Es sind noch 55 Sekunden zu spielen, da kommt Fabian Wiede an den Ball. Der Rückraumspieler der Füchse spannt seinen linken Arm nach hinten und zieht ab. Tor. Im Gegenzug hält Silvio Heinevetter den letzten Wurf des Gegners.

Und dann hüpfen die Berliner am Sonnabend auch schon ausgelassen über das Handballfeld der Sportshall Victoria in Brest in Weißrussland und schreien ihre Freude lautstark heraus.

Mit 21:20 (12:11) siegen die Füchse im Rückspiel gegen den HC Brest Meschkow und erreichen damit im EHF-Cup die Gruppenphase. Der Traum vom europäischen Titel lebt.

Zerbe lobt cleveres Team

Dagur Sigurdsson musste nach der Schlusssirene erst einmal tief durchatmen, denn die Partie war nichts für schwache Trainer-Nerven. Und dass die Weißrussen richtig gut Handball spielen können, hatten sie bereits in der Woche zuvor im Hinspiel gezeigt. Das hatten die Füchse in der Schmeling-Halle nur ganz knapp mit 22:20 gewonnen und waren daher auch mit dem nötigen Respekt, aber auch voller Vertrauen in die eigene Stärke nach Brest gereist.

„Über zwei Spiele gesehen waren wir drei Tore besser“, sagte Sigurdsson nach der geschafften Europa-Mission, der Isländer räumte dann aber auch ein: „Es war eine ziemlich enge Angelegenheit. Ich denke, dass wir nach dem nicht so guten Spiel in Berlin in der Anfangsphase zu viel wollten, und das ging in die Hose. Brest hat eine starke Mannschaft. Wir werden noch viel von dem Team in den nächsten Jahren auf europäischer Ebene sehen.“ Sportkoordinator Volker Zerbe lobte die Mentalität seines Teams: „Am Ende sind wir aufgrund unserer Erfahrung und Cleverness souverän in die Hauptrunde eingezogen.“

Aus dem 780 Kilometer entfernten Berlin hatte Geschäftsführer Bob Hanning via Smartphone-Liveticker mit seinen Mannen mitgezittert. Der Manager und Vize-Präsident des Deutschen Handballbundes war aufgrund einer DHB-Sitzung in Berlin geblieben und nach dem Abpfiff völlig erschöpft. „Diese Spannung, das hält ja keiner aus“, sagte Hanning und war einfach nur froh, dass die Füchse weiter im EHF-Cup um Meriten kämpfen dürfen. Immerhin bietet er für die Berliner eine gute Chance, den ersten Titel in der Klubhistorie zu feiern.

Seit Jahren beherrschen deutsche Vereine den zweitwichtigsten europäischen Wettbewerb, seit 2004 hat stets eine deutsche Mannschaft den EHF-Cup gewonnen. „Das Hinspiel war ja von uns wahrlich kein Meisterstück, und wir haben gewusst, dass es in Brest sehr schwer werden würde“, sagte Hanning, „ich bin sehr erleichtert und glücklich.“

100.000 Euro für die Klubkasse

Auch finanziell ist der EHF-Pokal ein lohnendes Geschäft. „Wir kalkulieren mit 100.000 Euro“, rechnete Hanning vor. Jetzt, da die Füchse die Gruppenphase erreicht haben, ist auch die Ausrichtung des Final Four in Berlin sehr wahrscheinlich. Hanning war in dieser Woche nach Wien gereist, um bei der Europäischen Handballföderation (EHF) noch einmal für Berlin zu werben. Anfang Dezember verkündet der Verband, wo das Final-Turnier 2014 stattfindet. Gegen welche drei Gegner die Berliner in der Gruppenphase antreten müssen, entscheidet sich bei der Auslosung am 5. Dezember.

Wie es sich anfühlt, den EHF-Cup in den Händen zu halten, weiß Pavel Horak ganz genau. Der Rückraumhüne der Berliner gewann einst mit Frisch-Auf Göppingen (2011 und 2012) den Wettbewerb. Und der Tscheche war es auch, der die Füchse nach einem kapitalen Fehlstart in Brest – 0:4 nach sechs Minuten – wieder zurück ins Spiel brachte. Der Rechtshänder nahm sich ein Herz und verkürzte mit drei Toren hintereinander auf 3:5 (9. Minute). Die endgültige Wende brachte dann die Einwechslung des Spaniers Iker Romero, der von der 16. Minute an spielte. Der Kapitän stabilisierte das Spiel des Bundesliga-Dritten. Rechtsaußen Mattias Zachrisson schaffte nach 23 Minuten den lang ersehnten Ausgleich (8:8), wenig später dann warf der Schwede die erste Führung für sein Team heraus (11:10).

Torhüter Heinevetter hält überragend

In der zweiten Hälfte sahen die rund 3000 Zuschauer viele Paraden des Füchse-Torhüters Silvio Heinevetter (insgesamt zwölf Paraden), der mit seinen akrobatischen Abwehraktionen immer wieder Gegenstöße für die Berliner einleitete. Zwar schafften die Weißrussen kurz vor dem Ende noch einmal den Ausgleich (20:20), doch dann bekam Fabian Wiede den Ball zu fassen – 21:20 für die Füchse. Bester Berliner Werfer war der Schwede Nielsen mit sechs Toren.

„Es war das erwartet schwere Spiel“, resümierte Sven-Sören Christophersen nach der Zitterpartie in Brest. Die Schwierigkeiten in der Anfangsphase habe man über eine stabile Abwehr ausgeglichen. „Zum Ende hin wurde es noch einmal hektisch. Wir haben aber die Nerven behalten und verdient gewonnen“, sagte der Nationalspieler, der in Weißrussland ein Tor erzielt hatte.