Die Laune ist gut, gesund ist Miroslav Klose obendrein - da steht einem schönen 32. Geburtstag heute nicht mehr viel im Wege. Noch dazu, da der zum Sorgenkind der Nation erhobene Torjäger im Trainingsspielchen derart nach Belieben traf, als sei es ihm ein persönliches Vergnügen, die Kritiker in der Heimat rechtzeitig zum nahenden Turnierstart zu widerlegen. An ihm, der zweimal einnetzte, lag es jedenfalls nicht, dass die potenzielle A-Elf am Montag den Reservisten 3:5 unterlag.
Prompt fiel es Bundestrainer Joachim Löw danach wieder etwas leichter anzudeuten, dass Klose - und eben nicht Cacau oder Mario Gomez oder gar Stefan Kießling - beim Auftaktspiel am Sonntag in Durban gegen Australien (20.30 Uhr, ZDF live) den Platz im bundesdeutschen Angriff einnehmen wird.
Aber ist das wirklich gerechtfertigt? Die auffällige Nibelungentreue des Bundestrainers zu seinem im Ernstfall zuletzt allzu glücklosen Torjäger treibt Fans wie Experten gleichermaßen in leidenschaftliche Diskussionen. Wenn Tore die Währung eines Stürmers sind, steht Klose unmittelbar vor der Pleite. In der Bundesliga erzielte er in der vergangenen Saison drei Treffer in 25 Spielen, in der Nationalelf blieb er in den vergangenen vier Spielen ohne Torerfolg.
Ehrenspielführer Uwe Seeler würde dennoch am Geburtstagskind festhalten: "Auch wenn Miroslav Klose derzeit nicht überzeugt, sehe ich noch keinen Grund, ihn auf die Bank zu setzen. Er hat bei großen Turnieren nie enttäuscht." Allerdings müsse Löw "entsprechend reagieren, wenn es nicht läuft." Auch Stefan Kuntz, Europameister von 1996, unterstützt Löws Entschluss. "Ich weiß aus Erfahrung, wie wichtig es ist, Rückendeckung durch den Trainer zu haben. Die bekommt der Miro jetzt - und das ist auf Grund seiner Verdienste völlig legitim. Wenn der Bundestrainer Miro aufstellt und sich wohl dabei fühlt, muss man das akzeptieren." Aber auch Kuntz geht davon aus, dass Löws Geduld begrenzt ist. Ein Spiel werde Klose wohl bekommen, "danach werden die Karten neu gemischt, sollte er es nicht packen."
Die Gründe für Löws eisernes Festhalten liegen in der Vergangenheit. Am 10. Oktober 2009 war es der Münchner, der mit seinem Tor zum 1:0 gegen Russland die Qualifikation für die WM vollendete. 2006 rettete er Deutschland im WM-Viertelfinale mit seinem Ausgleichstreffer zum 1:1 gegen Argentinien den Verbleib im Turnier - die Mannschaft gewann im Elfmeterschießen. Mit 48 Toren in 96 Länderspielen hat er eine Trefferquote von fünfzig Prozent, bei den zurückliegenden Weltturnieren 2002 und 2006 sorgte er je fünfmal für nationalen Jubel.
Doch der Druck in der Gegenwart auf den Platzhirsch ist groß. Bei der Zusammenkunft der Besten bürgen vergangene Verdienste nicht für Punkte und Siege. Und die Alternativen zu Klose waren zuletzt deutlich treffsicherer. Mario Gomez kommt auf zehn Saisontore, Cacau traf 13 Mal, und Stefan Kießling bewarb sich mit seinen 21 Toren gar bis zuletzt um die Trophäe des besten Ligaschützen. "Hinter Klose stehen mit Kießling und Cacau zwei Mann, die ein ganzes Jahr lang gezeigt haben, dass sie gute und verlässliche Stürmer sind", sagt Ulf Kirsten, selbst ein guter Angreifer. "Klose ist jetzt gefordert."
Dessen Problem ist systembedingt. Konnte er sich in der alten 4-4-2-Formation sicher sein, von den beiden Mittelfeldspielern auf der Außenbahn mit hohen Vorlagen versorgt zu werden, baut Löw nun auf ein System mit nur einer Spitze und zwei hängenden Angreifern. "Im deutschen Offensivspiel gibt es kaum noch Flanken, die Jungs ziehen zu oft mit dem Ball nach innen", hat Klaus Fischer erkannt, der früher selbst von hohen Bällen lebte. Er rät zum Stürmertausch: "Sollte Löw an dem System mit nur einer Spitze festhalten, ist Cacau für diese Position in meinen Augen am besten geeignet."
Löw sieht es anders - noch. Doch solange dies der Fall ist, kann Klose wohl nur ein Gegenspieler stoppen, den bei allen Diskussionen über Sicherheit im Vorfeld der Weltmeisterschaft niemand auf der Rechnung hatte. Keine bösen Räuber also, die nach europäischen Vorstellungen in Scharen um das Mannschaftshotel schleichen, um unseren Nationalspielern das hart erarbeitete Geld zu klauen. Sondern so kleine Eindringlinge, dass weder Wachschutz noch Elektrozäune sie aufhalten können. Wenn sie zuschlagen, fehlt anschließend kein Geld. Dafür aber die Gesundheit: Eine Masern-Welle überzieht derzeit Südafrika. Auch im DFB-Lager ist die Nachricht eingetroffen. Dort allerdings reagierten sie entspannt auf die virale Gefahr. Alle Spieler wurden getestet, bei allen wurden Antikörper im Blut nachgewiesen. Entweder haben sie also schon die Masern gehabt, oder sie sind geimpft. Was soll Klose da noch stoppen...



































