Als alles zu spät war, stürmten die Uruguayer noch einmal auf ihre Gegner zu. Statt den Niederländern zum Finaleinzug zu gratulieren, drohten kurz Rangeleien. Dann jedoch folgte nur noch Jubel in Oranje. „Wir sind auf einer Mission“, sagt Hollands Trainer Bert van Marwijk, „wir wollen Weltmeister werden.“
Die Niederlande hat seit 1978 auf ein Finale gewartet, damals verloren sie 1:3 nach Verlängerung gegen Gastgeber Argentinien. Vor 62.479 Zuschauern im nicht ausverkauften Green Point Stadion siegte die Mannschaft von Trainer van Marwijk nun im Halbfinale gegen Uruguay 3:2 (1:1). Es war nicht so souverän, wie das Land sich das von seinen Ballkünstlern erwartet. „Wir haben gekämpft und hatten am Ende auch ein wenig Glück, Uruguay hatte ja noch eine Riesenchance“, sagte der eingewechselte Rafael van der Vaart, „ich hatte noch nie so viel Angst um mein Leben wie in den letzten Minuten.“
Letztlich sorgte ein nicht unumstrittenes Tor von Wesley Sneijder für die Vorentscheidung, bei dem der im Abseits stehende Stürmer Robin van Persie zwar nicht direkt ins Spiel eingriff, aber Uruguays Torwart Fernando Muslera irritierte. Und am Ende mussten die Anhänger aus dem Land der Grachten, Windmühlen und Wohnwagen noch einmal richtig zittern, als die Südamerikaner in der Nachspielzeit noch einmal herankamen. „Wir sind froh, dass wir weiter sind“, räumte der Niederländer Mark van Bommel ein, „aber heute war es nicht super, doch wir sind im Finale.“
Im Endspiel am Sonntag (20.30 Uhr) spielen die Niederlande gegen den Sieger des zweiten Halbfinals zwischen Deutschland und Spanien, das heute Abend ausgetragen wird. Uruguay trifft im Spiel um Platz drei am Sonnabend (20.30 Uhr) in Port Elizabeth auf den Verlierer dieser Partie. „In der zweiten Hälfte haben wir das Spiel in den Begriff bekommen. Wir hätten sogar das 4:1 machen müssen, aber am Ende wurde es noch mal eng“, sagte van Marwijk, „das letzte Endspiel liegt 32 Jahre zurück, das ist unglaublich, was wir erreicht haben.“
Führung aus dem Nichts
Beide Trainer mussten umstellen. Bei den Niederländern fehlten die gesperrten Nigel de Jong und Gregory van der Wiel. Für sie spielten Demy de Zeeuw und Khalid Boulahrouz. Uruguays Trainer Oscar Tabarez bot für Stürmerstar Luis Suarez, Jorge Fucile (Sperre) und den verletzten Kapitän Diego Lugano die Ersatzmänner Alvaro Pereira, Martin Caceres und Diego Godin auf. „Jetzt fängt das Turnier erst richtig an“, hatte Arjen Robben vom FC Bayern München vor dem Spiel gesagt.
Tatsächlich begannen die Niederlande offensiv und hätten bereits in der dritten Minute in Führung gehen können. Nach einer Flanke von Wesley Sneijder visierte Dirk Kuyt das rechte Eck an, der Schuss ging über die Latte.
Seine Mannschaft versuchte zwar viel, fand aber kein Mittel gegen die kompakte Abwehr der Südamerikaner, bis Giovanni van Bronckhorst aus 30 Metern völlig unvermittelt auf das Tor schoss. Der Ball flog genau auf den Winkel zu, knallte an den Innenpfosten und sprang von dort hinter die Linie (18.). Ein Traumtor. Van Bronckhorst konnte sein Glück kaum fassen und lief strahlend Richtung Fanblock. Seine Kollegen sprangen vor Freude auf ihren Kapitän, mit 35 Jahren der älteste Spieler im Kader.
Nach der Führung ließen es die Niederländer ruhiger angehen. Robben sorgte mit seinen Dribblings über die Außenbahnen immer wieder für Gefahr, aber seine Kollegen rückten oft nicht auf, die Mannschaft kam selten zum Abschluss. Uruguay hingegen spielte jetzt offensiver. Als eine Flanke in den Strafraum flog, setzte Caceres zum Fallrückzieher an. Statt den Ball trat er seinen Gegenspieler de Zeeuw ins Gesicht (27.). Der blieb einige Minuten benommen am Boden, konnte aber zunächst weiterspielen.
Spannung in der Nachspielzeit
Angreifer Diego Forlan war unauffällig – bis vier Minuten vor der Pause. Da ließ er im Mittelfeld zwei Gegenspieler aussteigen und zog aus rund 25 Metern ab. Der Ball hatte Effet, und Torwart Maarten Stekelenburg stand zu weit vor der Linie. Das Leder senkte sich über ihn hinweg ins Netz zum 1:1. Wieder einmal ein Torwart-Fehler bei dieser WM. Und Forlan bewies mit seinem fünften Treffer, dass er das Herz seiner Mannschaft und einer der Stars des Turniers ist.
In der Halbzeitpause wechselte Niederlande-Trainer Bert van Marwijk den Offensivspieler Rafael van der Vaart für den angeschlagenen de Zeeuw ein. Einen Freistoß von Forlan lenkte Stekelenburg (67.) gerade noch um den Pfosten, sein Gegenüber Fernando Muslera entschärfte beim Gegenangriff einen Schuss van der Vaarts. Dann aber war er chancenlos: Sneijder probierte es aus 20 Metern, und Maximiliano Pereira fälschte den Ball zum 1:2 ins lange Eck ab (70.), wobei der Niederländer Robin van Persie in abseitsverdächtiger Position stand, aber nicht aktiv ins Spiel eingriff. „Wir mussten heute kämpfen, es war ein schwieriges Spiel“, sagte der Torschütze Sneijder, der mit Inter Mailand schon die Champions League gewonnen hat: „Es gibt nichts Größeres als ein WM-Finale, das ist gewaltig, fantastisch.“
Drei Minuten später erhöhte Robben nach einer Flanke von Kuyt per Kopf auf 3:1. Am Ende machte es Maximiliano Pereira (90.+2) mit dem Tor zum 2:3 nur noch einige Sekunden spannend. „Jetzt drücke ich Spanien die Daumen, sorry“, sagte van der Vaart, der mehr Druck ins Spiel seiner Mannschaft gebracht hat, „aber wenn Deutschland gewinnt, wird es auch ein schönes Spiel.“
Uruguays Trainer Oscar Tabarez meinte: „Wir hatten es verdient, im Halbfinale zu sein. Ich bin sehr stolz auf meine Spieler und darauf, was wir erreicht haben. Aber die Niederlage ist gerecht, wir akzeptieren sie. Natürlich sind wir traurig, aber wir haben viel erreicht, sind weit gekommen - obwohl uns das keiner zugetraut hatte.“
Mit dem Finale hatten die Holländer selbst nicht gerechnet: Der Verband hat die Zimmer im Hilton-Hotel in Sandton (Johannesburg) nur bis Donnerstag gebucht. Nun sucht er eine neue Herberge.
sid/fb
































