Die deutsche Nationalmannschaft ist technisch auf dem neuesten Stand. Auf dem Platz, was die Australier zähneknirschend zugeben mussten, aber auch daneben. Mit dem Nachrichtendienst Twitter zum Beispiel werden jeden Tag die neuesten Kleinigkeiten aus dem Mannschaftshotel vermeldet, gestern war der vereiste Springbrunnen am Haupthaus die Topnachricht. Zur Unterhaltung steht neben Laptops und Spielkonsolen auch ein extra eingerichtete Mini-Kino zur Verfügung, in dem Mittwochabend der Film „Inglorious Basterds“ gezeigt wurde. Den neuesten Clou jedoch steuert Mesut Özil der Hightech-Truppe bei.

Nicht nur, dass er am Ball höchsten technischen Ansprüchen genügt. Er hat in seinem Fußball-Schuh auch einen Mikro-Chip integriert. Der verrät zwar nicht, wann der beste Zeitpunkt zum Torschuss oder Abspiel ist, aber immerhin enthält er Hunderte von guten Wünschen, die seine Fans ihm vor der Weltmeisterschaft via Internet übermitteln konnten. Diese wurden dann auf den Speicherchip überspielt, der anschließend in Özils Schuh eingearbeitet wurde. Auch heute im Spiel gegen Serbien - Morgenpost Online berichtet live - wird er ihn tragen.

Özil spielte im Auftaktspiel so überragend, als ob alle Glückwünsche in seinem Schuh gleichzeitig in Erfüllung gegangen wären. Er zerlegte die australische Deckung mit seinen messerscharfen Steilpässen wie Toastbrot, bereitete einen Treffer vor und tauchte selbst so oft gefährlich vor dem Tor auf, dass Teammanager Oliver Bierhoff anmerkte: „Wenn er in den 1:1-Situationen gegen den Torwart noch abgeklärter wäre, würde er auch in der Torjägerliste ganz oben stehen.“

Tatsächlich ist nur der Abschluss die derzeit einzige erkennbare Schwäche des Deutsch-Türken. Der Rest seines Spieles war so vollkommen, dass über keinen anderen Spieler der WM so viel geredet wird wie über ihn. Sogar Bundestrainer Joachim Löw, der nach dem 4:0-Sieg vor allem versuchte, die Euphorie zu dämpfen, bescheinigte seinem Spielmacher außergewöhnliche Fähigkeiten: „Es ist ganz hohes Niveau, mit welcher Leichtigkeit er tödliche Bälle spielt.“

Doch die Wertschätzung eines Spielers zeigt sich am besten in den Kommentaren seiner Gegner. „Özil war überragend. Schon nach seinen ersten Ballberührungen war zu erkennen, dass er einen traumhaften linken Fuß hat. Er hält hinter den Spitzen das ganze Team zusammen“, sagte Englands Verteidiger Jamie Carragher.

Es ist schon erstaunlich, was ein einziges Spiel gegen einen international zweitklassigen Gegner auslösen kann. Aber bei einer Weltmeisterschaft, wo jedes Spiel unter dem Brennglas der Öffentlichkeit stattfindet, überhitzen die Gemüter schnell einmal. Selbst DFB-Jugendtrainer Horst Hrubesch, der ansonsten unverdächtig ist, euphorisch zu werden, meldete sich zu Wort. Zwar rief er Özil nicht als Messias aus, aber immerhin als „deutscher Messi“, was im Fußballbereich einen ähnlichen Stellenwert hat. Schließlich gilt der Argentinien Lionel Messi als bester Spieler der Welt.

Auch den Serben wird Özils Leistung nicht entgangen sein. Mit einer Sonderbewachung ist daher zu rechnen, nach der Pleite gegen Ghana kämpft der Gegner schließlich um den Verbleib im Turnier. „Wir hoffen, dass Mesut fit durchs Turnier kommt“, sagt Bierhoff zur Reifeprüfung seines U21-Europameisters – wohl wissend, dass die Serben auch rustikal auftreten können.

Auf der Internetseite „transfermarkt.de“ wird diskutiert, den für Özil festgelegten Marktwert von derzeit 20 Millionen Euro anzuheben, Summen von bis zu 30 Millionen sind im Gespräch. Nun ist derlei Forengeplauder nicht maßgeblich für den realen Markt, doch es bildet durchaus authentisch die Wertentwicklung des Spielers ab. In Beraterkreisen gelten Marktwertsteigerungen von 50 Prozent bei einer guten WM als durchaus realistisch.

Im Winter 2007/08 wechselte Özil für rund fünf Millionen Euro von Schalke 04 zu Werder Bremen und reifte dort vom „Problemfall“ zum überdurchschnittlichen Bundesligaspieler. In 71 Spielen für Bremen erzielte er 13 Treffer und lieferte bei 33 Toren die Vorlage.

Wertsteigernd wirken sich neben Özils Klasse vor allem zwei Umstände aus. Zum einen ist er mit seinen 21 Jahren noch sehr jung. Zum anderen läuft sein Vertrag beim SV Werden im kommenden Jahr aus. Wollen die Bremer also Kapital aus ihrem Spielmacher schlagen, müssen sie ihn in diesem Sommer verkaufen – oder langfristig binden. Özils Berater Reza Fazeli führte erste Gespräche mit den Werder-Verantwortlichen. Man verständigte sich, während der WM den Dialog auf Eis zu legen. Für Özil ein kluger Schachzug: Spielt er weiter so stark, verbessert sich seine Verhandlungsposition.

Werder-Manager Thomas Allofs dürfte also mit gemischten Gefühlen die WM-Spiele sehen. „Man hat gesehen, welche überragenden Fähigkeiten Mesut hat. Deshalb ist klar, dass er für andere Klubs interessant ist. Aber wir werden alles dafür tun, dass er auch in der kommenden Saison bei uns spielt“, sagte Allofs. Özil selbst blockt alle Fragen nach seiner Zukunft derzeit ab: „Dazu sage ich nichts, ich will mich voll auf die WM konzentrieren.“ Und die Reifeprüfung bestehen.