Milovan Rajevac ist ein Party-Muffel. Die Nationalspieler Ghanas feierten im Mannschaftshotel den 29. Geburtstag von Verteidiger John Pantsil, es gab Kuchen und afrikanische Musik – bis ihr Trainer hereinkam. Er beendete die Feier umgehend. „Wir müssen konzentriert sein“, sagte Rajevac mit Blick auf das Spiel gegen Deutschland heute.
Disziplin geht dem 56-Jährigen über alles. „Er ist ein Taktik-Fuchs und sieht das Fußball-Spiel wie ein Schachbrett. Rajevac legt großen Wert auf Details“, sagt Verteidiger Hans Sarpei von Bayer Leverkusen. Am Dienstag ließ Rajevac im Stadion Soccer City in Johannesburg trainieren und begutachtete jede kleine Unebenheit auf dem Rasen. Er kann wohl auf alle Spieler zurückgreifen, auch der zuletzt angeschlagene Verteidiger John Mensah meldete sich fit.
Der Serbe Rajevac will gegen die Deutschen ausgerechnet mit Hilfe „deutscher Tugenden“ gewinnen. Wer nicht mitzieht, hat schlechte Karten. Selbst wenn er gerade die Champions League gewonnen hat, wie Sulley Muntari.
Der Stürmer von Inter Mailand hatte den Trainer nach dem zweiten Gruppenspiel gegen Australien (1:1) beschimpft. Rajevac beschloss, ihn nach Hause zu schicken. Nur weil die anderen Spieler sich für Muntari aussprachen und er keine Unruhe aufkommen lassen wollte, begnadigte er den Profi. Von Anfang an spielen wird der 25-Jährige gegen Deutschland nach diesem Zwischenfall aber aller Voraussicht nicht.
Seine Kollegen haben in den ersten beiden Partien bewiesen, dass sie nicht auf ihn angewiesen sind. Die Spieler, auf die Deutschland heute besonders achten muss, sind andere: Der linke Mittelfeldspieler Andre Ayew, Sohn der ghanaischen Fußball-Legende Abedi Pele (ehemals 1860 München). Oder Anthony Annan, Neffe von Kofi Annan, dem einstigen Generalsekretär der Vereinten Nationen. Er ordnet mit Kevin Boateng vor der Abwehr das Spiel. Stürmer Asamoah Gyan, der bislang beide Turniertore Ghanas erzielte (jeweils durch Elfmeter), und der zuverlässige Linksverteidiger Sarpei, als Kind mit seiner Familie aus Ghana nach Köln gezogen.
Der 33-Jährige teilt sich während der WM ein Zimmer mit Boateng, der erneut den Deutschen Fußball-Bund kritisierte. „Die deutschen Funktionäre, die mich permanent kritisiert haben, können mir jetzt gern zuschauen und mich beurteilen. Vielleicht kommen sie irgendwann zur Ansicht, dass auch sie etwas falsch gemacht haben im Umgang mit mir“, sagte er der „Sport Bild.“ Nach einem Tor wolle er mit dem Team „ein schönes Tänzchen für die deutschen Kollegen“ aufführen.
Stichwort Boateng: Buchmacher „PartyBets“ bietet Wetten in Bezug auf ihn an. 1,35 lautet die Quote, wenn nichts passiert, 3,00 bei einer Gelben Karte, 10,0 bei Rot, 12,00 bei Gelb-Rot.
Seine Mannschaft, so Sarpei, habe im Vergleich zu früheren Turnieren die spielerische Stärke mit der europäischen Effektivität verbunden und sei eine Einheit. Sarpei war schon bei der WM 2006 in Deutschland dabei. Damals schied Ghana im Achtelfinale gegen Brasilien (0:3) aus. „Dieses Jahr wollen wir als erste afrikanische Mannschaft in ein WM-Halbfinale einziehen.“
Ghana will jedem Fall Rote Karten vermeiden. Hoffnung macht Sarpei, dass nicht nur er die heutigen Gegenspieler aus der Bundesliga bestens kennt. Boateng hat für Hertha BSC und Borussia Dortmund gespielt, Stürmer Prince Tagoe und Verteidiger Isaac Vorsah stehen bei 1899 Hoffenheim unter Vertrag. Sie wissen auch, wie sich die Deutschen heute in den Stunden vor dem Spiel verhalten – und machen es ganz anders.
„In Deutschland muss man nach außen immer zeigen, dass man fokussiert ist und am besten wenig lachen. Wir beten vor dem Spiel, dazu gehört auch Singen und Klatschen. Auf der Fahrt zum Spiel wird es im Bus richtig laut“, erzählt Sarpei. Die meisten Spieler sind Christen, einige Muslime. Doch bei ihrem Gebet macht das keinen Unterschied. Meist wird ein Spieler ausgewählt, der vor allen spricht, hin und wieder auch auf Deutsch. Dass das nicht alle verstehen, ist nicht wichtig. Die Gemeinschaft zählt. Einige Spieler seien schon vor der Ankunft im Stadion nass geschwitzt, auch weil sie tanzen.
Es geht zu wie auf einer Party. Die Ghanaer brauchen das. Und deswegen drückt Trainer Rajevac hier ausnahmsweise beide Augen zu.





