Handball-WM

Bundestrainer Sigurdsson hat das richtige Händchen

Füchse-Coach Dagur Sigurdsson hat die deutschen Handballer wieder auf den Erfolgsweg gebracht. Mit der richtigen Taktik will die deutsche Auswahl im WM-Viertelfinale nun auch Gastgeber Katar besiegen.

Foto: Axel Heimken / dpa

Die tägliche Runde will Dagur Sigurdsson nicht mehr missen. Elf Kilometer an der Uferpromenade von Doha entlang. In etwas weniger als einer Stunde. Danach schmeckt das Frühstück doppelt gut. Das Fitnessprogramm ist die ideale Vorbereitung für die stressigen Tage bei der WM. „Das Laufen ist gut für Kopf und Seele“, sagt Sigurdsson und lächelt: „Und man isst gesünder und nimmt ab.“

Der Handball-Bundestrainer, der am Mittwoch mit der deutschen Mannschaft im Viertelfinale auf Gastgeber Katar trifft (16.30 Uhr, Sky), wandelt damit auch auf den Spuren von Joachim Löw. Jeden Morgen sammelte der Fußball-Bundestrainer im Sommer bei Strandläufen vor dem Campo Bahia in Brasilien Kraft für den Tag des Turniers, an deren Ende der umjubelte WM-Titel stand. Und Löw ist mit seinen Gedanken auch in Katar, er drückt der deutschen Auswahl die Daumen. Ein Handball-Fan sei er mittlerweile geworden. „Ich finde es klasse, wie sich diese Mannschaft entwickelt hat.“

Akribische Vorbereitung auf jedes Spiel

Sigurdsson fühlt sich von den Gedanken Löws geehrt, hält er doch sehr viel vom Weltmeistercoach. Jetzt, da die deutschen Handballer in Katar von einem Sieg zum anderen eilen, rückt Sigurdsson immer mehr ins Rampenlicht – als Architekt des Aufschwungs und Baumeister des Erfolges. Und nicht selten sind Parallelen zu Amtskollege Löw erkennbar. Bei der Disziplin etwa, der Akribie in der Vorbereitung und auch dem außergewöhnlichen Händchen für die richtige Taktik.

Den freien Dienstag nutzte der Isländer für ein intensives Videostudium des Gegners. Danach bekam jeder Akteur einen individuellen Video-Clip zum Gegner. Die Torhüter studierten intensiv die bevorzugten Varianten bei Tor- und Strafwurf („Wurfbilder“). „Katar hat bei diesem Turnier gezeigt, dass sie gegen jede europäische Spitzenmannschaft mithalten können“, sagt der 41 Jahre alte Sigurdsson und ahnt, dass sein Team am Mittwoch „alles auf die Platte bringen“ und „einen kühlen Kopf bewahren“ müsse. Vor allem die Chancenverwertung werde ein „wichtiger Faktor“ sein, so der Coach.

Hanning sieht Deutschland wieder in der Weltspitze

Während der Isländer wie gewohnt cool bleibt („Wir sind gut in Form, die Sonne scheint, und die Halle wird voll sein“), schalten Verantwortliche wie Teammanager Oliver Roggisch einen Gang hoch, immerhin ist die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) nur noch zwei Siege von einer Medaille entfernt. „Jetzt wollen wir alles erreichen“, sagt Roggisch. Auch Torhüter Carsten Lichtlein, der im Achtelfinale gegen Ägypten (23:16) mit einer Fangquote von 56 Prozent zum Matchwinner avanciert war, hat Lust auf mehr: „Unser Ziel ist jetzt Rio 2016.“ Für einen der Plätze in einem der drei Olympia-Qualifikationsturniere muss das DHB-Team unter die besten Sieben der WM kommen. Eines steht für DHB-Vizepräsident Bob Hanning aber jetzt schon fest: „Wir sind wieder in der Weltspitze angekommen.“

