Fahnenstreit

Neuköllner Deutschland-Flagge wird Politikum

In der Sonnenallee haben arabischstämmige Deutsche zur WM eine 20 Meter lange schwarz-rot-goldene Flagge aufgehängt. Und Autonome rissen sie mehrfach herunter. Der bizarre Fahnenkampf hat nun die Politik erreicht.

Foto: Getty Images

Der Streit um eine überdimensionale Deutschland in der Neuköllner Sonnenallee sorgt bundesweit für Aufmerksamkeit. Das 20 mal fünf Meter große Stück Stoff hängt vor dem Haus mit der Nummer 36, wurde von arabischstämmigen Deutschen aufgehängt und mehrfach von Vermummten aus der linken Szene heruntergerissen. Seit Morgenpost Online über den Vorfall berichtet hat, geben sich Reporter und Fernsehsender an der Sonnenallee die Klinke in die Hand: ARD, N24, Sat.1, RBB – kaum ein Sender, der nicht über das Neuköllner Politikum berichtet.

Geht es nach Yussef Bassal, der die Fahne am Haus angebracht hat, soll sie bis zum WM-Ende hängen. „Wenn wir aufhören, haben wir verloren“, sagt er. „Deswegen machen wir weiter.“ Gestern hat er wieder in seinem Elektroladen geschlafen, um die Fahne vor nächtlichen Attacken aus der linken Szene zu schützen. Zweimal hat Yussef Bassal sie schon ersetzen müssen

Auch nebenan im nach der legendären arabischen Sängerin benannten Café Um Khalthum schütteln die Gäste über die Angriffe gegen die Fahne den Kopf. „Das sind doch auch Deutsche“, wundert sich Abed zwischen zwei Zügen aus der Schischa. „Wir sind nun mal deutsche Fans. Wir leben hier, wir essen hier, wir sind hier versichert“, sagt der Einzelhändler. Er selbst hat ebenfalls schlechte Erfahrungen gemacht – allerdings mit dem Ordnungsamt. Vor dem Café hatten sie mehrere Deutschlandfahnen zwischen den Straßenbäumen aufgehängt. Wenig später drohte das Ordnungsamt eine Strafe an, da im Gegensatz zur Fahne an der Hauswand die Fahnen an öffentlichem Eigentum befestigt waren. Und das ist verboten.

Lotfi Alhabbal, der selbst eine Fahne vor seinem Geschäft aufhängt, erklärt sich die Ablehnung durch die linke Szene mit fehlender Toleranz. „Sie können nicht akzeptieren, dass wir unsere Dankbarkeit gegenüber Deutschland ausdrücken.“

Inzwischen hat der Streit um die Riesenfahne die Sonnenallee verlassen und die Politik erreicht. Für den Grünen-Bildungspolitiker Özcan Mutlu stellt der bizarre Streit eine „verkehrte Welt“ dar. „Es wird erwartet, dass sich die Zuwanderer integrieren, aber wenn sie sich zu den Farben der Demokratie bekennen, werden sie angegriffen“, sagt Mutlu. Den Deutschen werde oft nachgesagt, ihr Verhältnis zur eigenen Flagge sei mitunter verkrampft. Aber wie schon beim Sommermärchen vor vier Jahren oder bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren hätten ehemalige Zuwanderer den „Bio-Deutschen“, so Mutlut, gezeigt, wie man das Flaggezeigen lockerer sehen könne. „Das Zeigen der Farben der deutschen Demokratie bei öffentlichen Anlässen wie einer WM muss nicht unbedingt mit dumpfem Nationalismus zu tun haben“, sagt der Grünen-Politiker.

Für den Tempelhofer CDU-Bezirkspolitiker Badr Mohammed, dessen Cousin die Fahne in der Sonnenallee aufgehängt hat, zeigt der Fahnenstreit ein grundsätzliches Problem im Umgang mit eingebürgerten Zuwanderern auf. Vermeintlich gut gemeinte Unterstützung der Zuwanderer würde oftmals die Spaltung eher manifestieren, als zu helfen, sie zu überwinden.

Im Internet habe er herausgefunden, dass Linksautonome ein Punktesystem aufgebaut hätten, sagt Mohammed. Damit würden bestimmte „Aktionen“ von Mitgliedern der linken Szene sozusagen belohnt. „Für unsere Fahne gibt es 100 Punkte“, sagt er. Glaubt man dem Internetforum fahnenflucht.blogspot.eu der „Autonomen WM-Gruppe“ sind 100 Punkte sehr viel: Für eine Autoflagge gibt es demnach einen Punkt, für eine „große Flagge“ zwei Punkte und für ein „Original Trikot“ zehn Punkte.

Ein solche „systematische und organisierte Jagd auf nationale Symbole“ ist nach Ansicht von Mohammeds CDU-Parteikollege Burkard Dregger „nicht akzeptabel“. Umso mehr freue er sich über so viel „Mut“ wie bei Mohammed und Bassal, sich zu Deutschland zu bekennen, sagt der Berliner Christdemokrat.

Optimismus vor dem Spiel

Vor dem WM-Spiel Deutschland gegen Argentinien am Sonnabend sind in der Sonnenallee alle optimistisch. „Die Argentinier haben doch nur Messi und eine große Klappe“, sagt Abed im Café Um Khalthum. „Die hauen wir 3:1 weg!“, ist er sich sicher.

In den Läden rund um die Fahne in der Sonnenallee 36 wird in jedem Fall wieder gefeiert. „Das machen wir zu jeder Welt- und Europameisterschaft. Das hat schon Tradition“, sagt der Schauspieler Ahmed Kremer, der zu den Männern gehört, die die Fahne in der Nacht bewachen.

Der Bezirk Neukölln gilt seit Jahren als sozialer Brennpunkt. Hohe Arbeitslosigkeit, ein geringer Bildungsgrad, ein hoher Ausländeranteil sind die statistischen Kennwerte, Kriminalität und Armut sind ausgeprägter als in anderen Bezirken der Stadt. In Neukölln leben mehr als 300.000 Einwohner aus 160 Nationen.

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