Die Kulisse war dieselbe: Regenschwere Wolken trieben über das schroffe Hinterland zum Meer, die Palmen bogen sich unter dem böigen Wind, der die Fahnen des Golfplatzes im „Verdura Resort“ flattern ließ. Und auch der Mann hinter der Batterie aus Mikrofonen hatte schon einen Tag zuvor am selben Platz gestanden. Doch während er da noch optimistisch und ein Paradebeispiel für positives Denken gewesen war, verkündete er diesmal schlechte Nachrichten.
Es mag Zufall gewesen sein, dass Bundestrainer Joachim Löw sich diesmal für ein schwarzes Sweatshirt entschieden hatte, während er am Tag zuvor noch in Hellgrau vor die Presse getreten war. Aber es passte zum Anlass. Doppelt so viele Kamerateams und Journalisten wie am Sonntag hatten sich eingefunden, um sich den größten anzunehmende Unfall bestätigen zu lassen, der dem deutschen Fußball widerfahren konnte: Michael Ballack fällt verletzt für die Weltmeisterschaft in Südafrika aus.
Ausgerechnet Ballack, die schillerndste und tragischste Figur des deutschen Fußballs! Im englischen FA-Cup-Finale am Samstag hatte ihm der Deutsch-Ghanaer Kevin-Prince Boateng, bei der WM-Vorrunde voraussichtlich im dritten Spiel Gegner der deutschen Mannschaft, in der 35. Minute brutal in die Beine getreten. Während der 23-Jährige vom FC Portsmouth dank der Gnade des Schiedsrichters weiterspielen durfte, musste Ballack ausgewechselt werden. Zwar humpelte er nach dem Sieg seines FC Chelsea (1:0) noch zur Siegerehrung, einen Tag später flog er jedoch nach München, um sich dort vom Mannschaftsarzt des deutschen Teams, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, untersuchen zu lassen. Eine Kernspintomografie ergab gestern Morgen die niederschmetternde Diagnose. Ballack erlitt bei dem Foul einen Riss des Innenbandes und einen Teilriss des vorderen Syndesmosebandes im rechten oberen Sprunggelenk.
An Krücken und mit Tränen in den Augen humpelte er aus der Arztpraxis und ließ sich zum Flughafen fahren. Im Privatjet flog Ballack zur Nationalmannschaft nach Sizilien, wo er am Nachmittag eintraf. „Die Enttäuschung ist natürlich groß. Wenn man zwei oder drei Wochen vor der WM eine solche Verletzung erleidet, ist das bitter. Aber so ist Fußball, es muss weitergehen“, sagte Ballack.
Acht Wochen wird es mindestens dauern, bis der Kapitän der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes wieder trainieren kann. Derzeit wird der Fuß mit einem Gipsverband ruhig gestellt, anschließend wird Ballack zwei Wochen einen Spezialschuh tragen müssen, der das demolierte Gelenk entlastet. Müller-Wohlfahrt stellte seinem Patienten immerhin eine vollständige Genesung in Aussicht.
Im Trainingslager in Sciacca war die schlechte Nachricht Montagvormittag, 10.30 Uhr, eingetroffen und hatte die Stimmung rapide sinken lassen. Hatte der Bundestrainer nach dem Röntgen tags zuvor noch auf die schnelle Genesung seines leitenden Angestellten gehofft, musste er nun alle Hoffnung begraben. „Wir sind geschockt, dass Michael für die WM ausfällt“, sagte Löw, „er ist unser Kapitän und ein Weltklassespieler.“ Auch DFB-Präsident Theo Zwanziger äußerte sich „unendlich traurig“, dass Michael Ballack durch ein solches Foul um seine WM-Teilnahme gebracht wird: „Er hat in den vergangenen Jahren unglaublich viel für den deutschen Fußball geleistet und hätte eine Teilnahme verdient gehabt.“
In einem Telefonat hatte Löw seinen Mannschaftsführer getröstet, anschließend informierte er kurz vor dem Vormittagstraining die schockierte Mannschaft. Jetzt gelte es, die Kräfte zu bündeln, appellierte er an die Spieler, jeder habe nun die Chance mitzuhelfen, den Ausfall des Kapitäns zu kompensieren: „Von Resignation kann bei uns keine Rede sein. Wenn wichtige Leute ausfallen, rücken andere nach.“
Doch die gute Miene zum bösen Spiel gelang dem Bundestrainer nur begrenzt. Er weiß, dass er den einzigen Spieler verloren hat, der in der Mannschaft nicht zu ersetzen ist. Nicht nur, weil Ballacks fußballerische Klasse noch immer unbestritten ist. Noch wichtiger ist er allerdings als Führungsfigur, an der sich die zahlreichen deutschen Jungspieler wie Holger Badstuber, Marko Marin, Thomas Müller, Mesut Özil oder Toni Kroos orientieren können.
Für Ballack ist das WM-Aus eine Tragödie: Die Verletzung hat ihn wohl um die letzte Chance gebracht, seine herausragende Karriere mit einem großen Titel zu krönen. Er wird der Unvollendete bleiben; der beste deutsche Spieler seit Uwe Seeler, der nie einen WM-Titel gewinnen konnte. Beim Turnier 2002 fehlte er im Endspiel gegen Brasilien, weil er in der Vorschlussrunde eine Gelbe Karte kassiert hatte und gesperrt war – Deutschland verlor 0:2. Bei der WM 2006 scheiterte er mit dem deutschen Team im Halbfinale an Italien, und zwei Jahre später verlor er das Endspiel der Europameisterschaft gegen Spanien 0:1. Auch die Champions League gewann er trotz zweier Finalteilnahmen nie.
Seine Gesundheit bewegt Deutschland nicht zum ersten Mal. 2006 bangten die Fans vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land um die „Wade der Nation“, ebenso vor dem EM-Finale 2008. Und nun? Bei der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukrainer wird Ballack 35 Jahre alt sein – es ist fraglich, ob er das hohe Niveau bis dahin wird halten können.
Wäre er fit geblieben, hätte er am 3. Juni gegen Bosnien-Herzegowina sein 100. Länderspiel bestreiten können. Seinen Aufnahmeantrag in den „100er-Klub“ muss er nun auf die Zeit nach der Fußball-Weltmeisterschaft verschieben.
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