Der Franzose Arsene Wenger zählt zu den besten Trainern im Weltfußball. Der 60-Jährige betreut seit 14 Jahren den englischen Spitzenklub FC Arsenal und gewann mit ihm dreimal die Meisterschaft.

Morgenpost Online: Herr Wenger, trauen Sie der deutschen Mannschaft den WM-Titelgewinn zu?

Arsene Wenger (60): Um ehrlich zu sein: nein. Sie zählt für mich nicht zu den Topfavoriten des Turniers.

Morgenpost Online: Warum nicht?

Wenger: Durch die Verletzung von Michael Ballack hat sie ihren absolut wichtigsten Spieler verloren. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht mir gar nicht so sehr um den sportlichen Verlust. In dieser Hinsicht kann eine Mannschaft das vielleicht kompensieren. Aber eine derart dominierende Persönlichkeit ist nicht zu ersetzen.

Morgenpost Online: Das heißt, Ballack wird den Deutschen in erster Linie als Persönlichkeit fehlen?

Wenger: Ja, so sehe ich das. Wenn es hart auf hart kommt, wenn sich die Mannschaft wenige Minuten vor dem Anpfiff in der Kabine vorbereitet, dann schauen sich die Spieler um – und wenn dort Typen wie früher Franz Beckenbauer, Johan Cruyff oder Zinedine Zidane neben dir sitzen, dann glaubst du daran, alles schaffen zu können. Ich fürchte, den Deutschen fehlen die bestimmenden Figuren, die erforderlich sind, um so ein Turnier für sich zu entscheiden.

Morgenpost Online: Die WM wird für Deutschland also enttäuschend?

Wenger: So weit würde ich nicht gehen wollen. Die Deutschen sind immer noch die Deutschen. Jeder weiß, dass sie in der Lage sind, sich in etwas hinein zu beißen.

Morgenpost Online: Ballack fehlt. Wer ist aus Ihrer Sicht der Schlüsselspieler?

Wenger: Da fällt mir als erstes Bastian Schweinsteiger ein. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Ich liebe diesen Schweinsteiger. Er war schon immer ein guter Spieler, aber etwas zu langsam, um auf der Außenbahn seine ganze Klasse zu entfalten. Es fehlte ihm das Tempo, um an seinen Gegnern vorbeizulaufen, daher musste er oft in das Dribbling gehen. Die Position im zentralen Mittelfeld liegt ihm, da hat er mich in dieser Saison tief beeindruckt, sich stark entwickelt.

Morgenpost Online: Wäre Schweinsteiger ein Kandidat für einen Topklub in der englischen Premier League?

Wenger: Ich bin davon überzeugt, dass er sich durchsetzen würde.

Morgenpost Online: Das klingt so, als hätten Sie großes Interesse daran, ihn für Arsenal London zu verpflichten.

Wenger: Bayern München hat ganz sicher kein Interesse daran, einen der besten Leute zu verkaufen.

Morgenpost Online: Gibt es noch andere deutsche Spieler, auf die Sie gespannt sind?

Wenger: Mesut Özil hat in dieser Saison bei Werder Bremen eine gute Rolle gespielt. Er ist sehr kreativ und hat die Qualität, ein Star von morgen zu werden. Mir ist allerdings auch aufgefallen, dass er sich im Verlauf eines Spiels seine Pausen nimmt, irgendwie abschweift. Ich denke, die nächste Saison wird sehr wichtig für seine Karriere.

Morgenpost Online: Ein Triumph des deutschen Teams würde Sie überraschen. Wer gewinnt die WM, wenn aus Ihrer Sicht alles ganz normal läuft?

Wenger: An erster Stelle sind die Spanier zu nennen. Sie haben in Cesc Fabregas, Andres Iniesta und Xavi das beste Mittelfeld der Welt, in David Villa und Fernando Torres zudem zwei Stürmer, die ein Spiel allein entscheiden können. Wenn alles normal läuft, gewinnt Spanien den WM-Titel.

Morgenpost Online: Wer sind die stärksten Rivalen?

Wenger: Es gibt einige Mannschaften, die über hohe Qualität verfügen – und während eines Turniers entscheidet auch die Tagesform oder ein positives Erlebnis gleich zu Beginn, das dazu führt, dass es klick macht. Ich habe die Niederländer auf der Rechnung, und auch England startet mit einer Generation von Spielern in die WM, für die es heißt: jetzt oder nie.

