Dagur Sigurdsson ist ein Freund des gepflegten Wortes. Die Partien seines Handballteams analysiert der Trainer der Füchse Berlin mit Akribie, ruhig und sachlich verbessert er Schwächen, dabei geht der 40-Jährige stets respektvoll mit seinen Spielern um. Unfairness ist für den Isländer ein Gräuel.

Lange hat er geschwiegen nach dem schweren Foul des Hamburgers Torsten Jansen an seinem Linksaußen Ivan Nincevic, doch noch immer ist der Chefcoach wegen der Brutalität des Ex-Nationalspielers und der anschließend verhängten Strafe von nur zwei Spielen tief erschüttert. „Rein sportlich ist die Strafe ein Witz und für den deutschen Handball ein Riesenskandal“, brach es am Mittwoch aus dem Isländer heraus.

Als Kind fing Sigurdsson mit dem Handballspielen an, er war bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, insgesamt lief er 215 Mal für Island auf. Seit zehn Jahren ist er nun Trainer, war bereits in Japan und Österreich. „Ich habe schon sehr viel im Handball erlebt, aber das war das schlimmste Foul, das ich je in meinem Leben gesehen haben“, sagte Sigurdsson.

Zwei Spiele noch bis zum Saisonende

Es ist die Gravität des Vergehens, die Sigurdsson dazu treibt, sich derart klar zu dem Foul und der Strafe zu äußern. Und der Fakt, dass „Täter und Opfer die gleiche Strafe erhalten“. So ist für Ivan Nincevic die Saison ebenso zwei Spiele vor Schluss vorzeitig beendet wie für Torsten Jansen, und das könne ja wohl nicht sein. „Für Ivan ist das die Höchststrafe, denn es sind unsere beiden wichtigsten Saisonspiele“, sagte Sigurdsson, „und natürlich ist das auch für den Verein eine Strafe, weil es für uns noch um die Qualifikation für die Champions League geht.“

Am Sonntag empfangen die Füchse im letzten Heimspiel der Saison den abstiegsbedrohten VfL Gummersbach in der Max-Schmeling-Halle (17.30 Uhr). Am 8. Juni treten die Berliner in Hannover an. Für die Füchse geht es in den beiden Partien darum, den vierten Platz vor Verfolger HSV Hamburg zu sichern.

Nincevic unter medizinischer Beobachtung

Ausgerechnet der HSV. Gegen die Hamburger war es am Dienstag der vergangenen Woche zu der folgenschweren Szene zwischen Nincevic und Jansen gekommen. 37 Sekunden vor Schluss hatte der Weltmeister von 2007 den Berliner mit einem Kopfstoß niedergestreckt. Nincevic war mit einer fünf Zentimeter langen, klaffenden Fleischwunde unterhalb des rechten Auges ins Krankenhaus gebracht und dort genäht worden. Zudem erlitt der Kroate eine schwere Gehirnerschütterung. „Das war Körperverletzung und hat im Handball nichts zu suchen“, klagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning.

Nincevic geht es mittlerweile besser, allerdings muss sich der 31-Jährige noch schonen und steht unter medizinischer Beobachtung. Am Montag werden die Fäden gezogen. „Mein Gesicht ist entstellt, diese Narbe behalte ich mein Leben lang“, sagte der Handballprofi, der die Füchse im Sommer nach dreieinhalb Jahren verlässt und künftig in Minsk/Weißrussland auf Torejagd geht.

Allerdings ist derzeit noch völlig offen, wann Nincevic überhaupt wieder spielen kann. „Wenn es ganz schlimm läuft, kann Ivan nie wieder Handball spielen, dann bedeutet das Foul von Jansen das Karriereende, und er muss dafür nur zwei Spiele pausieren. Das ist ein Witz“, sagte Sigurdsson.

Liga plant Reform

Jansen war für seine Tätlichkeit für zehn Meisterschaftsspiele, längstens aber für zwei Monate gesperrt worden. Zudem muss der Linksaußen eine Geldstrafe in Höhe von 15.000 Euro zahlen. Es ist die höchste Strafe, die jemals im deutschen Handball verhängt wurde. Faktisch bedeutet das Urteil der HBL-Disziplinarkommission aber, dass Jansen seinem Verein lediglich in den beiden noch ausstehenden Spielen der aktuellen Saison fehlen wird und er auch beim Final Four in der Champions League am Wochenende spielberechtigt ist. Einen Antrag auf weitere Bestrafung durch das Bundessportgericht stellte die Kommission um HBL-Justiziar Andreas Thiel nicht, weil sie keine Grundlage für ein höheres Strafmaß sah.

Angesichts diese Vorgangs fasst die HBL eine Reform ins Auge, die künftig konsequentere Bestrafungen ermöglichen soll. Die bisherige Regelung, nach der ein Spieler seine Sperre im Gegensatz zum Fußball in der Saisonpause absitzen kann, sei „bizarr“ und mache „keinen Sinn“, sagte etwa HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann. Hanning begrüßte die Überlegungen der HBL, kritisierte aber die Vorgehensweise. „Jetzt nach neuen Regeln zu schreien, überrascht mich schon sehr.

Die HBL hätte den Weg zum Sportgericht ohne Probleme gehen können – doch die Chance wurde vertan“, sagte Hanning. Es sieht danach aus, dass Nincevic den Hamburger Jansen wegen Körperverletzung auf Schmerzensgeld verklagen wird.

Unterstützung für Jansen

Die Diskussion um das Foul an Nincevic bewegt seit Tagen die Handball-Liga. Am Mittwoch erhielt Torsten Jansen Unterstützung von Welthandballer Filip Jicha vom THW Kiel. „Natürlich ist es nicht richtig, was er getan hat, und er muss bestraft werden. Aber ich kann mir vorstellen, was passiert ist“, sagte der Tscheche der Sport Bild, „Nincevic ist nicht gerade der Spieler, der sehr beliebt ist durch seine Provokationen und häufigen Simulationen im Spiel. Seine Verletzung ist zum Glück nicht so schwer wie zunächst befürchtet.“

Vor dieser Aussage hätte Jicha aber wohl besser mal mit Jansen gesprochen, der Hamburger hatte eingeräumt, vor dem Kopfstoß nicht von Nincevic provoziert worden zu sein. Dagur Sigurdsson hat auch dazu eine klare Meinung: „Nichts in der Welt rechtfertigt es, einen Spieler zu köpfen. So ein Verhalten darf niemals akzeptiert werden.“