Südafrika 2010

Seeed-Sänger Dellé fährt mit WM-Song nach Afrika

Bevor er schon bald mit Seeed wieder die Berliner Wuhlheide zum Kochen bringt, reist der Berliner Reggae-Musiker Dellé jetzt im Auftrag nach Südafrika - einen WM-Song im Gepäck und zwei Seelen in der Brust, denn er fiebert für Deutschland und Ghana mit. Die Weltmeisterschaft sieht er zwiespältig.

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Für die Fuball-WM 2010 in Südafrika hat Dellé extra einen Song geschrieben. Der Reggae-Musiker, der sonst mit Seeed unterwegs ist, wird mit dem Lied nach Südafrika reisen und dort ein Konzert geben.

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Morgenpost Online: Dellé, warum haben auch Sie sich entschieden, einen WM-Song zu machen?

Dellé: Der ist eigentlich die letzte logische Konsequenz. Wir waren ja 2005 mit Seeed in Südafrika und es war immer mein Traum gewesen, mit dieser Traumband in Südafrika zu spielen, weil ich in Ghana mit Reggae in Berührung gekommen bin, in Deutschland eine Reggaeband mitbegründet habe und das dann als deutsche Kultur wieder zurück nach Afrika tragen könnte. Aber nach einem Konzert musste ich zurück zu meinem Vater nach Deutschland, weil er im Sterben lag. Als ich ankam, war er schon gestorben. Und jetzt auf einmal passiert es mir als Dellé, mit seinem Namen, dass ich wieder vom Goethe-Institut eingeladen werde zur WM, das erste Mal in Afrika, Ghana spielt gegen Deutschland… Ich fühlte mich, als würde mein Vater das von oben lenken, damit ich das zu Ende bringen kann. Da dachte ich: Du musst einen WM-Song machen. Du musst was schreiben, was nicht den Anspruch hat, der deutsche WM-Song zu sein, sondern das, was eigentlich diese Zeit dokumentiert, und mich in Verbindung mit Fußball.

Morgenpost Online: Es soll also nicht der amtliche WM-Song sein. Halten Sie ihn denn für Stadion-geeignet?

Dellé: Auf jeden Fall! Das ist richtig was zum Abfeiern und vor allen Dingen spricht es auch die Leute an, die zugeben können, ihnen macht das Ereignis einfach Spaß und die Begeisterung, die es auslöst, weil mit so einer Leidenschaft gekämpft wird. Ich spiele gerne Fußball, aber ich hab keinen Plan von Aufstellungen und so. Allerdings habe ich einen Plan davon, wie man einen vernünftigen Dancehall Track schreibt. Und wenn wir mit Deutschland nach Afrika fahren, dann dürfen wir uns definitiv nicht blamieren mit irgend so einem Dreivierteltakt oder Hohahohaheja-Song, sondern da muss dann ein amtlicher Rhythm her. Ich habe mich verpflichtet gefühlt, das zu machen. Dass die Fifa vielleicht nicht unbedingt darauf abfährt, wenn ich sage, ich habe keinen Plan von Löw und Kahn, ist selbstverständlich.

Morgenpost Online: Wie wenig Plan haben sie denn?

Dellé: Ich verfolge Fußball wirklich gar nicht. Ich bekomme es mit, weil ich umgeben bin von Leuten, die Fußball mögen. Und ich weiß, dass Boateng bei Ghana spielt, und was da mit Ballack passiert ist. Die Nachrichten bekomme ich auch mit.

Morgenpost Online: Kann so ein WM-Song auch Verbindungen schaffen zwischen den Fans, wenn sie im Stadion gemeinsam feiern, also etwa Deutsche und Afrikaner?

Dellé: Na, was den Fußball angeht, ist das ein Kampf, da ist nichts mit Friede, Freude, Eierkuchen. Aber gerade die WM jetzt in Afrika sehe ich sehr zwiespältig. Auf der einen Seite wird in Südafrika alles abgeschottet. Manchmal erinnert das an den G-8-Gipfel. Die normalen Südafrikaner kommen gar nicht ran. Auch was die Infrastruktur angeht, ist das eigentlich nicht Südafrika. Die Europäer gehen hin und sagen: „Hier ist es schön, wir machen einen großen Zaun, machen unsere WM und gehen wieder ab“. Aber die Alternative, es nicht in Afrika zu machen, wäre für mich keine. Denn der normale Europäer kriegt über solche großen Medienereignisse einen Zugang. Danach reist er vielleicht nach Südafrika, und dann können Begegnungen stattfinden, und man merkt, die Menschen sind ja doch überall alle gleich.

