Die Gelassenheit nimmt ihnen keiner. Erst recht kein Unentschieden gegen Australien. Nach dem 1:1 (1:1) in ihrem zweiten Spiel in der Gruppe D schlurften die Nationalspieler Ghanas Samstagabend mit einem Lächeln zum Mannschaftsbus. Fast alle trugen Kopfhörer, Kevin Boateng eine Baseball-Kappe und offene Turnschuhe, andere Taschen und Schals von der Edelmarke Louis Vuitton. Dazu der lässige Gang – sie sahen aus wie eine Rap-Gruppe. Die Hip-Hop-Karawane zieht weiter, zum Spiel gegen Deutschland am Mittwoch (20.30 Uhr) in Johannesburg. „Nach diesem Spiel ist in unserer Gruppe noch alles offen, aber wir sind zuversichtlich. Deutschland ist ein schwerer Gegner, für den es auch um viel geht. Es wird ein Gewinn-oder-stirb-Spiel“, sagte Kapitän und Torwart Richard Kingson.
Die Konstellation in der Gruppe nach Punkten: Ghana vier, Deutschland drei, Serbien drei, Australien einen. Die Partie der Deutschen gegen Ghana ist das Endspiel um den Gruppensieg – und den damit vermeintlich leichteren Achtelfinal-Gegner. Die Australier hingegen haben nur im Falle eines Sieges gegen Serbien noch eine theoretische Chance auf den Einzug in die nächste Runde. Sie müssen zudem hoffen, dass Deutschland und Ghana nicht Unentschieden spielen. „Wir haben heute unglaubliche Chancen ausgelassen. Jetzt sind wir zum Siegen verdammt. Es wird sehr schwer für uns“, sagte Trainer Pim Verbeek.
Vor 34.812 Zuschauern im Royal Bafokeng Stadion enttäuschte seine Mannschaft erneut. Dabei war sie durch einen Fehler Kingsons früh in Führung geraten. Der Torwart ist bei den Fans in seiner Heimat sehr beliebt. Weil er so lustig, so ehrgeizig und so gläubig ist. Aber zu ihrem Leidwesen auch so unsicher. Und so ließ der vertraglose 32-Jährige den nicht harmlosen, aber haltbaren Freistoß von Marco Bresciano nach vorn abprallen. Brett Holman musste nur noch einschieben (11.). Es war bei weitem nicht sein erster Fehler, auch in der WM-Vorbereitung hatte er gepatzt.
Kingson ist die Schwachstelle Ghanas. Vor dem Aufeinandertreffen in der nächsten Woche machte sich Bundestrainer Joachim Löw am Samstag selbst ein Bild von den Stärken und Schwächen des nächsten Gegners: Mit Chefscout Urs Siegenthaler saß er auf der Tribüne. Und dürfte Bastian Schweinsteiger und Co. in den nächsten Tagen empfehlen, am Mittwoch viele Fernschüsse zu riskieren. „Wir haben gesehen, dass sie verwundbar sind“, sagt Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff. Die Spieler verfolgten die Partie am Fernseher.
Zweite Erkenntnis für Löw und ihn: Kevin Boateng hat sich innerhalb von nur drei Spielen (ein Test, zwei WM-Partien) zu einer feste Größe in der Mannschaft Ghanas entwickelt. Vor der Abwehr spielend bestimmt er das Tempo, gewinnt seine Zweikämpfe, verteilt die Bälle und sorgt für Torgefahr. In der 43. Minute schnappte er sich an der Mittellinie den Ball, lief bis in den Strafraum und zog ab – nur eine Parade des australischen Torhüters Mark Schwarzers verhinderte die Führung. Nicht viele Spieler haben bei dieser WM bislang eine solche Dynamik ausgestrahlt. Erst recht keiner der Australier.
Bei ihnen war es Harry Kewell, der sich einen folgenschweren Reflex leistete. Den Schuss von Jonathan Mensah wehrte er auf der Torlinie mit der Hand ab – Elfmeter und Rote Karte (25.). Den fälligen Strafstoß verwandelte Asamoah Gyan – es war sein zweiter Turniertreffer, auch den ersten erzielte er per Elfmeter. Es ist nicht die WM der australischen Stars: Erst wurde Tim Cahill wegen eines Fouls gegen Deutschland vom Platz gestellt, nun Kewell. „Fuck off“, schrie er, als er vom Spielfeld ging. „Ich wollte den Ball mit der Brust spielen. Das ist alles sehr schade, aber so ist Fußball“, sagte er später.
In Überzahl war Ghana jetzt deutlich besser. Vor allem Gyan bekamen die Australier nicht in den Griff. Dennoch erspielten sich die Afrika-ner kaum Torchancen. Australien hatte Platz zum kontern, aber der eingewechselte Scott Chipperfield köpfte freistehend über das Tor (67.). Danach scheiterte Luke Wilkshire an Kingson (72.). „Für uns war das ein wichtiger Punkt. Wir hatten eine gute Taktik und freuen uns jetzt auf das Spiel gegen Deutschland“, sagte Ghanas Mittelfeldspieler Andre Ayew.
Die Marschroute für die Partie gibt Champions-League-Gewinner Sulley Muntari von Inter Mailand vor: „Wir wollen alle Vorrunden-Spiele gewinnen.“ Denn wie gelassen man sich auch gibt – nach Siegen kommt man einfach noch cooler rüber.
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