In dem nicht enden wollenden Jubel über den Titelgewinn der deutschen Handballer bei der EM ging bei den Verantwortlichen der Blick bereits in die Zukunft. „Der Verband hat unglaublich große Aufgaben vor sich“, sagt Bob Hanning, der für den Leistungssport zuständige Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB).
Nach zuletzt rückläufigen Mitgliederzahlen will der DHB Profit aus dem Titel schlagen, den erhofften Boom nutzen und wieder neue Mitglieder gewinnen. „Da werden wir in den nächsten Tagen und Wochen aktiv werden. Dafür ist die Chance jetzt besser als vor der Europameisterschaft“, erklärt DHB-Präsident Andreas Michelmann.
Denn der Handballsport hat die EM-Bühne optimal genutzt. 12,98 Millionen Fernsehzuschauer waren am Sonntag bei der ARD im Schnitt dabei, in der Spitze sahen sogar 17,4 Millionen den EM-Triumph. In den vergangenen drei Jahren hatten nur Fußball-Übertragungen bessere TV-Quoten. Handball hat sich als Spielsportart Nummer eins hinter den Kickern etabliert.
„Ich hoffe, dass die Leute endlich auch vermehrt in die Hallen kommen und ein Handball-Hype ausgelöst wird“, meint Torwart-Held Andreas Wolff. Das wird jedoch kein Selbstläufer. Zum einen im sportlichen Bereich: „Jetzt muss die Mannschaft beweisen, dass sie den Erfolg auch auf Dauer halten kann“, fordert Michelmann.
Die junge Mannschaft hat noch sehr viel Potenzial
Bereits bei den Olympischen Spielen in Rio in diesem Jahr und bei der WM 2017 in Frankreich ist das Team von Trainer Dagur Sigurdsson („Wir dürfen nicht überheblich werden und müssen Demut zeigen“) stark gefordert. Aber die junge Mannschaft hat viel Potenzial – und noch etliche starke Spieler in der Hinterhand, die wegen Verletzungen ganz oder teilweise bei der EM fehlten. Von der Weltspitze, meint Hanning, „sind wir noch weit entfernt“.
Doch es bedarf auch großer Anstrengungen abseits des Feldes. „Wir müssen die Kinder, die uns jetzt zulaufen, gewinnen“, so Hanning. Was in der Praxis gar nicht so leicht ist. Hanning, der neben seinem Ehrenamt bei DHB auch Geschäftsführer beim Bundesligisten Füchse Berlin ist, berichtet über die Lage in der Hauptstadt: „Wir haben Anfragen, aber können die Kinder nicht aufnehmen, weil die Hallen mit Flüchtlingen gefüllt sind. Auch das ist ein ernst zu nehmendes Problem.“
Alle Beteiligten haben erst einmal versprochen, gemeinsame Sache zu machen. „Die Mannschaft hat uns die Vorlage gegeben“, erklärt Uwe Schwenker, der Präsident des Ligaverbandes. Alle Verantwortlichen würden sich zeitnah zusammensetzen, kündigt er an: „Es gibt bereits gute Ideen und Ansätze.“ Hanning fordert: „Wir brauchen unseren Sport in den Metropolen.“
DHB und Landesverbände müssen enger kooperieren
Auch der DHB und seine Landesverbände müssen enger zusammenarbeiten. Es müsse mehr mit Schulen kooperiert werden, der Verband müsse sich personell noch besser aufstellen. Hanning spricht von „Risikogeld“, das vom DHB in die Hand genommen werden müsse. „Da sind wir noch ein starres System, wir müssen jetzt anfangen, modern zu denken.“
„Wenn wir die Talente jetzt richtig fördern, werden gerade wieder 15 neue Nationalspieler geboren“, ist sich der Vizepräsident sicher. Auch nach dem WM-Sieg 2007 hatte es einen starken Zulauf gegeben. „Ich glaube, dass wir durch das Jugendzertifikat der Bundesliga und die Leistungszentren besser darauf vorbereitet sind als vorher.“ Aber es gelte: „Das ist jetzt eine zarte Pflanze, wir dürfen sie nicht kaputt machen.“
Der Füchse-Geschäftsführer vergisst aber auch nicht anzumerken: „Ohne die Füchse wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen.“ Hanning verweist darauf, dass er sich für Sigurdsson als Bundestrainer stark gemacht hat, der ja bis zum Sommer 2015 auch Füchse-Coach war. Fabian Wiede gehörte zum EM-Team, Paul Drux (nach Verletzung noch nicht fit) und Silvio Heinevetter (nicht nominiert) hatten ihren Teil in der EM-Qualifikation beigetragen. Insofern war Berlin sicherlich der optimale Ort für die große Fan-Feier.





