Morgenpost Online: Herr Baffoe, im letzten WM-Gruppenspiel spielt Deutschland gegen Ghana. Welche Chancen hat Ihre Mannschaft?

Anthony Baffoe: Ich war dabei, als wir am 14. April 1993 bei einem Länderspiel in Bochum 1:6 gegen Deutschland verloren. Wir hatten bis zur 70. Minute 1:0 geführt, die Zuschauer riefen „Berti raus“. Damals war Berti Vogts Bundestrainer. Aber dann sind wir eingebrochen. Das war sehr bitter und ist bis heute nicht vergessen. Wir haben etwas gutzumachen. Es ist für uns ein großes Spiel. Deutschland ist ein Land, zu dem wir in Ghana vor allem in Sachen Disziplin und Arbeitsmoral aufschauen. Wir haben aber keine Angst.

Morgenpost Online: Ist Ghana stärker als 2006? Damals gewann die Mannschaft in der Vorrunde überraschend 2:0 gegen Tschechien und schied im Achtelfinale mit 0:3 gegen Brasilien aus.

Baffoe: Auf jeden Fall hat sie mehr Erfahrung. Und sie ist taktisch besser. Wir spielen gegen Weltklasse-Teams. Die Gruppe ist sehr schwer. Deutschland ist der klare Favorit.

Morgenpost Online: Wer ist in Ghana der bekannteste deutsche Spieler?

Baffoe: Bastian Schweinsteiger ist bei uns ein sehr großer Name. Zum einen, weil seit der Zeit von Samy Kuffour die Menschen in Ghana die Spiele des FC Bayern München verfolgen. Und zum anderen, weil Schweinsteiger spielerisch sehr stark ist. Auch Lukas Podolski ist sehr beliebt. Deutschland ist eine Mannschaft, die nie aufgibt. Das wissen und schätzen hier alle.

Morgenpost Online: Was ist Ghanas größte Stärke?

Baffoe: Das Selbstvertrauen und die Geschlossenheit. Wo hat man es schon, dass Muslime und Christen in der Kabine vor einem Spiel zusammen beten? Das zeugt von einem sehr intensiven Mannschaftsgeist. Außerdem haben wir die nötige Erfahrung und Sicherheit. Das kann uns weit bringen. Ich glaube fest daran, dass wenn eine afrikanische Mannschaft es in Halbfinale schafft, alles möglich ist.

Morgenpost Online: In Deutschland ist der Nationaltrainer seit jeher deutsch. Ghana wird von dem Serben Milovan Rajevac trainiert. Warum ist kein Ghanaer für die Mannschaft verantwortlich?

Baffoe: Ich hatte in meiner Zeit als Profi bei Fortuna Düsseldorf unter anderem Alexander Ristic als Trainer. Die Trainer aus dem ehemaligen Jugoslawien achten sehr auf Disziplin. Für sie zählen keine Namen. Und spielerisch müssen wir uns eh keine Sorgen machen. Das haben wir einfach im Blut. Für die Zukunft wünsche ich mir allerdings, dass wir mehr Afrikaner als Nationaltrainer haben. Zumal wir die größten Erfolge beim Africa-Cup mit ghanaischen Trainern hatten. Wir kommen diesem Ziel immer näher.

Morgenpost Online: Welche Unterschiede gibt es im Vergleich zu der deutschen Mannschaft bei der Vorbereitung auf ein Spiel?

Baffoe: Bei uns kommst du in den Mannschaftsbus, und es wird gesungen. In Deutschland hingegen ist alles ruhig und konzentriert. Wir haben eben eine andere Mentalität. Asamoah Gyan spielt Instrumente und gibt den Rhythmus an. Er ist auch unser DJ. Wir geben uns auf diese Weise zusätzliches Selbstvertrauen.

Morgenpost Online: Nahezu alle Nationalspieler Ghanas stehen im Ausland unter Vertrag. Kann ein Spieler der ersten Liga in Ghana mit seinem Gehalt seinen Lebensunterhalt bestreiten?

Baffoe: Das schon. Aber wir wollen mit der von mir gegründeten Professional Footballers Association of Ghana die Zustände verbessern. Die meisten Spieler sind über den Verband und Verein krankenversichert. Aber die Gehälter sind nicht so toll. Sonst würden nicht alle den Exodus suchen. Wir kämpfen dafür, dass ein Spieler bald mal bis zu 2000 Dollar verdienen kann. In Europa ist das nichts. Bei uns ist das für Spieler ein gutes Gehalt. Allerdings ist es nicht so einfach, Sponsoren zu finden. Auch deswegen ist die WM sehr wichtig.

Morgenpost Online: Welche Ziele haben Sie noch mit der Player Association?

Baffoe: Es gibt leider viele unseriöse Berater, die mit unseren Spielern nur ihr Geld machen wollen. Vor ihnen müssen wir die Spieler schützen. Wenn ich Talente entdecke, vermittele ich sie an Fußball-Akademien, wie die von Red Bull oder Feyernoord Rotterdam. Schulische Bildung ist sehr wichtig. Dort wird sie mit dem Fußball verbinden. Niemand hat eine Garantie, Profi zu werden.

Morgenpost Online: In Deutschland wurde vor der WM diskutiert, wie gefährlich eine Reise nach Südafrika ist. Uli Hoeneß sagte, dass es ein Fehler war, die WM an dieses Land zu vergeben. Gab oder gibt es diese Diskussion auch in Afrika?

Baffoe: Es gibt sie, aber sie ist längst nicht so drastisch wie in Europa. Ich finde es sehr traurig und schade, dass viele immer sehr negativ über Afrika sprechen. Der Anschlag auf die Mannschaft Togos beim Afrika-Cup in Angola war schlimm. Aber ich frage mich wirklich, ob manche Menschen nicht wissen, wo Angola liegt. Nämlich rund 2500 Kilometer von Südafrika entfernt. Als eine Bombe in Spanien explodiert ist, wurden in Athen trotzdem die Olympischen Spiele ausgetragen. Die Entfernung ist ähnlich. In den vergangenen Jahren sind viele Europäer nach Südafrika gereist. Da hat kein Mensch über die Sicherheit diskutiert. Ich bin sehr froh, dass die Fifa die WM nach Afrika gegeben hat.

Morgenpost Online: Aber in Johannesburg gibt es ja tatsächlich viele Überfälle.

Baffoe: Weiß ich. Aber das passiert auch in New York und in Berlin. Glauben Sie ja nicht, dass bei der WM 2006 in Deutschland keinem sein Handy gestohlen wurde, keiner überfallen wurde und keiner beleidigt wurde. Damals haben sich die Menschen eher Sorgen wegen des Rassismus in Deutschland gemacht. Und wurden bei der WM positiv überrascht! Eine solche positive Überraschung wollen wir auch schaffen. Wir wollen zeigen, dass Afrika ein solches Turnier ausrichten kann. Ich bete, dass nichts Gravierendes passiert. Wir haben die WM verdient.