Die Feststellung Hannings ist umso erstaunlicher, als dass der deutsche Handball noch vor wenigen Monaten weit von jener Qualität, nämlich wieder zu den besten Nationen zu gehören, entfernt war. Nach der sportlich verpassten WM-Qualifikation – Deutschland erhielt erst nachträglich eine Wildcard für das Turnier in Katar – war im Sommer 2014 Bundestrainer Martin Heuberger entlassen worden. Nach langer Suche übernahm dann Dagur Sigurdsson zum 1. September das darbende DHB-Team. Bis zum Juni ist er in Doppelfunktion zudem Trainer des Bundesligisten Füchse Berlin. Nicht einmal ein halbes Jahr später erlebt der Handball hierzulande einen veritablen Höhenflug.

Coach hat Erfolg mit ungewöhnlichen Methoden

Handball rockt wieder, und das liegt vor allem auch am neuen Bundestrainer. In Zusammenarbeit mit DHB-Vize Hanning, den er seit 2009 bei den Füchsen kennt und „maximal vertraut“, wurde das Team um die Nationalmannschaft neu formiert. Benimm-Regeln wie zum Beispiel ein Telefonier-Verbot beim Essen wurden ebenso eingeführt wie ein neues Co-Trainer-Modell mit zwei Coaches. Einer davon ist der Potsdamer Alexander Haase, mit dem Sigurdsson viele Jahre bei den Füchsen zusammen gearbeitet hat. Und wie schon bei den Füchsen vertraut der Bundestrainer auf den Nachwuchs. Gleich fünf Spieler unter 23 Jahren, die noch über wenig internationale Erfahrung verfügen, nahm der Isländer mit zur WM, darunter mit dem Berliner Paul Drux, 19, das wohl größte Handball-Talent des Landes.

Drux hatte ebenso wie Torhüter Silvio Heinevetter den Vorteil, dass er von den Füchsen her wusste, was ihn in der Vorbereitung in Island erwartet. Übernachtung im Mehrbettzimmer, Schlafen im Doppelstockbett, dazu das Bad auf dem Flur und eine Gemeinschaftsküche. In Reykjavik betreibt Sigurdsson mit ein paar Freunden, darunter der frühere Fußballstar Eidur Gudjohnsen (Chelsea und Barcelona), das Kex-Hostel. Es befindet sich in einer ehemaligen Keks-Fabrik. Nach einem gemeinsamen Pizza-Essen mussten die Nationalspieler ein paar Szenen aus der Shakespeare-Tragödie „Romeo und Julia“ einstudieren und aufführen, oder Tanzeinlangen a la Beyonce. „Das war ein Teambuilding, wie ich es noch nie erlebt habe“, sagte Roggisch.

Blaue Magnet-Tafel als Markenzeichen

Die ungewöhnlichen Maßnahmen kommen an. Wohl auch, weil Sigurdsson seinen Spielern viel Freiraum gibt. Der Vater von drei Kindern macht keine Vorgaben, wer wann wohin gehen darf oder im Hotel sein muss. Er setzt auf Selbstverantwortung. „Der Trainer vertraut der Mannschaft, und die Mannschaft vertraut ihm“, sagt Roggisch. Rechtsaußen Patrick Groetzki sagt: „Dagur gibt jedem das Gefühl, dass er wichtig ist und gebraucht wird.“

Der Bundestrainer weiß genau, was er will. Da braucht es nicht viele Worte. Mit seinen kurzen und präzisen Anweisungen trifft er den Nerv. Dabei immer am Mann ist die blaue Magnettafel. Verbeult zwar, sie ist ja auch schon zehn Jahre alt, aber bei Sigurdsson nicht mehr wegzudenken. Die kleinen bunten Magneten darauf verschiebt er wie Spieler auf dem Feld hin und her, um seine Ideen zu verdeutlichen. Und die Spieler verstehen ihn. Sigurdssons Arbeitsweise ist keine Magie, sondern harte und akribische Arbeit. DHB-Präsident Bernhard Bauer sagt: „Dagur Sigurdsson ist ein genialer Handwerker.“ Und er hat das richtige Händchen.