traditionsbruch, unmodern, nicht zeitgemäß“, lauteten die sachlichsten Kritiken. „Wir brauchen uns nicht wundern, wenn unsere Jungs wie Mädchen spielen“, lästerte eine Userin. Für den Berliner Designer Kilian Kerner wirkt das Trikot „sehr langweilig und ohne wirkliche Message“. Es sei alles zu gewaltsam oben positioniert, der Print hätte flächiger platziert werden können. Aber wenigstens die weißen Shorts findet der Modemacher „ansprechend und stimmig“. Das deutsche Trikot bewegte schließlich auch den Kölner Design-Professor Paolo Tumminelli, der sich durch den roten Balken auf der Brust gar an „das Abzeichen eines Feldwebels im amerikanischen Bürgerkrieg“ erinnert fühlte.

Diese Brustgrafik setzt sich aus unterschiedlichen Rottönen zusammen, die zart umrandet von je einem schmalen schwarzen und einem goldenen Streifen die deutsche Flagge interpretieren sollen. Rechts in dem Balken ist noch das Sponsoren-Logo von Adidas zu sehen, links der Bundesadler, umkreist vom DFB-Schriftzug und mit drei Sternen darüber, die die WM-Titel von 1954, 1974 und 1990 symbolisieren.

Schwarz-Rot-Gold seit der WM in Mexiko

Nun wissen wir natürlich nicht, ob die Nationalspieler nur Gutes über ihr Outfit sagen sollen, aber unzufrieden wirken sie nicht damit. Lukas Podolski sagte bei „Wetten dass..?“, dass ihm der rote Balken gefalle. Für Mannschaftskapitän Philipp Lahm ist es „toll, dass das neue Outfit eine Farbe von den Stutzen bis zum Trikot durchzieht“, und Abwehrspieler Mats Hummels findet es „richtig gut, dass das Trikotdesign extrem anders und deutlich auffälliger ist als früher“. DFB-Generalausrüster Adidas arbeitet seit mehr als 50 Jahren mit dem DFB zusammen, bestückt die Spieler nicht nur mit Trikots und Hosen, sondern auch mit Trainingsanzügen, Aufwärmpullovern und Schuhen.

Seit 1908 liefen die deutschen Spieler meist in Schwarz-Weiß aufs Feld, seit 1954 gelegentlich in Grün-Weiß. „Das erste Trikot mit den Farben Schwarz, Rot und Gold wurde bei der WM 1986 in Mexiko getragen“, sagt Adidas-Sprecher Oliver Brüggen. Schon der Verlauf der Nationalfarben auf den Sieger-Trikots von 1990 galt als gewagt und wurde als Fieberkurve bezeichnet.

Vom Schnürhemd zum High-Tech-Trikot

Zu den Fans der neuen Spielkleidung zählt Mode- und Schmuckdesignerin Jette Joop. „Das Trikot ist sehr gut gelungen“, findet sie. „Aus modischer Sicht ist es dynamisch, die Rotverläufe sind modern, und es unterstreicht optisch eine gute Körperform.“ Die Abkehr vom klassischen Schwarz-Weiß sei ein mutiger Schritt, den Ausrüster Adidas wage. „Aber ein Trikot ist auch immer eine Leinwand. Und ich finde es besser, eine Aussage zu machen als keine Aussage zu machen. Hier sehe ich die Aussage ,Hier kommen wir, wir sind dynamisch und nicht aufzuhalten’“ Schon seit Jahren, spätestens seit der Heim-WM in Deutschland, ist ein Trikot mehr als ein Sportartikel, nämlich ein Lifestyle-Produkt, mit dem auch Fans Flagge zeigen. Seit November 2013 wird das neue Spieler-Trikot im DFB-Fan-Shop verkauft – und gefällt. „Die Verkaufszahlen liegen bisher über den Vergleichszahlen bei der WM 2010“, sagt Adidas-Sprecher Oliver Brüggen. 2010 wurden 1,2 Millionen DFB-Trikots verkauft. Das Fan-Trikot gibt es für Männer (79,95 Euro), Frauen (69,95 Euro) und Kinder (59,95 Euro). Nur für Männer ist die „Autentic“-Version (119,95 Euro), statt mit Stickerei mit Logo-Druck und mit 100 Gramm genauso federleicht wie die Original-Spieler-Trikots, die mit „Climacool-Technologie“ ausgestattet sind.

Vom Baumwoll-Trikot verabschiedete man sich Ende der 70er-Jahre, kleine Schnitt-Details gab es immer wieder: Bis 1966 gab es die Kragenschnürung, mal mit schwarzen, mal mit weißen Kordeln. Es folgten der V-Ausschnitt, 1974 wurde der Halsausschnitt rund, 1978 eckig und 1986 wieder rund. Modischere Kapriolen sind das nicht. Aber die sind beim Fußball nicht wichtig, wie Jette Joop findet: „In einer Gesellschaft, die von minütlich wechselnden Bildern geprägt ist, sollte man sich nicht zu lange über ein Nationaltrikot streiten, sondern sich über Wandel freuen.“