Schon bei der Hymne wirkten die Azurblauen, als wollten sie sich Mut machen. Inbrünstig schmetterten die Balltreter aus dem Land der Tenöre ihr Lied über die „Fratelli d’Italia“, die Brüder Italiens in den Kapstädter Dauerregen hinaus. Dann machten sie sich in ihrem originären Handwerk am Ball daran, in ihrem Auftaktspiel gegen Paraguay nachzuweisen, dass sie als Titelverteidiger erneut zu den Favoriten zählen.

Das Unterfangen gelang nicht wirklich. Manövrierten sich die Italiener noch beim Triumph in Deutschland ohne Niederlage durch das Turnier, so bahnt sich in Südafrika die Erfüllung aller Prophezeiungen an: Mit viel Häme war die überalterte Auswahl von Marcello Lippi zur Mission Titelverteidigung entsandt worden.

Das 1:1 (1:0) gegen Paraguay legt nahe, dass das Team womöglich seinen Zenit überschritten hat, obwohl das Ergebnis den Kontrahenten bei den weiteren Gruppengegnern Neuseeland und Slowakei weiter alle Chancen eröffnet. „Wir müssen bedauern, dass wir nur 1:1 gespielt haben“, klagte Lippi, „sie sind einmal vor das Tor gekommen und haben mit einer Standardsituation das Tor gemacht, wir hingegen haben nicht nur körperlich gut gespielt, auch spielerisch.“

Nach einer schwungvollen Anfangsoffensive mit Direktpassspiel und Mini-Forechecking wich der Mumm aus den Weltmeistern. Offensicht vermissten sie ihren Denker und Lenker Andrea Pirlo vom AC Milan, der an einer Wadenzerrung litt. „Ich habe Andrea nie so traurig gesehen“, sagte Kollege Gennaro Gattuso, „okay, er macht immer ein trauriges Gesicht. Aber jetzt ist er sehr, sehr traurig.“

Obwohl Gattuso und Pirlo fehlten, begann Lippi mit sechs Weltmeistern: Neben dem viermaligen Welttorhüter Gianluigi Buffon, für den nach der Halbzeitpause wegen eines eingeklemmten Ischiasnervs Federico Marchetti aus Cagliari (27) kam, durften Gianluca Zambrotta, Fabio Cannavaro als Kapitän, Daniele De Rossi, Vincenzo Iaquinta und Alberto Gilardino beginnen. Doch den Helden von 2006 haftet der Ruf an, nach ihrem Glanzstück nicht mehr hungrig genug nach Siegen zu sein, um mit den jungen Stars anderer Nationen konkurrieren zu können.

Nachdem das Spiel zunächst zwar tempo- und kampfreich, aber nur im unspektakulären Bereich zwischen den beiden Strafräumen auf einen Nichtangriffspakt der Gruppenfavoriten hinauslief, legte Paraguay bei seinem Führungstreffer den Finger in die italienische Wunde. Fast von der Mittellinie flog in der 39. Minute ein hoher weiter Freistoß in den italienischen Strafraum an die Stelle, an der sich mit Cannavaro und de Rossi zwei Weltmeister drängelten, die 2006 im ganzen Turnier gerade zwei Tore zugelassen hatten.

Doch 2010 gelten andere Regeln und Qualitätshierarchien: Cannavaro, 2009 von Real Madrid in die Heimat nach Turin gewechselt, verpasste ganz den Absprung, de Rossi stand schlechter, und von hinten rauschte zum Kopfball Antolin Alcaraz heran, der das Leder zum Entsetzen ganz Italiens in der rechten unteren Torecke unterbrachte.

Erst anschließend gelang es den Südamerikanern allmählich, sich die Führung auch zu verdienen. Weil die Italiener größeren Offensivdruck entwickeln mussten, setzten sich die Dortmunder Bundesliga-Stürmer Nelson Valdez und Lucas Barrios, die den Vorzug vor dem Ex-Münchner Roque Santa Cruz erhalten hatten, kurzzeitig besser in Szene.

Für die Wende sorgte in der 63. Minute Paraguays Torwart, als die Italiener sogar in der Heimat schon abgeschrieben zu werden drohten. Wie der englische oder der algerische Kollege zeigte Justo Villar entscheidende Schwächen, als er bei einer Flanke unter dem Ball durchhüpfte, so dass hinter ihm de Rossi den Abwehrfauxpas mit dem Ausgleichstreffer wieder gutmachen durfte.

Danach schien es, als dauerten in Paraguay Fußballspiele nur 70 Minuten: Die Südamerikaner waren stehend K.o. und beschränkten sich darauf, dem steigenden Druck der Azurblauen ohne Gegentreffer standzuhalten. Und tatsächlich: Obwohl Italiens Wille zum Sieg deutlich den Paraguays überstieg, verhinderte eine gewisse Ideenlosigkeit gepaart mit einem Haufen Fehlpässen den Sieg.

„Man muss sich die spielerische Qualität der gegnerischen Mannschaft vor Augen führen“, verteidigte Paraguays Trainer Gerardo Martino die Vorstellung seines Teams: „Im ersten Spiel bei einer WM ist viel Aufregung dabei, viel Druck und viel Nervosität im Spiel.“ Dortmunds Stürmer Nelson Valdez meinte zufrieden: „Wir müssen den Punkt wie einen Sieg ansehen und die anderen zwei Spiele gewinnen. Wir haben eine Sekunde gepennt, das kann man sich gegen ein solches Team nicht leisten.“

Vor dem Spiel hatte es zunächst große Probleme beim Einlass der Zuschauer gegeben. Das private Sicherheitspersonal war wegen eines Lohnstreits in den Streik getreten. Die Polizei musste kurzfristig übernehmen. Es kam dadurch zu erheblichen Verzögerungen für die Besucher.

sid/fb