Natürlich ist er Profi, beharrt Evgeni Pevnov. Jetzt spielt er also nicht mehr für die Füchse Berlin, sondern für Frisch Auf Göppingen. So ist das Leben, wenn man sein Geld mit Sport verdient, da wechselt man eben mal das Trikot. Was soll der fast zwei Meter große und über 100 Kilogramm schwere Handball-Hüne auch sagen? Er wird jetzt kein Tränchen verdrücken, wenn am Dienstag das Spiel um 20.15 Uhr beginnt, sondern für seinen neuen Verein „100 Prozent geben“. Und er ist voller Vorfreude: „Ich freu mich richtig auf die Schmeling-Halle“, sagt Pevnov, „das ist für mich die beste Halle in der ganzen Bundesliga.“

Ein bisschen gespannt ist er aber doch, wie ihn das Publikum empfangen wird, schließlich ist der Wechsel nach den zwei Jahren in Berlin nicht ganz ohne Misstöne über die Bühne gegangen. Noch immer bekommt der große, starke Mann einen dicken Hals, wenn er mit der Aussage konfrontiert wird, er habe sich bei den Verhandlungen um seine Vertragsverlängerung verzockt. „Das ärgert mich tierisch, aber ich sage dazu gar nichts“, knurrt der 23-Jährige, um kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen.

Aus Göppingen heißt es dazu übrigens, Frisch Auf habe ihn freudig eingestellt für jene Summe, die Füchse-Manager Bob Hanning nicht zahlen wollte, um das Gehaltsgefüge im Berliner Team nicht durcheinanderzubringen. Da jetzt offenbar beide Seiten zufrieden sind mit der Entscheidung, sollte dieses Thema allerdings erledigt sein.

Als Starter in der Abwehr auf dem Weg zum Anführer

Pevnov hat noch Kontakt mit einigen seiner ehemaligen Mitstreiter. Mit Colja Löffler etwa, oder mit Bartlomiej Jaszka. Wird schon komisch sein, jetzt auf der anderen Seite zu stehen. „Baba (Bartlomiej Jaszka, d.Red.) hat zu mir gesagt: Spätestens, wenn der Schiedsrichter anpfeift, muss alles vergessen sein. Du musst dein Spiel spielen“, erzählt der Neu-Göppinger, der in Berlin zum Nationalspieler gereift war und hofft, sich jetzt noch weiterzuentwickeln.

Bei den Füchsen war er zweiter Kreisläufer hinter Torsten Laen; jetzt ist er in derselben Situation hinter dem fünf Jahre älteren Manuel Späth. Aber er wird von Trainer Velimir Petkovic auch in der ersten Abwehrformation eingesetzt – eine Veränderung zu Berlin. Seinem Ziel, Führungsspieler zu werden, kommt er dadurch näher. Was ist noch anders? „Göppingen ist viel kleiner, viel familiärer“, sagt Pevnov. Er kennt das zwar aus Weinheim, wo er aufgewachsen ist. Aber so schön es manchmal sein mag, wenn er auf der Straße mal in einen Smalltalk über Handball verwickelt wird, die Anonymität der Hauptstadt hatte auch ihre Vorteile. Mal unterzutauchen war einfacher. Ist er dort mit Kumpels ein Bier trinken gegangen, hat ihn niemand erkannt. Tut er das jetzt in der Handballstadt Göppingen, und das letzte Spiel war schlecht, könnte auch mal der Spruch kommen: „Die sollen lieber trainieren als Bier zu trinken!“

Ein bisschen Anonymität kann auch mal gut sein

Gerade ist so eine Zeit, wo das passieren könnte. Frisch Auf ist, was die Punkteausbeute angeht, denkbar schwach gestartet: null Zähler aus den Partien gegen Magdeburg (29:31), in Flensburg (24:25) und gegen Hannover (28:32). „Es droht sogar ein Start mit 0:10 Punkten“, schwant Pevnov vor den Spielen in Berlin und gegen die Rhein-Neckar Löwen. Wobei besonders die Begegnung in Flensburg zeigte, dass die Mannschaft durchaus das Potenzial hat, eine gute Rolle in der Bundesliga zu spielen. „Dort haben sie mehr als unglücklich verloren“, hat auch Hanning beobachtet, „aber gegen Hannover waren sie nicht gut.“

Auch für den Füchse-Manager und seine Mannschaft sind die nächsten beiden Spiele wegweisend. Der Bundesligastart mit 4:2 Punkten ist okay, nach Göppingen und der Reise zum in dieser Saison offenbar besonders gefährlichen SC Magdeburg wird man mehr wissen. „Wir werden sehen, wie weit wir schon sind, das ist eine richtige Standortbestimmung“, sagt Hanning.

Füchsen bereitete der Umbruch am Kreis anfangs Bauchschmerzen

Nicht zuletzt für jene Position, die nach der vergangenen Saison durch den Weggang von Pevnov und Kapitän Laen (zurück in die dänische Heimat) als große Achillesferse in der neuen Berliner Formation erschienen war. „Wir waren schon in Sorge“, gibt Manager Hanning zu, „wir hatten ein bisschen Bauchschmerzen. Das tat weh, nach der Achse Laen und Pevnov haben wir uns gefragt: Passt das?“

Aus dem eigenen Nachwuchs rückte Jonas Thümmler (20) nach, der bis dahin nur wenig Bundesligaerfahrung hatte; aus Schweden kam Jesper Nielsen (23), der zuvor seine Heimat nur im Urlaub und zu Auswärtsspielen verlassen hatte. Doch das neue Duo hat sich bisher als erstaunlich schlagkräftig erwiesen, gemeinsam neun Tore zum Erfolg der Mannschaft beigetragen und scheut sich auch in der Abwehr nicht zuzupacken. „Wir sind jetzt sehr zufrieden“, sagt Hanning.

Im Duo mit Romero war er kaum zu stoppen

Dieses Duo wird jetzt auch testen, wie Pevnov zu stoppen ist. Bei dem in Taschkent geborenen Deutsch-Russen läuft es von Spiel zu Spiel allmählich besser, gegen Hannover erzielte er zuletzt vier Treffer. Der erste Göppinger Kreisläufer Manuel Späth ist „mehr der Läufertyp“, wie Pevnov sagt, er selbst ist eher ein Wühler. Einer, der sich Räume freisperrt und sich Anspiele in die entstehenden Lücken wünscht. Es braucht seine Zeit, ehe das ein Team verinnerlicht hat.

So war es schließlich auch in Berlin gewesen. Dort hatte er erst in seiner zweiten Saison mit Iker Romero ein kongeniales Duo gebildet; die beiden waren kaum aufzuhalten, wenn ihr Zusammenspiel einmal lief. „Das passte wie die Butter auf die Semmel“, sagt er lachend, „das war ein blindes Verständnis.“ Schön war die Zeit, und die Begeisterung, in der Schmeling-Halle anzutreten, hat Pevnov auch im Göppinger Trikot behalten: „Ich bin heiß auf dieses Spiel.“