Handball

Kent Tönnesen ist bei den Füchsen nicht aufzuhalten

Der norwegische Nationalspieler etabliert sich Schritt für Schritt beim Berliner Handball-Bundesligisten. Am Sonntag gegen Aufsteiger Stuttgart

Sightseeing vor der Eastside Gallery: Der Norweger Kent Robin Tönnesen hat bei den Handball-Füchsen einen Zweijahresvertrag

Sightseeing vor der Eastside Gallery: Der Norweger Kent Robin Tönnesen hat bei den Handball-Füchsen einen Zweijahresvertrag

Foto: Ricarda Spiegel

Berlin.  Kent Robin Tönnesen kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, als er an der Eastside Gallery vorbeischlendert. „Cool“, sagt der Handballprofi von den Füchsen Berlin. Mit Interesse hört er die Geschichten, die sich um die Mauer ranken. Der 24-Jährige wundert sich über den Mann in Uniform der Grenztruppen der DDR, der vor den bemalten Mauerteilen an der Spree posiert und frisch gestempelte Visa verkauft. Auch das ist Berlin, sein neuer Arbeitsplatz.

„Ich habe noch überhaupt nichts von Berlin gesehen“, sagt der Norweger lachend, „keine Zeit.“ Seit dem Sommer ist er in der Stadt, für Touristentouren bleibt jedoch kein Raum. Das Leben eines Profisportlers: Saisonvorbereitung, Training, Spiele, Reisen, Training, Spiele, Reisen… In Berlin ist er noch nicht wirklich angekommen, bei den Füchsen inzwischen schon.

Momentan ist der junge Mann sowieso auf Wolke sieben, wie alle bei den Füchsen. Er grinst breit, wenn man ihn mit „Hallo Weltmeister“ begrüßt. „Es war unglaublich“, erzählt er von den Tagen in Katar, dem Super Globe, wo sich die Berliner sensationell die Weltmeisterschaft der Vereinsmannschaften geholt haben. „Das hat uns sehr viel Selbstvertrauen gegeben.“

Entscheidende Tore zum Weltmeister-Titel

Die Frage, ob nun die Gefahr bestünde, dass die Mannschaft abheben könnte, beantwortet der Rückraumspieler erneut mit einem Grinsen: „Nö, da dreht keiner durch. In der Bundesliga kann jeder jeden schlagen, da musst du immer voll da sein.“ Das gelte auch für das Spiel am Sonntag gegen den Aufsteiger TVB Stuttgart (Max-Schmeling-Halle, 15 Uhr).

Dann will sich auch Tönnesen wieder von seiner besten Seite zeigen. Will beweisen, dass die Berliner mit ihm einen guten Griff getan haben. „Ich muss Geduld haben“, sagt er, wissend, dass er sich erst noch an das hohe Niveau innerhalb der Mannschaft gewöhnen muss. Vielleicht ist der Super Globe für ihn das Erweckungserlebnis gewesen. „Ich habe vom Trainer dort mehr Spielzeit bekommen, das war für mein Selbstvertrauen sehr gut.“

Nach zwei Jahren in Wetzlar folgt der nächste Schritt

Selbstbewusstsein, das er im WM-Finale besonders in zwei Würfe in der Verlängerung gegen Veszprem legte. 27:26 Tönnesen, 28:26 Tönnesen – am Ende gewannen die Berliner 28:27. Kent Tönnesen war neben dem überragenden Torhüter Petr Stochl der Matchwinner. Ein paar Tage später, beim 40:28 in Eisenach, legte er fünf Treffer nach.

„Ich wollte den nächsten Schritt machen“, erklärt der Norweger. Daher „ist mir die Entscheidung leicht gefallen“, als die Füchse anfragten. Nach zwei Jahren beim Bundesliga-Konkurrenten HSG Wetzlar wurde ihm die Chance gegeben, in einer Mannschaft zu spielen, die nicht nur national im oberen Drittel rangiert, sondern auch international eine sehr gute Rolle spielt. „Wenn du zum EHF-Cup-Sieger wechseln kannst, ist das natürlich super.“ Eigentlich hatte er in Wetzlar noch ein Jahr Vertrag, konnte jedoch eine Ausstiegsoption ziehen.

Es ist eine kontinuierliche Entwicklung bei Tönnesen. Als Sechsjähriger begann er mit dem Handballspielen. „Meine beiden größeren Brüder haben Handball gespielt, da wollte ich das auch machen“, erinnert sich der im schwedischen Partille bei Göteborg geborene Linkshänder. Sein Vater ist Schwede, seine Mutter Norwegerin; als Kent ein Jahr alt war, siedelte die Familie ins Umland von Oslo um.

IL Fjellhammer und HK Haslum hießen seine ersten Stationen, bevor er 2012 zum schwedischen Topklub IK Sävehof wechselte. Dort spielte er ein Jahr lang mit seinem heutigen Füchse-Kollegen Jesper Nielsen zusammen. Es folgten zwei Jahre in Wetzlar.

Außerhalb des Feldes ein ausgeglichener Typ

Schritt für Schritt: Was auf dem Feld gilt, hat er auch beim Lernen der deutschen Sprache zum Prinzip gemacht. „Im ersten Jahr in Wetzlar habe ich nur englisch gesprochen, danach immer mehr deutsch, jetzt geht es schon ganz gut.“ Sehr gut sogar. Mit der deutschen Mentalität kommt er gut zurecht. So wie die Deutschen die Skandinavier ein wenig um ihre Lockerheit und Entspanntheit beneiden, eilt in Europas Norden den Deutschen der Ruf voraus, „dass vor allem Disziplin, Disziplin, Disziplin sehr wichtig ist“. Doch nach seinen Jahren in Deutschland hat der freundliche Norweger festgestellt: „Das ist gar nicht so schlimm.“

Füchse-Sportkoordinator Volker Zerbe charakterisiert ihn treffend: „Er ist ein sehr ausgeglichener Typ, der in sich ruht.“ Auf dem Spielfeld strahle er jedoch „eine enorme Torgefahr“ aus. Allerdings ist er beim Weltmeister nicht gleich von Null auf Hundert durchgestartet. „Kent hatte eine sehr gute Vorbereitung gemacht, aber er tat sich zum Saisonbeginn etwas schwer“, sagt sein Trainer Erlingur Richardsson. „Doch er ist auf einem guten Weg.“

Beim 24-Jährigen ist auch Geduld gefragt

Tönnesen weiß selbst, „dass ich da nicht so gut war.“ Er musste sich erst daran gewöhnen, nicht so oft zum Einsatz zu kommen. Fabian Wiede, wie er auf der halbrechten Rückraumposition zu Hause, spielte sehr gut. Da musste sich der 1,94 Meter große norwegische Nationalspieler hinten anstellen. Aber auch diese Erfahrung sieht er positiv: Die Geduldsprobe „ist gut für meine weitere Entwicklung“.

Tönnesen ist mit seiner Freundin nach Berlin gekommen, das Paar wohnt in Prenzlauer Berg. „Alles top“, freut er sich. Nichts Besseres hätte ihm passieren können, als zu den Füchsen zu wechseln. Auch wenn weiteres Sightseeing warten muss.