Nach dem Rausch folgte der Kater, und der deutschen Nationalmannschaft wird der Kopf noch in den kommenden Tagen gewaltig dröhnen, so wuchtig traf sie die Niederlage gegen Serbien. Nach dem 0:1 (0:1) im zweiten Gruppenspiel sind die Lobgesänge verstummt, die sich nach dem souveränen Auftaktsieg gegen Australien wie Honig über das Team ergossen hatten. Was bleibt, ist Ernüchterung und die Tatsache, nun das letzte Gruppenspiel gegen Ghana vermutlich gewinnen zu müssen, um weiterhin an der Weltmeisterschaft teilnehmen zu dürfen.

Die erste kalte Dusche gab es schon vor dem Anpfiff. Da aktivierten die Gastgeber noch einmal die Rasensprenger und verpassten damit nicht nur dem Grün eine Ladung Wasser, sondern auch Jens Lehmann. Der ehemalige Nationaltorwart ging auf dem Platz gerade seinem neuen Job als TV-Experte nach, als ihn die unerwartete Dusche traf. Auch die hinter der Werbebande platzierten Fotografen hüpften wie die Hasen.

Serbiens Trainer Radomir Antic ließ seinen Stürmer Marko Pantelic, den deutschen Fans noch bestens durch seine Zeit bei Hertha BSC bekannt, auf der Bank. Auch die beiden Deutschland-Legionäre Gojko Kacar (Hertha BSC) und Antonio Rukavina (1860 München) mussten das Spiel zunächst von draußen verfolgen. Bundestrainer Joachim Löw hingegen vertraute der Elf, die fünf Tage zuvor Australien mit 4:0 besiegt hatte.

Es war ein Heimspiel für seine Mannschaft: Im nicht ausverkauften Stadion verschafften sich die deutschen Fans immer wieder die akustische Hoheit über das Vuvuzela-Getröte. Das spornte die Mannschaft offenbar an: Ein erster Schussversuch von Sami Khedira verfehlte noch deutlich das Ziel (3.), während eine Direktabnahme von Lukas Podolski nur knapp neben dem linken Pfosten einschlug (7.). Doch schnell wurde auch klar, dass die Serben ein härterer Gegner werden sollten als die Australier. Nach ihrer Auftaktniederlage gegen Ghana (0:1) ging es für die Mannschaft von Kapitän Dejan Stankovic bereits um den Verbleib im Turnier.

Und das spürten die deutschen Spieler. Erst attackierte Branislav Ivanovic seinen Gegenspieler Lukas Podolski unfair (18.), dann fuhr Aleksandar Kolarov in die Beine von Thomas Müller. Beide Serben sahen dafür die Gelbe Karte. Allerdings wurden auch Miroslav Klose, Sami Khedira und Philipp Lahm früh verwarnt, die jeweils gegen Serbiens Stürmer Milos Krasic zu spät kamen. Die inflationäre Kartenvergabe von Schiedsrichter Alberto Undiano aus Spanien, der allein in der ersten Halbzeit sechsmal Gelb zückte und insgesamt auf neun Verwarnungen kam, sollte Folgen haben.

Als Miroslav Klose nach 36 Minuten übereifrig gegen Stankovic nachsetzte und von hinten hakelte, nestelte Referee Undiano erneut die Gelbe Karte aus der Brusttasche, was sich für den Stürmer zum Platzverweis summierte. Eine echte Dummheit: Mittlerweile hätte der Routinier erkannt haben müssen, dass der Spanier eine sehr rigorose Regelauslegung bevorzugt. So hatte die deutsche Mannschaft 54 Minuten in Unterzahl vor sich, von denen sie zwei unbeschadet überstand.

Denn kaum hatte Klose sich vom Platz geschlichen, setzte eine verhängnisvolle Kette von Fehlern in der deutschen Defensive ein. Erst konnte Holger Badstuber auf der linken Abwehrseite eine Flanke von Krasic nicht unterbinden, dann stieg Nikola Zigic höher als Per Mertesacker und köpfte den Ball in die Mitte, wo Arne Friedrich und Torwart Manuel Neuer zu spät gegen Milan Jovanovic kamen. Der Serbe schoss den Ball im Fallen aus vier Metern zum 1:0 ein (38.).

Die deutsche Schockstarre dauerte bis kurz vor dem Pausenpfiff. Dann nahm Khedira eine Faustabwehr des serbischen Torwarts Vladimir Stojkovic direkt und drosch den Ball an die Latte. Den Nachschuss per Fallrückzieher von Müller unterband Schiedsrichter Undiano wegen eines vermeintlichen Foulspiels.

Auch nach dem Seitenwechsel verzichtete Bundestrainer Löw zunächst auf personelle Veränderungen, Kloses verwaister Platz in der Sturmspitze blieb unbesetzt. Trotzdem erarbeitete die deutsche Mannschaft sich Chancen: Bastian Schweinsteiger bereitete Torwart Stojkovic mit einem Distanzschuss Probleme, dann verfehlte Lukas Podolski gleich zweimal nach Vorlagen von Özil das Tor nur knapp (57./59.). Dramatisch wurde die Abschlussschwäche des Kölners aber nach eine Stunde Spielzeit.

Der Serbe Nemanja Vidic hatte sich aus unerfindlichen Gründen nach einer deut-schen Flanke gehechtet und den Ball dabei mit der Hand gespielt. Zum fälligen Elfmeter trat Podolski an, zielte in die rechte Ecke und scheiterte dort am Torwart (61.). Das Spiel war auf dem besten Weg, zu einer Tragödie für die junge DFB-Auswahl zu werden, die allerdings Glück hatte, als Jovanovic nur den Pfosten traf (67.) und Zigic’ Kopfball die Latte touchierte (74.).

Nach 70 Minuten reagierte Löw, brachte für Özil und Müller die Offensivkräfte Cacau und Marko Marin ins Spiel. Sechs Minuten später folgte mit Mario Gomez ein Stürmer für Abwehrmann Badstuber, Deutsch-land spielte fortan hinten mit Dreierkette. Doch mehr als einen Distanzschuss von Podolski (84.), der in bewährter Manier das Ziel verfehlte, gab es nicht mehr zu verzeichnen. Nun wird die letzte Partie der Grup-penphase gegen Ghana am kommenden Mittwoch zum ersten Endspiel für die deutsche Mannschaft. Genau das hatte Joachim Löw verhindern wollen.