Oliver Kahn (40) war Welttorhüter, mehrmals Deutscher Meister und Pokalsieger. Er gewann 2001 mit dem FC Bayern die Champions League und verpasste mit der Nationalmannschaft 2002 nur knapp den WM-Sieg, als die DFB-Elf im Finale gegen Brasilien 0:2 verlor. Kahn war bekannt für seinen Ehrgeiz. Drucksituationen empfand er als besondere Herausforderung.
Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Lage vor dem Spiel, das die deutsche Mannschaft gewinnen muss, um ins Achtelfinale einzuziehen?
Oliver Kahn: Die deutsche Mannschaft erlebt derzeit ihre erste extreme Situation bei diesem Turnier. Sie steht unter hohem Druck. Jetzt ist das ganze Team gefordert, insbesondere aber die Führungsspieler.
Morgenpost Online: Trauen Sie der Mannschaft zu, dass sie dem Druck standhält?
Kahn: Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass sich die Mannschaft gegen Ghana behauptet. Doch es bringt diesbezüglich jetzt wenig, auf alte Zeiten zu verweisen, in denen sich deutsche Mannschaften auf Grund bestimmter Tugenden durchgesetzt haben. Die Mannschaft ist relativ jung und muss nun beweisen, dass sie dieser Aufgabe gewachsen ist. Wenn ihr das gelingt, kann das ein richtungweisendes Erlebnis für den weiteren Turnierverlauf sein.
Morgenpost Online: Weil ein Erfolgserlebnis neue Kräfte freisetzen würde?
Kahn: Nicht nur das. Gewinnt die deutsche Mannschaft das Spiel gegen Ghana, hätte sie etwas Wichtiges dazugelernt im Umgang mit solchen Drucksituationen. Das könnte die Mannschaft noch weiter zusammenschweißen.
Morgenpost Online: Als früherer Profi des FC Bayern und deutscher Nationaltorhüter haben Sie unzählige Situation erlebt, in denen es Druck gab. Wie sind Sie damit umgegangen?
Kahn: Ich habe Druck nie als negativ empfunden. Es war irgendwie Anreiz und hat Kräfte frei gesetzt. Zunächst einmal ist es wichtig, dass sich jeder einzelne Spieler zu 100 Prozent auf seine persönliche Aufgabe konzentriert. Jeder muss sich optimal vorbereiten und sehr konzentriert trainieren. Dazu ist es von Bedeutung, immer wieder miteinander zu kommunizieren, sich gegenseitig zu motivieren. Aber es muss innerhalb des Teams natürlich zwei, drei Figuren geben, die diese totale Überzeugung in sich haben. Diese müssen sie versuchen, auf ihre Kollegen zu übertragen. Sie müssen sie mitreißen. Am Ende steht zwar eine Mannschaft auf dem Platz. Aber du brauchst in solchen Spielen immer zwei, drei Leute, die den Rest mitziehen und das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Gerade die jungen Spieler brauchen jetzt Typen, an denen sie sich festhalten können.
Morgenpost Online: Wer wären denn Ihrer Meinung nach die Typen, die jetzt vorweg gehen müssten?
Kahn: Joachim Löw hat ja einen Mannschaftsrat gebildet mit Spielern, von denen er annimmt, dass sie dazu in der Lage sind. Natürlich kommt es jetzt auf Spieler wie Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger an. Sie sind beide beim FC Bayern, wo ständig Druck herrscht. Sie kennen Situationen wie diese und haben Erfahrung. Beide wissen, was zu tun ist. Aber auch ein Arne Friedrich spielt da eine wichtige Rolle. Er ist ein sehr erfahrener Profi, der schon viele schwierige Sachen erlebt hat. Selbst Jörg Butt als dritter Torhüter kann jetzt wichtig für das Team werden. Er hat einen großen Erfahrungsschatz durch seine Zeit bei Bayer Leverkusen, in der Nationalelf und jetzt in München. Das wären die Spieler, die dem Team jetzt eine große Hilfe sein können.
Morgenpost Online: Welche Rolle spielt der Bundestrainer?
Kahn: Es ist doch völlig normal, dass auch der Bundestrainer bis kurz vor Anpfiff alles tun wird, um die Mannschaft in die Erfolgsspur zu bringen. Er wird bis zuletzt Optimismus verbreiten, die Spieler stark reden und ihnen sagen, dass sie Ghana besiegen werden, wenn jeder seine Aufgabe ordentlich erfüllt. Insgesamt ist es wichtig, dass alle Beteiligten im Umfeld eine so gute Stimmung erzeugen und so perfekte Rahmenbedingungen schaffen, dass die Mannschaft in der Lage ist zu explodieren.
Morgenpost Online: Und wenn das nicht gelingt?
Kahn: Ich kann mir beim besten Willen nicht mal im Ansatz vorstellen, dass die deutsche Mannschaft gegen Ghana nicht gewinnt und somit ausscheidet. Schon rein aus sportlichen Gründen. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass afrikanische Mannschaften nur sehr schwer mit Drucksituationen umgehen können. Ghana führt zwar die Tabelle an, hat aber offensichtlich Probleme im defensiven Bereich. Da wäre es sogar überlegenswert, in diesem Spiel von dem System mit einer Spitze abzukehren und für eine Partie zum alten mit zwei Spitzen zurückzukehren. Aber selbst wenn das nicht passieren sollte, sehe ich die deutsche Mannschaft klar im Vorteil. Zumal sie im Vergleich zu Ghana viel bessere Spieler für die jeweiligen Positionen in der Hinterhand hat.
Morgenpost Online: Wie bewerten Sie bislang das Niveau der WM?
Kahn: Ich muss sagen, dass das Niveau der ersten Spiele nicht so gut war. Aber das hat ja irgendwie schon Tradition. Jetzt, wo bei den Teams die anfängliche Verkrampfung abgefallen ist, geht die Tendenz nach oben. Komischerweise wird es bei so einem Turnier immer dann besser, wenn die Mannschaften auf Grund bestimmter Konstellationen ihre taktischen Grundeinstellungen über Bord werfen müssen. Insgesamt setzt sich der Trend von der Weltmeisterschaft 2006 fort. Schon damals haben die meisten Mannschaften nicht mehr auf das alt bewährte 4-4-2-System gesetzt, sondern auf die Variante mit der „Doppelsechs“ vor der Viererkette und nur noch vier Offensiven davor umgestellt. Diese taktische Grundeinstellung hat dazu geführt, dass es immer schwieriger geworden ist, Tore zu erzielen. Wir sehen auch in Südafrika wieder, dass viele Mannschaften sehr tief stehen und erst einmal darauf bedacht sind, Tore zu verhindern.
Morgenpost Online: Wer ist Ihr Favorit auf den Titel?
Kahn: Den besten Eindruck machen momentan die Argentinier.



