Tobias Gröndahl fragt sicherheitshalber noch einmal nach. „Wann wird dieser Text erscheinen?“ An Weihnachten, Tobias, zu den Feiertagen. „Gut, dann kann ich es ja sagen: Ich werde Heiligabend nach Norwegen fliegen, um meine Familie und vor allem meine Mutter zu überraschen.“

Für den Reporter, der eigentlich vorhatte, diesen Text „Gröndahl allein zu Haus“ zu nennen, ist das eine ziemlich schlechte Nachricht. Es war doch alles angerichtet für eine herzzereißende Weihnachtsgeschichte! Der enge Spielplan der Handball-Bundesliga mit Spielen am 23. und 27. Dezember, und der Familienmensch Gröndahl bei den Füchsen Berlin mittendrin. Auf seiner ersten Station außerhalb Skandinaviens.

Füchse Berlin: Tobias Gröndahl und ein weihnachtlicher Kurztrip nach Norwegen

Doch wer dem Norweger ins Gesicht schaut und feststellt, wie sehr er sich auf diese Überraschung freut, kann gar nicht anders, als diese Freude mitzufühlen. Und Gröndahl hat sogar noch eine Idee, die Überschrift zu retten, als er von dem ursprünglichen Plan erfährt: „Ich werde auf meinem Flug nach Norwegen in Kopenhagen umsteigen müssen. Und wer weiß, dann wäre es ja ganz typisch und so ähnlich wie in ‚Kevin allein zu Haus‘: Mein Anschlussflieger fällt aus, ich sitze allein am Flughafen und um mich herum schließen alle ihre Liebsten in die Arme.“

Der Redaktionsschluss dieser Zeilen liegt noch vor Gröndahls „Flying-home-for-christmas“-Saga – bleibt für ein gelungenes Fest also nur zu hoffen, dass genau das nicht passiert und er es tatsächlich rechtzeitig zur Bescherung in die Arme seiner Liebsten nach Norwegen schafft. Er ist nicht der einzige Akteur der Füchse, der trotz des eng getakteten Spielplans für einen Tag in die Heimat fährt. Trainer Nicolej Krickau hat die nächste Einheit am 25. Dezember extra auf den Abend gelegt, damit alle zumindest den Weihnachtsmorgen noch mit ihren Familien erleben können.

Ein Team auf und neben dem Platz

Auch in Berlin gäbe es allerdings Gelegenheit, das Fest in ansprechendem Kreise zu verbringen: Die Füchse sind schließlich selbst so etwas wie eine große Familie. „Mathias Gidsel hat viele Leute eingeladen, es kommt auch seine Familie aus Dänemark“, erzählt Gröndahl, „und Max Darj, Nils (Lichtlein, d.Red.) und Herby (Lukas Herburger, d.Red.) feiern auch zusammen.“

Die Berliner Handballer stehen eng zusammen, auf dem Platz genauso wie daneben. Das hat Gröndahl diesen Sommer bei der Eingewöhnung geholfen. Er gilt als einer der spannendsten jungen Spieler Europas und war vor dieser Spielzeit Königstransfer des deutschen Meisters. Die Füchse sind seine erste Station außerhalb Skandinaviens, also das erste Mal so richtig außerhalb der Heimat.

Max Darj als Kapitän der Füchse – nicht nur wegen Handball

„Amanda, die Frau von Max Darj, ist wirklich gut darin, neue Leute zu integrieren“, sagt Gröndahl. Es hat eben längst nicht nur mit Handball zu tun, dass die Mannschaft schon vergangene Spielzeit Darj zum Kapitän gewählt hat. „Amanda kümmert sich darum, dass sich auch die Freundinnen der Spieler willkommen fühlen, und hat uns alles gezeigt, was sehr geholfen hat“, erzählt der 24-Jährige.

Tobias Gröndahl / Füchse Berlin
Gröndahl mit seiner Freundin Liv Poulsen auf dem Weihnachtsmarkt an der Kulturbrauerei.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Wenn Gröndahl von „uns“ spricht, meint er sich und seine Freundin Liv Poulsen. Die ist Nationalspielerin der Färöer Inseln und hat gerade bei der WM in Deutschland mitgespielt. Jetzt ist sie zu Besuch bei ihrem Freund und beide schlendern über den Weihnachtsmarkt an der Kulturbrauerei, dem womöglich skandinavischsten Ort in ganz Berlin. Dänemark, Schweden, Finnland – alle sind mit eigenen Ständen und regionalen Spezialitäten vertreten. Nur Norwegen nicht!

Gröndahl erlebte früh aufregende Zeiten in Berlin

Dem Norweger Gröndahl macht das wenig aus, er bleibt interessiert bei einem Stand mit Wintermode stehen (Norwegerpullis!) und kann sich auch ohne Probleme auf dänische Kulinarik einlassen. Bei den Füchsen hat er schließlich auch einige dänische Komparsen. Die Teamkollegen Gidsel und Lasse Andersson – und seit September auch Trainer Nicolej Krickau.

Es ist für einen Zugang ja durchaus herausfordernd, wenn nur wenige Wochen nach seiner Ankunft innerhalb von 48 Stunden der ganze Klub auf links gedreht wird – wie bei den Füchsen durch die Doppel-Entlassung von Sportvorstand Stefan Kretzschmar und Meistertrainer Jaron Siewert geschehen.

Nicolej Krickau ist für Gröndahl ein guter Mentor

„Persönlich war das natürlich ein Schock. Ich bekam gerade einen Haarschnitt, und plötzlich ist mein Handy explodiert“, erzählt Gröndahl. Er habe etwas Zeit gebraucht, um zu verstehen, was passiert ist. Dann sei aber auch schnell wieder Ruhe eingekehrt: Weil die Füchse Spiele gewannen – und weil Neu-Coach Krickau es schaffte, eine gute Bindung zu den Spielern aufzubauen.

„Krickau ist ein guter Trainer, wenn es um Handball geht“, sagt Gröndahl, „aber auch in der Art und Weise, wie er außerhalb des Handballs mit dir spricht, über deine Familie, über deine Freunde.“ Beide stehen natürlich auch über die sprachliche Verbindung in einer besonderen Beziehung zueinander. Gröndahl lernt fleißig Deutsch – er hatte im Sommer bei seiner Verpflichtung angekündigt, im neuen Jahr erste Interviews auf Deutsch geben zu können. Krickau ist auf diesem Weg dahin quasi ein Etappenziel. „Sein Deutsch ist eine Art Skandi-Deutsch“, sagt Gröndahl lachend, „manche Wörter, die er im Deutschen sagt, haben die Deutschen noch nie gehört! Aber ich verstehe sie, weil sie aus dem Skandinavischen kommen. Das hilft mir sehr.“

Wenn auch vielleicht, linguistisch gesehen, bislang nicht mit einer Sprache: Die Füchse Berlin sind Weihnachten 2025 nach einem turbulenten Jahr wieder beisammen. Und Tobias Gröndahl, der im Sommer noch der unerfahrene Neue war, ist längst mittendrin – aber unter den Weihnachtsbaum legt er sich trotzdem noch am liebsten in Norwegen.

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