Nationalmannschaft

„Wir haben die richtige Mischung“

Joachim Löw hat seinen WM-Kader zusammen. Dieser sei ausgewogen, jede Position doppelt besetzt. Was allerdings eine Frage der Interpretation ist: Ohne Gomez und Volland bleibt nur Miroslav Klose als gelernter Stürmer.

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Optimal ist etwas ganz anderes. Mit so vielen Verletzungs- und Fitnesssorgen sowie Negativtrubel im Umfeld hatte der Bundestrainer noch vor keinem Turnier zu kämpfen, und so ist der endgültige 23er-Kader nicht der, den Joachim Löw in einer perfekten Fußballwelt zusammengestellt hätte. Zu Ausfällen von Stammpersonal im defensiven Mittelfeld (Dortmunds Langzeitverletzter Ilkay Gündogan und Leverkusens Lars Bender) kamen Rekonvaleszenten, für die es zeitlich nicht mehr reichte. Stürmer Mario Gomez (AC Florenz) und Dortmunds Linksverteidiger Marcel Schmelzer bekamen keine DFB-Tickets nach Brasilien.

Dafür freuen sich die Nationalmannschafts-Novizen Erik Durm (Borussia Dortmund; Schmelzer-Ersatz auf der linken Verteidigerposition), Matthias Ginter (SC Freiburg; Innenverteidigung) und Christoph Kramer (Borussia Mönchengladbach; defensives Mittelfeld), Sie sind die glücklichen Profiteure, die sich ihre erste WM-Teilnahme über die Leistungen in der Vorbereitung redlich verdient haben. So empfahl sich etwa Durm (als einer von wenigen Spielern) im Testspiel gegen Kamerun (2:2) mit einer äußerst überzeugenden Leistung.

Mit dabei ist auch Kevin Großkreutz (Borussia Dortmund), der seine WM-Teilnahme nach Döner-Wurf- und Pinkel-Affäre einzig und allein den Personalnöten in der Defensive zu verdanken hat. Nach einer finalen Löw-Kopfwäsche soll er nun bei Bedarf den rechten Verteidiger geben oder aber auch im defensiven Mittelfeld aushelfen.

Nur ein einziger waschechter Stürmer im Kader

Für eine dicke Überraschung sorgte Löw mit der Absage an Kevin Volland. Nachdem mit Miroslav Klose (Lazio Rom) nur ein weiterer echter Stürmer im Kader steht, der nach Verletzungen zudem noch nicht wieder bei 100 Prozent Leistungsvermögen angekommen ist, galt die Nominierung des 21-jährigen Hoffenheimers als sicher. Volland, der in der abgelaufenen Bundesliga-Saison mit Top-Leistungen auf sich aufmerksam machte, dürfte aber die Zukunft in der deutschen Sturmzentrale gehören.

Arbeit haben die Fitnesstrainer und Medizinermänner außerdem mit den Defensiv-Motoren Sami Khedira (Real Madrid) und den Bayern-Profis Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger sowie Torwart Manuel Neuer. Khedira braucht nach ausgeheiltem Kreuzbandriss wieder Spielpraxis, das Bayern-Trio kuriert im DFB-Pokalendspiel gegen den BVB erlittene Blessuren aus.

Allen Widrigkeiten zum Trotz: Löw ist von seinen Spielern „zu 100 Prozent“ überzeugt. „Wir haben die richtige Mischung aus vielen jungen und hochbegabten Fußballern und Spielern mit viel Turniererfahrung, die wissen, worauf es ankommt. Unser Kader ist ausgewogen, jede Position ist doppelt besetzt. Mit diesem Kader fliegen wir selbstbewusst nach Brasilien. Wir haben dort große Ziele“, so der Bundestrainer nach der Nominierung der 23 Brasilien-Fahrer.

Tropisches Klima für die Deutschen während der Vorrunde

Nach einer langen Saison wird die WM die Spieler an die Grenzen ihrer Kräfte bringen. Nicht förderlich sind da die langen innerbrasilianischen Reisezeiten, das in der „deutschen“ Vorrunden-Region herrschende tropische Klima und die mittäglichen bzw. nachmittäglichen Anstoßzeiten. Doch damit müssen auch die meisten anderen zum Favoritenkreis zählenden Teams klarkommen. Dem „Klimawandel“ will Löw so beikommen: „Wir fliegen eine Woche vorher hin, um uns zu akklimatisieren.“

Und noch ein Mutmacher für alle, die nach Verletzungsmisere und durchwachsenen Testspielen ein mulmiges Gefühl haben: Deutsche Mannschaften können Rückschläge wegstecken – so wie bei der WM 2010 in Südafrika: Fußball-Deutschland war geschockt und empört, als ein brutales Foul von Kevin-Prince Boateng Kapitän Michael Ballack außer Gefecht setzte. Die Pessimisten hatten Hochkonjunktur, doch eine grandios aufspielende junge deutsche Mannschaft zerlegte unter anderem England (4:1) und Argentinien (4:0) und belegte schließlich einen zuvor nicht für möglich gehaltenen 3. Platz.