Champions League

Ausgemusterte Füchse punkten gegen den FC Barcelona

Ihre Verträge bei den Füchsen laufen aus - trotzdem zeigten Nincevic, Pevnov und Sellin beim Spiel gegen Barcelona großen Einsatz.

Foto: Oliver Mehlis / dpa

Wenn in zehn Jahren einmal über Höhepunkte in der Geschichte der Füchse Berlin gesprochen wird, dann dürfte die Champions-League-Partie vom vergangenen Sonntag gegen den FC Barcelona in kaum einer Aufzählung fehlen. Zum ersten Mal gewann der Handball-Bundesligist gegen diese Mannschaft, eines der besten Vereinsteams Europas mit sieben Weltmeistern im Aufgebot. Beim 31:30 herrschte in der ausverkauften O2 World eine mitreißende Atmosphäre, eine ganz intensive Verbindung zwischen den aufopferungsvoll kämpfenden Berliner Spielern und ihrem Publikum.

Mit einem Derwisch Silvio Heinevetter im Mittelpunkt. Und den Top-Torschützen Ivan Nincevic (6), Evgeni Pevnov und Johannes Sellin (je 5), die an der Seite des eine Weltklasseleistung bietenden Torhüters aus einer geschlossenen Mannschaft herausragten.

Pevnovs Vertrag wird nicht verlängert

„Ich habe mich für die Drei sehr gefreut“, sagt Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. Sie müssten eigentlich nicht besonders hervorgehoben werden, wäre die Vorgeschichte ihrer beeindruckenden Vorstellung nicht auch eine besondere.

Vor gut vier Wochen nämlich hat Hanning öffentlich gemacht, dass ihre Zeit in Berlin bald schon ausläuft. Die Verträge mit dem Kroaten Nincevic und dem Deutsch-Russen Pevnov werden im Sommer nicht verlängert; Sellin hatte von sich aus seinen Wechsel zum Bundesliga-Rivalen Melsungen bekannt gegeben.

Außerdem kehrt der dänische Kapitän Torsten Laen in seine Heimat zurück, und auch der Niederländer Mark Bult muss sich nach einem neuen Verein umschauen. Personelle Entscheidungen mitten in der Saison, die eine Frage laut werden ließen: Werden sich diese Spieler trotzdem bis in den Juni hinein hundertprozentig für ihren Verein engagieren?

Alles durch Kampf erreicht

Eine Antwort gab es am Sonntag in der O2 World. „Sicher war das für mich einer der größten Siege mit den Füchsen“, sagte Nincevic und weiß natürlich, dass nicht mehr sehr viele folgen werden im lila-gelben Trikot. An seiner Einstellung, beharrt der 31-Jährige, ändert das nichts.

„Ich habe ja keinen Knopf, mit dem man auf halbherziges Spiel umstellen kann.“ Alles, was er im Leben erreicht habe, das habe er durch Kampf erreicht. „Ich bin so ein Typ, ich kann gar nicht anders.“ Dass er gehen müsse, habe ihm wehgetan, gibt er zu; er hatte nicht damit gerechnet. Aber das Leben geht weiter, er müsse an die Zukunft seiner Familie denken und dürfe die Entscheidung nicht persönlich nehmen: „Ich werde bis zum Ende hier korrekt bleiben.“

Sellin: „Warum sollten wir uns gehen lassen?“

Ganz ähnlich argumentiert der in Berlin zum Nationalspieler gereifte Pevnov, der schon (erfolglos) Vertragsgespräche mit den Rhein Neckar Löwen geführt hat und momentan mit Frischauf Göppingen verhandelt. „Wir sind Profis genug, das zu verarbeiten“, sagt der junge Mann, der morgen 24 Jahre alt wird. „Wir reißen uns hier alle den Arsch auf für den Erfolg. Ich habe doch keine Kündigung bekommen. Ich habe Vertrag, bekomme mein Gehalt und erfülle meine Aufgabe.“ Hundertprozentig, bekräftigt er.

Sellin (22) fragt: „Warum sollten wir uns gehen lassen?“ Es spielten viele Dinge zusammen. Man wolle Charakter zeigen, man habe schließlich einen gültigen Vertrag, und nicht zuletzt gehe es für einige ja darum, sich anderen Vereinen zu präsentieren. Hanning war kritisiert worden, ob er eigentlich verrückt sei, 20 Spieltage vor Saisonende Klartext zu reden. Doch er verteidigt seinen schmerzhaften, aber ehrlichen Weg: „Natürlich tut das weh. Aber jeder der Abgänge hat seine Vorgeschichte: Die Nichtnominierung für nächstes Jahr haben sie sich ja auch erarbeitet.“

Der Manager hofft darauf, dass gerade die aussortierten Spieler in einer Art Trotzreaktion nun unbedingt beweisen wollen, dass es ein Fehler war, nicht an ihnen festzuhalten. Und nach dem Sieg über Barcelona fühlte er sich bereits ein wenig bestätigt: „Hätten sie immer so gespielt, wäre die Entscheidung vielleicht anders ausgefallen.“ Sellin spiele seit Wochen überragend, Pevnov habe einen Schritt nach vorn gemacht. Und auch Nincevic wirke auf ihn sehr fokussiert.

Aussortierte Spieler werden gebraucht

Gleichzeitig ist Hanning selbst in keiner angenehmen Lage: Er braucht die Unterstützung seiner Aussortierten, er braucht sie sogar dringend in guter Form. Der Sieg über Barcelona hat in der Champions League Luft verschafft, Tabellenplatz zwei in der Gruppe D kann Donnerstag mit einem Sieg in Schaffhausen gesichert werden. Aber so schön diese internationalen Erfolge sind: Es könnte für die Berliner sehr schwer werden, sich erneut für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren.

Als Tabellenvierter in der Bundesliga haben die Füchse, die vor Weihnachten ärgerliche Niederlagen gegen Hannover und Wetzlar kassierten, keine Punkte mehr zu verschenken. In ihrem Nacken lauern nur einen beziehungsweise zwei Punkte zurück Hannover-Burgdorf und der HSV Hamburg. Die Europapokalwettbewerbe wurden reformiert, die Zahl der Teilnehmer begrenzt.

„Ziel bleibt Europa“

Das wirkt sich auch auf die deutschen Starter aus. Läuft es dumm, könnte deshalb schon Rang sechs bedeuten, dass die deutsche Hauptstadt in der kommenden Saison keinen Platz im europäischen Handball-Atlas mehr findet. Und das wäre schon ein erheblicher Rückschritt.

„Unser Ziel bleibt Europa“, stellt Hanning klar, beobachtet jedoch skeptisch die Konkurrenz. „Es ist nicht so, dass wir schlechter wären als vergangene Saison. Nur: Die anderen machen jetzt einen besseren Job.“ Ausgerechnet einer der Ausgemusterten versucht, seine Sorgen zu vertreiben. „Wir werden alles versuchen, dass die Mannschaft wieder unter die Top drei kommt.“ Das würde bedeuten: ein weiteres Jahr in der Champions League. Auch wenn er dann nicht mehr dabei ist: „Natürlich sollen die Jungs da wieder mitspielen. Sie können sich auf uns verlassen.“ Hanning wird es gern hören.