Morgenpost Online: Ihr Vater ist aus Ghana, sie haben dort als Kind gelebt. Lässt sich Ghana mit Südafrika vergleichen?

Dellé: Das ist etwas komplett anderes. Als ich Südafrika 2005 das erste Mal gesehen habe, war es meinem Eindruck nach ein Land, das traumatisiert war durch die Apartheid. Ich war sehr geschockt, als wir vom Flughafen kamen und erst das schwarze Ghetto sahen, dann das Mischlings-Ghetto. Das ist etwas, dass ich auch aus Ghana nicht kenne. Ghana ist seit 1957 unabhängig und es gibt auch für Schwarze Vorbilder aus den eigenen Reihen, die ein Kind, das groß wird, sieht. Dort gibt es selbstbewusste Menschen in führenden Positionen, das merkst Du auch als Tourist. Südafrika ist das Europa-affinste Land in Afrika, doch ich glaube, um dort zu leben, musst Du schon oft die Augen zu machen, damit es irgendwie unbeschwerlich geht. Aber die Zeit heilt alle Wunden.

Morgenpost Online: Haben Sie Südafrika noch einmal anders erlebt, weil Sie anders zwischen Schwarz und Weiß stehen, als Bandkollegen, die weiß sind?

Dellé: Definitiv. Genau so wie ich weiße Menschen kenne seit ich ein Kind bin, kenne ich schwarze Menschen und habe keine Berührungsängste. Wenn man als Kind verschiedene Kulturen erlebt hat, dann ist man wirklich offen. Was ich durch beide Kulturen gelernt habe, ist, dass sich die Menschen wirklich sehr ähnlich sind, sie wissen es bloß alle nicht. Es passieren dieselben Dinge hier wie dort: Man hat auf dem Land und Angst vor was Fremdem oder ist in Sorge, weil die Tochter jemandem aus einer anderen Kultur heiraten wird.

Morgenpost Online: Wie wird Ihr Südafrika-Aufenthalt ablaufen?

Dellé: So genau weiß ich da gar nicht. Wir fahren dorthin und werden ein Konzert geben, und, was noch sehr wichtig ist, ich werde Workshops geben. Da sind 100 Kinder aus verschiedenen Ländern, die während der WM Workshops machen. Ich werde an vier Tagen in zwei Gruppen jeweils 50 Kindern über meine Erfahrung mit Musik erzählen und mit ihnen Musik machen. Ich habe vor, mit ihnen einen WM-Song aufzunehmen. Sechs Musiker aus meiner Band helfen dabei. Da freue ich mich sehr drauf.

Morgenpost Online: Aber ein Fußballspiel bekommen Sie in Südafrika nicht zu sehen?

Dellé: Doch! Ich bin live dabei! Ghana vs. Germany! Meine Seele ist zerrissen! Als wir in Ghana gelebt haben, war ich immer pro Deutschland. Und in Deutschland bin ich irgendwie immer pro Ghana. Und jetzt so ein Spiel! Mein Backgroundsänger sagte mir aber: „Du kannst doch gar nicht verlieren. In dem Spiel wirst Du auf jeden Fall gewinnen.“ Das stimmt.

Morgenpost Online: Sie haben von einer Musikkarriere geträumt – und sind mit Seeed ganz oben. Sie träumten vom eigenen Tonstudio, von einer englischsprachigen Reggae-Platte. Alles hat geklappt. Und nun geht es zur WM in Afrika. Ist das alles Glück oder Können?

