Handball

Sellin kommt für den verletzten Richwien ins Füchse-Team

Johannes Sellin hat die Gelegenheit sich zu beweisen. Bei den Füchsen Berlin hat er einiges gelernt. Nun wartet er auf seine nächste Chance.

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Die Umstände hätte er sich anders gewünscht. „Blöd, wie das jetzt zustande gekommen ist“, sagt Johannes Sellin mitfühlend. Natürlich hatte der 22-Jährige den Tag herbeigesehnt, an dem er seine nächste Chance bei den Füchsen Berlin bekommt. Aber so?

Markus Richwien, Rechtsaußen des Handball-Bundesligisten, hat sich am Sonntag im Spiel gegen den TBV Lemgo schwer am Sprunggelenk verletzt; bis zum Jahresende wird er gewiss ausfallen. Für ihn kehrte Sellin zurück in die Mannschaft. Als wäre er nie draußen gewesen, erzielte der junge Mann vier Treffer, machte ein gutes Spiel. Imponierte mit seiner Art, kalt wie eine Hundeschnauze zuzupacken, als selbst Etablierten die Nerven versagen.

Ivan Nincevic, Mark Bult, Iker Romero und Konstantin Igropulo waren mit Siebenmetern am glänzenden Lemgoer Schlussmann Carsten Lichtlein gescheitert. Als niemand sich mehr traute, übernahm der Jüngste im Team Verantwortung. Verwandelte trocken – den ersten Strafwurf, den zweiten. Erst den dritten vergab er. Warum? Da lacht er selbst: „Beim dritten hab ich angefangen zu denken.“ Soll man nicht beim Siebenmeter. Muss aber sonst kein Schaden sein, das hat der junge Mann inzwischen eingesehen. „Irgendwann“, das hat er in Berlin gelernt, „muss man allein gehen können.“

Seine Geschichte ist eigentlich eine des wachsenden Erfolges. Mit 16 Jahren zog er von der Insel Usedom nach Berlin, ganz allein, des Handballs wegen. Er hat sich durchgesetzt. Der Jung-Fuchs wurde seitdem Junioren-Weltmeister, kämpfte sich in den Kader des Bundesligisten und spielte selbst in der Champions League mit, als sei hier sein Heimatrevier. Die Nominierung für die Nationalmannschaft, seine ersten fünf Länderspiele waren die fast logische Konsequenz. Nebenher machte Sellin sein Abitur. Jetzt studiert er an der Humboldt-Universität Grundschulpädagogik. Er vergisst nicht, seine wichtigsten Förderer zu loben. Den Berater am Olympiastützpunkt, Andreas Hülsen. Und den Manager der Füchse, Bob Hanning. „Er ist jemand, der mir viel beigestanden hat, sich gekümmert hat, auch außerhalb des Sports.“

Wichtiges Spiel gegen Zagreb

Aber irgendwann muss man allein gehen können. Das ist nicht immer einfach. Zu Saisonbeginn fand sich das große Talent auf der Tribüne wieder. Von einer Verletzung war die Rede. Aber das war nur vordergründig. Trainer Dagur Sigurdsson, so hörte man, sei richtig unzufrieden gewesen. „Da gab"s ein paar Probleme“, gibt der Linkshänder zu, mag das Thema aber nicht vertiefen. Er kennt ja die Lösung: „Ich muss sehen, dass ich mich besser organisiere.“ Dass er disziplinierter werde.

Sellin war unzufrieden mit der Situation, mit sich. Jetzt ist die Gelegenheit, sich zu beweisen, das weiß er. Am Donnerstag (19.30 Uhr, Schmeling-Halle) geht es gegen Croatia Zagreb, ein wichtiges Spiel für die Füchse. „Da will ich zeigen, was ich kann. Dass ich reif bin, 60 Minuten zu spielen.“ Seine Perspektiven sind ja glänzend. Sogar im Nationalteam, denn auch dort stand Markus Richwien vor ihm. „Ich muss jetzt erst mal gute Leistungen zeigen“, ist Sellin entschlossen, „auch international Spielpraxis sammeln.“ Seinen Stiefel runterspielen, das ist seine Stärke, er ist immer gleich, bei einem Zehn-Tore-Vorsprung wie bei einem Zehn-Tore-Rückstand. Und wenn ein cooler Siebenmeterschütze gesucht wird: Er ist bereit.

pa/Eibner-Pressefoto