Ghanas Kevin Prince Boateng hat mit seinem Foul gegen Michael Ballack auch einen Zwist mit seinem Halbbruder Jerome, Verteidiger in der deutschen Nationalmannschaft, ausgelöst. Der hofft auf eine Weiterkommen der DFB-Elf, wünscht seinem Bruder aber auch das Beste.

Morgenpost Online: Herr Boateng, Ghana gegen Deutschland, das ist auch das Duell der derzeit zerstrittenen Brüder. Wird es zwischen Ihnen und Kevin Prince auf dem Platz ein Zeichen der Aussöhnung geben?

Jerome Boateng (21): Das weiß ich nicht. Wir haben nicht mehr miteinander gesprochen. Die Situation ist nun mal so, das kommt in anderen Familien auch vor. Ich warte ab, wie es während des Spiels oder danach läuft, wünsche ihm aber das Beste. Er ist schließlich mein Bruder.

Morgenpost Online: Hat sich der Familienrat nicht eingeschaltet?

Boateng: Nein. Was sollten sie auch sagen? Wir sind alt genug, das unter uns zu klären.

Morgenpost Online: Bedauern Sie die Eskalation?

Boateng: Natürlich! Ich finde es schade, dass Kevin damit angefangen hat. Ich habe dann zwar auch öffentlich geantwortet, aber über unseren Streit musste nicht die ganze Welt Bescheid wissen. Er hätte mir am Telefon sagen können: „So geht’s nicht!“ Und beim Spiel hätten wir uns die Hand gegeben.

Morgenpost Online: Bedauern Sie, dass Sie und er national getrennte Wege gegangen sind?

Boateng: Selbstverständlich. Aber es war seine Entscheidung. Er hat eben seinen Kopf und ich meinen.

Morgenpost Online: Nach Kevins Foul gegen Ballack gab es etliche rassistische Reaktionen deutscher Fans.

Boateng: Das hat sich inzwischen gelegt. Ich habe sie auch nicht persönlich erhalten, sondern mein Berater per E-Mail. Er hat mir gesagt: „Leider ist es immer noch da.“ Ich selbst hatte aber in den vergangenen Jahren nicht unter Rassismus zu leiden.

Morgenpost Online: Ist das Spiel morgen für Ihren Vater am schwierigsten?

Boateng: Überhaupt nicht. Der hat immer gute Laune, freut sich auf das Spiel und sagt: „Der Bessere soll gewinnen.“ Er wird auf der Tribüne sitzen.

Morgenpost Online: Wie stehen Sie in Kontakt zu ihm?

Boateng: Wir haben uns am Sonntag getroffen und uns unterhalten, aber nicht über das Spiel oder das Bruder-Thema. Er sagte nur, dass ich weiter gut trainieren und mir keine Sorgen machen soll. Er wünscht sich, dass ich mich auf den Fußball konzentriere.

Morgenpost Online: Wie bewerten Sie die bisherigen Leistungen Ihres Bruders?

Boateng: Er hat sehr gut gespielt, gerade unter den Umständen. Schließlich heißt es nicht: Heute spielt der Kevin. Sie sagen: Heute spielt der Treter. Ich hoffe, dass er sich am Mittwoch nicht so einen Kopf und sein Spiel machen kann. Natürlich will ich nicht, dass er sein bestes Spiel macht (lacht).

Morgenpost Online: Gehen Sie nicht auch emotional vorbelastet in das Spiel? Warum ist nicht zu befürchten, dass Sie übermotiviert wären?

Boateng: Ich kann solche Überlegungen verstehen, und natürlich kann es sein, dass ich ein Stück aufgeregter bin als sonst. Aber wenn ich an das Russland-Spiel in der WM-Qualifikation, denke, an mein erstes Länderspiel: Damals war ich auch verdammt aufgeregt, aber nach dem Anpfiff gab es nur noch den Fußball, dann ist alles andere vergessen. Ich könnte diese ganzen Randerscheinungen auch gegen Ghana beiseite schieben.

Morgenpost Online: Gibt es eine Chance auf einen Einsatz in der Verteidigung?

Boateng: Das kann ich noch nicht sagen, das habe ich im Training noch nicht erkennen können. Natürlich hoffe ich darauf und biete mich an.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich als Verlierer der Vorbereitung?

Boateng: Nein. Erstens bin ich noch jung, und zweitens wollte Philipp Lahm gern rechts spielen. Es ist ja nicht so einfach, sich gegen den Kapitän durchzusetzen. Ich muss alles positiv sehen. Ich versuche jetzt eben, mir einiges abzuschauen, auch von den Innenverteidigern.