Klaus Augenthaler (52) gehört zu den größten Persönlichkeiten im deutschen Fußball. Beim letzten Weltmeisterschaftstriumph 1990 in Italien war er der Libero der Nationalmannschaft. Mit seinem Verein FC Bayern München stand er zwei Mal im Finale des Europapokals der Landesmeister und wurde mehrfach Deutscher Meister und Pokalsieger.

Morgenpost Online: Herr Augenthaler, haben wir gestern Ihre Nachfolger gesehen?

Klaus Augenthaler: Soweit will ich mich nicht aus dem Fenster lehnen. Man kann die Elf von 1990 nicht mit der jetzigen vergleichen. Aber nach dieser Leistung traue ich dieser Mannschaft auf jeden Fall zu, dass sie ganz weit kommt.

Morgenpost Online: Das 4:1 war der höchste deutsche Sieg über England. Wie ordnen Sie die Leistung ein?

Augenthaler: Das war eine geschlossene Mannschaftsleistung. Das war das beste Spiel dieser Weltmeisterschaft mit einem verdienten Sieger. Nach dem 2:0 sah es so aus, dass es eine ganz klare Sache wird. Da dachte ich, die Engländer kriegen gleich das dritte und vierte Tor. Aber es wurde dann noch mal richtig interessant mit dem Anschlusstor und dem eigentlichen 2:2.

Morgenpost Online: Sie können sich vorstellen, was in England los ist. Dem nicht gegebenen Tor von Lampard werden sie nachweinen.

Augenthaler: Ich bin froh, dass das Spiel nicht 2:1 ausgegangen ist, sondern 4:1. Sonst hätte es mit Sicherheit ewig Diskussionen gegeben. Aber das Ergebnis war deutlich. Auch in England werden sie zugeben müssen, dass es ein verdienter Sieg war. Die Deutschen haben bewiesen, dass sie eine Mannschaft geworden sind. Sie sind mit der Überzeugung aufgetreten, dass sie England schlagen können, selbst als es zwischenzeitlich eng wurde.

Morgenpost Online: Die Art und Weise, wie England geschlagen wurde, wird wohl auch bei den anderen Nationen Eindruck hinterlassen haben.

Augenthaler: Ich denke schon, dass sich das einige Mannschaften und Trainer ganz genau angeschaut haben. Wenn man England 4:1 schlägt, hinterlässt das immer Eindruck. Es war vor allem auch spielerisch überzeugend.

Morgenpost Online: Der türkische Nationaltrainer Guus Hiddink meinte, man könne endlich auch Deutschland genießen.

Augenthaler: Das ist ein Verdienst von Joachim Löw. Er hat genau die richtigen Typen von Arbeitern, Indianern und Häuptlingen zusammengestellt. Und das Ergebnis ist eben auch eine überzeugende Spielkultur. Allerdings geht es mir zu weit zu sagen, wir haben früher nur durch die typischen deutschen Tugenden überzeugt. Auch damals hatten wir schon eine gewisse Spielkultur.

Morgenpost Online: Wie konstant ist diese junge DFB-Elf? Erst das Zitterspiel gegen Ghana, jetzt diese Vorstellung.

Augenthaler: In der mangelnden Konstanz sehe ich genau die Problematik. Die WM ist bislang ein Wechselbad der Gefühle. Erst das gute Australien-Spiel, dann hat man gegen Serbien und Ghana viel zu viele Chancen zugelassen. Und nun dieses Spiel gegen England. Insgesamt muss man aber sagen, und da vergleiche ich schon mit früher, noch fehlt die Konstanz, die wir bei den Turnieren hatten, in denen man weit gekommen ist.

Morgenpost Online: Thomas Müller wurde zum Mann des Spiels gewählt. Was sagen Sie zu ihm?

Augenthaler: Seine Entwicklung ist sensationell. Man muss sich immer vor Augen führen, dass er vor einem Jahr noch dritte Liga gespielt hat, dann gewinnt er mit Bayern zwei Titel, nun ist er Stammspieler in der Nationalmannschaft, macht gegen England zwei Tore und bereitet eines vor. Er ist 20, das darf man nie vergessen. Für ihn gibt es nur ein Wort: sensationell.

Morgenpost Online: Ein Erfolgsgarant gegen England war einmal mehr Bastian Schweinsteiger. Er dürfte wohl auch den letzten Kritiker überzeugt und seine Führungsqualitäten bewiesen haben.

Augenthaler: Für mich ist er eine der wichtigsten Personalien im deutschen Spiel. Er hat in diesem Jahr einen enormen Schritt gemacht. Er ist der Leader auf dem Platz und nicht zu ersetzen. Er ist so etwas wie der ruhende Pol und deswegen nicht immer der Auffälligste, aber ungemein wichtig.

Morgenpost Online: Wo sehen Sie noch Potenzial?

Augenthaler: Neben der fehlenden Konstanz muss man sich natürlich noch mal genau das Abwehrverhalten anschauen. Sie haben auch gegen England wieder Chancen zugelassen. Das ist nicht nur eine Sache der Innenverteidigung, sondern des gesamten Defensivverhaltens der Mannschaft. Das sollten sie im Viertelfinale auf jeden Fall abstellen, wenn sie ganz weit kommen wollen.