Dellé: Ich weiß es nicht. Ich glaube, es geht nicht nur darum, ob sich für Dich etwa erfüllt, sondern auch darum, ob Du auch siehst, dass das Dein Glück ist. Ich denke, es gibt Menschen, die haben viel mehr Glück, als sie denken. Es gab ja auch ganz viele Dinge, die nicht geklappt haben bei mir. Ich bin über 30 gewesen, bis meine erste Band mal kommerziell funktioniert hat. Vieles hat aber am Ende funktioniert, was wohl auch an meinen Eltern, meiner Family liegt. Aber die Familie und ihre Wege kann man ja leider nicht auswählen. Meine Familie hat meiner Schwester und mir so eine Power mitgegeben. Ich würde das gerne auch meiner Tochter so geben, denn du kannst nicht alles alleine hinkriegen, du brauchst immer gute Leute um Dich herum, die mit Dir was Gutes schaffen. Das hat bis jetzt irgendwie geklappt bei mir.

Morgenpost Online: Klingt aber auch so, als würden Sie das, was nicht gut klappt, gut wegstecken könnten?

Dellé: Nicht immer, es gibt schon Dinge, die schwer sind. Also zum Beispiel der Tod meines Vaters, das war unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass es so ein Schlag ist, das erste Mal zu erleben, wenn ein Elternteil stirbt. Das ist so ein Knotenpunkt im Leben, glaube ich, und ich habe es wesentlich über Musik kompensiert.

Morgenpost Online: Und welcher Traum steht als nächster zur Verwirklichung an?

Dellé: Ich weiß nicht, ich hab jetzt große Lust auf Seeed und bin gespannt darauf, wie das neue Album wird, nachdem wir während der Pause alle unsere Erfahrungen gesammelt haben. Und ich würde gern mal mit Seeed in Japan oder so spielen. Auf jeden Fall ist noch viel möglich - obwohl, wenn mir jetzt ein Backstein auf den Kopf fallen würde und es wäre zu Ende, dann würde ich denken: Es war schön, du hast wirklich eine Schippe Gutes abbekommen. Aber ich habe ja noch meine Tochter und meine Familie, noch soll nicht Schluss sein.

Morgenpost Online: 2011 soll es mit Seeed weitergehen?

Dellé: Das ist so der Plan. Wie haben Seeed-Alben aber immer erst dann raus gebracht, wenn Sie gut waren. Und gerade jetzt, nach der Pause, muss das Album einfach etwas werden, das wir richtig gut finden. Aber es wäre super, wenn wir es schaffen könnten, im Mai 2011 das Album rauszubringen, so dass wir im Sommer 2011 Festivals spielen können. Und wenn wir die nächste Seeed-Pause machen, dann produzier ich vielleicht einen Film, oder ich mache ein Heavy-Metal-Album. Da Leben geht weiter und Seeed ist so das Mutterschiff, das Hauptding. Wenn man das immer schön am Köcheln hält, sich aber trotzdem auch Pausen gönnt, dann kann das, glaube ich, weitergehen, bis wir alle zusammen alt werden. Das ist so der Traum, und die Realität werden wir dann alle erleben.

Morgenpost Online: Bleibt denn da jetzt noch Zeit zum Fußballgucken währen der WM?

Dellé: Natürlich! Auf jeden Fall! Ich liebe Public Viewing. Ich finde diese Dynamik toll. Die Hardcore-Fans regen sich ja darüber auf: „Was wollen die hier, die hatten doch noch vor Kurzem gar nichts mit Fußball zu tun.“ Aber das ist genau das, was ich toll finde. Ich schaue gern an der Yorckstraße, da bei den Volleyballplätzen, oder eben da, wo auch gute Musik läuft – auch mal in einer kleinen Kneipe in Kreuzberg oder privat beim Grillen.

Frank Dellé wurde 1970 in Berlin geboren. Seine Eltern, sein Vater ist Ghanaer, seiner Mutter Deutsche, zogen mit ihm und seiner Schwester mehrfach in Deutschland um, die Familie lebte zudem von 1976 bis 1982 in Ghana. Dellé studierte in Potsdam an der Hochschule für Film und Fernsehen und ist Diplom-Filmtoningenieur. Dellé ist einer der drei Frontmänner der Berliner Band Seeed, die in den vergangenen zehn Jahren europaweit große Erfolge feierte. 2007 entschied sich die Band für eine Pause und Frank Dellé startete ein Solo-Reggae-Projekt. Dellé ist verheiratet, hat eine dreijährige Tochter und lebt in Berlin. Mit Juni reist er nach Südafrika.