Morgenpost Online: Sie setzen also auf einen Sieg für Europäer?

Wenger: Das sind meine Favoriten, ja. Ich bin aber auch sehr gespannt darauf, was die Argentinier leisten können. Sie haben eine gute Mannschaft, mit Lionel Messi, Gonzalo Higuain, Carlos Tevez und Sergio Aguero den besten Angriff…

Morgenpost Online: …und Diego Maradona als Trainer.

Wenger: Genau, und deshalb bin ich hin und her gerissen. Maradona kann ein Vorteil sein, mit seinem großen Namen, seiner Ausstrahlung, seinem Charisma. Aber Maradona kann für die Argentinier auch zum Nachteil werden. Denn es fehlt ihm an Erfahrung, die ein Trainer benötigt, um die Nerven zu bewahren, Ruhe auszustrahlen und in den speziellen Momenten die richtigen Dinge zu tun, die über Sieg und Niederlage entscheiden.

Morgenpost Online: Sie haben Ihre Favoriten genannt und dabei auf Brasilien und auch auf Weltmeister Italien verzichtet. Bewusst?

Wenger: Ja. Die Brasilianer haben bei der Zusammensetzung des Kaders sehr auf Solidität gebaut. Klar, es sind richtig gute Spieler dabei, keine Frage. Aber es mangelt ihnen an kreativer Stärke, an Ausnahmekönnern, die am Ende den Unterschied ausmachen. Da sind andere Mannschaften einfach besser besetzt. Und kurz zu Italien: Ich habe Respekt vor ihnen, weil sie immer aus dem Minimum das Maximum machen. Aber ich glaube nicht, dass sie die Qualität haben, diese Weltmeisterschaft zu gewinnen.

Morgenpost Online: Sie sind Franzose, Ihr Herz schlägt doch sicher für „Les Bleus“, oder?

Wenger: Natürlich schlägt mein Herz für die Franzosen, aber ich habe nicht allzu hohe Erwartungen. Wenn das Team die Gruppenphase gut übersteht, dann kann es für jeden Gegner gefährlich werden. Wie gesagt, es muss klick machen.

Morgenpost Online: Was trauen Sie den Afrikanern zu?

Wenger: Ich bin jetzt seit einigen Tagen in Johannesburg und absolut begeistert von der Stimmung, von diesem Enthusiasmus der Menschen. Die ganze Welt ist in den nächsten Wochen zu Gast, darauf sind die Leute stolz, das spüre ich. Afrika wird beweisen, dass es in der Lage ist, so eine riesige Veranstaltung über die Bühne zu bringen. Alles bewegt sich, es geht voran, diese Botschaft wollen sie überallhin transportieren. Und das wird die afrikanischen Teams auch in sportlicher Hinsicht beflügeln.

Morgenpost Online: Neben Gastgeber Südafrika treten auch die Elfenbeinküste, Kamerun und Ghana an.

Wenger: Ich denke, die Elfenbeinküste hat gute Chancen, für eine Überraschung zu sorgen. Sie haben eine Reihe von Spielern, die in Europa bei großen Klubs unter Vertrag stehen. Das ist wichtig.

Morgenpost Online: Am Ende des Turniers werden der beste Spieler, der beste Torjäger und der beste junge Spieler ausgezeichnet. Wen sehen Sie vorn?

Wenger: Das ist schwierig zu beantworten, es sind so viele außergewöhnliche Spieler dabei. Wayne Rooney bringt alles mit, um zu den Größten zu zählen. Er hat Technik, Kraft, dazu diesen unbändigen Willen. Cristiano Ronaldo ist grandios, natürlich auch Messi. Bei den Torjägern könnte sich Robin van Persie durchsetzen. Und als besten jungen Spieler sehe ich Fabregas.

Morgenpost Online: Warum erwähnen Sie ausgerechnet den designierten Superstar Messi nur in einem Halbsatz?

Wenger: Messi ist ein großer, ein fantastischer Spieler. Er hat mehr Talent, mehr Qualität als jeder andere. Aber: Er ist auch mehr als jeder andere Spieler auf einen perfekten Rasen angewiesen, um seine Klasse, seine Schnelligkeit umzusetzen. Im Camp Nou in Barcelona ist Messi nicht zu stoppen. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass die Platzverhältnisse in Südafrika ähnlich brillant sind. Wenn die Böden trocken und stumpf sind, ist das gerade für Messi ein großes Handicap. Warten wir ab.