Er ist der gefährlichste Gegenspieler, doch niemand hat ihm je in die Augen geblickt. Er kann den härtesten Verteidiger in die Knie zwingen, doch nie hinterlässt er blaue Flecken. Er ist die Macht, die im Fußball Jungs zu Männern macht – und umgekehrt: der Druck. Plötzlich verschießen Routiniers Elfmeter, und der stärkste Sprinter kriecht im Schneckentempo über den Platz, wenn die seelische Belastung zu groß wird.
Der emotionale Ausnahmezustand ist kein Fußballphänomen: Wirtschaftsbossen zittern die Montblanc-Füller, wenn sie Milliardenverträge unterschreiben; Politiker stottern bei Regierungserklärungen in Krisenzeiten, und dem Hauptschullehrer geht die Muffe, wenn eine Stunde in der Problemklasse ansteht. Druck kennen alle Menschen, wenn sie gefordert sind und nicht scheitern dürfen. Es ist eine normale Reaktion, evolutionär erschaffen zu unserem Besten. Der Körper bereitet sich auf den Kampf vor: Der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller, Schweiß benetzt die Stirn. Doch was bei einer Fußball-Weltmeisterschaft vor einem entscheidenden Spiel in den Akteuren vorgeht, kann der Normalbürger kaum erahnen.
Auch am Mittwoch werden wieder an die 30 Millionen Landsleute einschalten, wenn die deutsche Nationalmannschaft im letzten WM-Gruppenspiel gegen Ghana (20.30 Uhr) zum Siegen verdammt ist. Nur dann ist sie unabhängig vom zeitgleich stattfindenden Spiel der Gruppengegner Serbien und Australien. Spielerisch sollte Deutschland, die Nummer sechs der Weltrangliste, den 26 Rängen dahinter liegenden Ghanaern überlegen sein. Doch da ist ja der Druck: Im achtgrößten Fußballstadion der Welt, dem „Soccer City“ in Johannesburg mit seinen knapp 95.000 Plätzen, werden viele der südafrikanischen Zuschauer ihre kontinentalen Brüder unterstützen. Ein Ausscheiden in der Vorrunde wäre ein unauslöschlicher Makel in der Vita jeden Spielers.
Joachim Löw bereitet seine Akteure seit Tagen auf die mentale Situation vor und lebt demonstrative Ruhe vor: „Ich mag Herausforderungen, das ist keine Last für mich. Ich verspüre mehr Freude als Angst vor so einem Spiel“, sagte er. Doch selbst der Bundestrainer weiß nicht genau, wie seine Mannschaft reagieren wird. An Erfahrung mangelt es trotz der Jugend (24,96 Jahre im Schnitt) nicht. Spieler wie Lukas Podolski, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger kennen die Situation. Zuletzt bissen sie sich bei der Europameisterschaft 2008 bis zum Finale durch – und mussten dabei in der Vorrunde im letzten Gruppenspiel ebenfalls gewinnen. Durch ein Michael-Ballack-Tor gelang ein 1:0 gegen Österreich, anschließend gab es dramatische Siege über Portugal und die Türkei (beide 3:2) und die Finalniederlage gegen Spanien (0:1).
Doch auch für international unerfahrene Spieler wie Thomas Müller, Holger Badstuber oder Mesut Özil ist Verantwortung nichts Unbekanntes. Die Münchner werden vor dem Champions-League-Finale im Mai kaum weniger angespannt gewesen sein. Und der Bremer Özil stand bereits zweimal in seiner jungen Karriere im DFB-Pokalfinale und einmal sogar schon im Uefa-Cup-Endspiel.
Löw vertraut seinem Team, auch wenn es bei einem Misserfolg sein letztes Spiel als Bundestrainer sein könnte: „Wenn ich mit den Spielern spreche, sie beobachte, habe ich nicht den Eindruck, als wären sie nervös oder verunsichert. Die Mannschaft ist zwar jung, hat aber das Selbstvertrauen zu sagen: ‚Wir gewinnen’. Meine Spieler können mit dieser Situation umgehen“, sagte er. Seine Vorgabe für das Spiel sei, gleich in den ersten 20 Minuten die Oberhand zu gewinnen. Ganz bewusst werde das Ergebnis des anderen Gruppenspiels den Spielern nicht auf den Platz gerufen, verriet der Bundestrainer: „Ich möchte, dass sie sich nur auf sich und das Spiel konzentrieren.“
Löws wichtigster Mitarbeiter ist in diesen Tagen Teampsychologe Hans-Dieter Hermann. „Unsere jungen Spieler haben alle Fußballerfahrung auf höchster Ebene. Manuel Neuer hat mit der U?21-Auswahl ein komplettes EM-Turnier bestritten, die Bremer und Hamburger spielen international. Und wenn Sie sich den Mannschaftsrat anschauen, haben Sie fünf, die seit dem Konföderationenpokal 2005 alle großen Turniere mitgespielt haben“, sagte der Professor der Berliner Hochschule für Gesundheit und Sport. Seit Ende 2004 kümmert sich der 50-Jährige um die Nationalspieler.
Seither trichtert er ihnen seine Leitsätze ein, die lauten: „Ich gehöre in dieses Team. Ich bin hier wichtig. Ich werde geschätzt für meine Stärken. Auch wenn nicht alles gelingt, werde ich weiter mitgenommen.“ So etwas müssten besonders die jungen Spieler von den Erfahrenen hören, sagt Hermann: „Nur dann trauen sie sich auch etwas und können ihre Leistung abrufen.“
Und während Kapitän Lahm vom „ganz besonderen Druck“ und Arne Friedrich sogar von einer „gefährlichen Situation“ spricht, predigen Löw und Herrmann Gelassenheit: „Es ist eine Normalität für viele Spieler, dass sie in ein Entscheidungsspiel reinkommen. Es ist ‚business as usual’“, sagte der Sportpsychologe. Auch Löw wollte lieber sportliche Themen diskutieren. Zum Beispiel die Frage, wen er für den gesperrten Miroslav Klose stürmen lässt. „Ich tendiere zu Cacau“, sagte Löw, „weiß aber, dass ich mit Gomez und Kießling zwei Keilstürmer habe, die ich ebenfalls einsetzen kann.“ Ob er den zuletzt indisponierten Linksverteidiger Holger Badstuber auf der Bank lässt und dafür Marcell Jansen bringt, habe er auch noch nicht beschlossen: „Ich möchte erst noch mit den Spielern sprechen.“





