Mathias Gidsel strich sich einmal mit der Hand über den Hals, dort, wo die vergangenen gut 100 Minuten Spuren hinterlassen hatten. Eine dicke rote Schramme, Andenken daran, wie hart das war, was die Füchse Berlin am Mittwochabend erreicht haben. Das Viertelfinale der Champions League, zum ersten Mal seit 13 Jahren.

Die Handballer aus der Hauptstadt trennten sich zwar mit 37:37 (21:24) vom polnischen Rekordmeister KS Kielce, hatten sich im Hinspiel mit einem 33:27 aber ein so komfortables Polster herausgearbeitet, dass das Remis im Rückspiel kaum schmerzte.

Füchse Berlin im Viertelfinale gegen Aalborg Ende April

Allerhöchstens körperlich. Schrammen, blaue Flecken, gedehnte Bänder und Rückenbeschwerden. „Das war das wahrscheinlich härteste Spiel meiner Karriere“, sagte Welthandballer Mathias Gidsel, der mit zwölf Toren bester Werfer der Partie war. „Es war vielleicht nicht der schönste Sieg, aber der wichtigste.“ Im Viertelfinale geht es nun gegen das dänische Top-Team Aalborg. Die beiden Partien werden am 23./24. April und am 30. April/1. Mai ausgespielt.

Auf dem Weg dorthin sahen die 8819 Fans in der Max-Schmeling-Halle ein Hochgeschwindigkeitsspiel, 45 Tore in der ersten Hälfte – manch ein Zuschauer kam sich fast vor wie beim Tennis, so schnell wechselte der Ball den Besitzer. Dazu eine ohrenbetäubende Lautstärke, die man so selten im Fuchsbau erlebt. Mit Spitzenwerten wie beim Rockkonzert.

Die Halle war ein einziger Hexenkessel, auch wegen der knapp 600 Fans aus Polen, die die 650 Kilometer lange Reise nach Berlin auf sich genommen hatten und ihre Mannschaft teilweise oberkörperfrei anpeitschten. „Es ist toll, dass es im Handball auch Fans gibt, die zu Auswärtsspielen über die Landesgrenze hinaus mitreisen“, erklärte Nils Lichtlein.

Zwei schwere Verletzungen schocken die Berliner

Die Polen agierten bissig, aggressiv, verteidigten hart und griffen kompromisslos an. Früh wurde deutlich, dass sich der Rekordmeister nicht einfach geschlagen geben würden. Das bekamen die Füchse schon in der ersten Hälfte zu spüren.

19. Minute: Fabian Wiede wird von Theo Monar mit der Hüfte weggecheckt, hüpft sofort ins Seitenaus, geht zu Boden und muss minutenlang behandelt werden. Der Rückraumspieler der Berliner kann nicht aufstehen, muss schließlich von vier Teammitgliedern, u.a. Paul Drux, der das Spiel von der Tribüne aus verfolgte, auf eine Trage gehoben werden und wird aus der Halle gebracht.

25. Minute: Tim Freihöfer setzt zum Wurf an, wird dabei von ebenfalls Monar gestellt, tritt seinem Gegner auf den Fuß und knickt weg. Auch der Linksaußen kann den Platz nicht selbstständig verlassen, wird von Mijajlo Marsenic getragen. Die Sanitäter in der Max-Schmeling-Halle sind im Dauereinsatz.

Mijajlo Marsenic trägt Tim Freihöfer vom Platz, der Linksaußen der Füchse Berlin war böse umgeknickt.
Mijajlo Marsenic trägt Tim Freihöfer vom Platz, der Linksaußen der Füchse Berlin war böse umgeknickt. © dpa | Andreas Gora

Ärzte befürchten zunächst Wirbelsäulenverletzung bei Wiede

Zwei Verletzungen, die die Füchse geschockt zurückließen. Die Mannschaft von Trainer Jaron Siewert verlor ihren Faden, lag plötzlich mit vier Toren zurück (20:24), konnte bis zur Halbzeit noch auf drei Treffer verkürzen (21:24). „Da war viel Stress und Chaos und das konnte man auch in unserem Spiel sehen“, erklärte Trainer Siewert.

In der Pause konnten die Berliner immerhin ein bisschen Entwarnung geben. Wiede ging es besser, eine Art Pferdekuss hatte den Muskel malträtiert. Befürchtungen, dass die Wirbelsäule betroffen sein könnte, bestätigten sich nicht. Nach einer Lockerung der Muskulatur saß Wiede zum Anpfiff der zweiten Hälfte wieder auf der Bank, konnte seine Mannschaft aber nur noch von dort unterstützen.

Fabian Wiede muss mit einer Trage aus der Halle gebracht werden, kann den Füchsen Berlin nicht mehr helfen.
Fabian Wiede muss mit einer Trage aus der Halle gebracht werden, kann den Füchsen Berlin nicht mehr helfen.© dpa | Andreas Gora

Freihöfer blieb mit einem geschwollenen Fuß in der Kabine, soll am Donnerstag weitergehend untersucht werden und könnte mit einer Bänderverletzung länger ausfallen. Kielce-Trainer Talant Dushjebaev nutzte die Pressekonferenz nach dem Spiel, um sich für die Situation rund um die Verletzung des Linksaußen zu entschuldigen. „Ich würde nie wollen, dass ein Spieler der gegnerischen Mannschaft verletzt wird“, so der Spanier.

Ziel der Füchse ist nun das Final Four in Königsklasse

Die Partie verlor in der zweiten Hälfte zwar etwas an Tempo, blieb aber hart umkämpft – und eng. Bis die Gäste aus Polen gut zehn Minuten vor Schluss noch einmal aufdrehten. Vier-Tore-Rückstand für die Berliner (31:35/54.)! Zittern ums Viertelfinale? Nein. Die Füchse robbten sich mit zwei geklauten Bällen wieder heran (34:35/56.) und stellten sogar noch auf Unentschieden.

„Ich bin stolz auf die Entwicklung dieses Vereins“, sagte Mathias Gidsel, mit Schramme am Hals und nur noch der Hälfte seiner Beflockung auf dem Trikot. Das große Ziel der Füchse ist nun das Final Four der Champions League (14./15. Juni in Köln).

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