Handball

Füchse wollen "Wunder von Berlin" wiederholen

Die Berliner Füchse haben viel vor - erst Kiel in der Bundesliga, dann Leon in der Champions League. Von Größenwahn jedoch keine Spur.

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Der Grat zwischen Bescheidenheit und Koketterie ist schmal. Auch nachdem die Füchse Berlin in ihrer Premierensaison in der Champions League die Gruppenphase erfolgreich abgeschlossen hatten, sprachen sie immer davon, dass ihr Hauptaugenmerk auf der Bundesliga liegt.

Dort gelte es, die entscheidenden Punkte einzufahren, um auch nächste Saison wieder international spielen zu dürfen. Die Königsklasse als Sahnehäubchen, die Liga hingegen der harte Alltag.

Jetzt aber, da das Viertelfinale erreicht ist und der Gegner in den beiden K.o.-Spielen mit Ademar Leon eine lösbare Aufgabe darstellt, haben die Spieler und Verantwortlichen im Fuchsbau ein wenig von ihrer Zurückhaltung aufgegeben.

„Warum sollen wir nicht auch das Final-Four-Turnier erreichen können, wir haben schließlich auch in Hamburg gewonnen“, bringt Kapitän Torsten Laen die Gefühlslage beim Hauptstadtklub auf den Punkt.

Nach der Auslosung für die Runde der letzten acht Mannschaften am Dienstag in Wien redete auch Geschäftsführer Bob Hanning nicht lange herum. „Wenn wir das Final Four erreichen wollen, dann nehmen wir jeden Gegner, der kommt“, sagte der Manager, „Leon ist schon ein schweres Los, aber das wird ein Duell auf Augenhöhe. Wir haben die große Chance, das Wunder von Berlin weiterleben zu lassen.“

Und der 44-Jährige fügte an: „Eigentlich ist uns ja die Bundesliga deutlich wichtiger, aber der Einzug ins Final Four ist für uns jetzt auch wichtig. Von Größenwahn sind wir aber weit entfernt, und das wird auch so bleiben.“

Einer kennt den Gegner aus Spanien besonders gut. Iker Romero, Rückraumstar im Dienste des Hauptstadtklubs, hat selbst schon für Leon gespielt. „Ademar ist eine sehr gute Mannschaft, sie haben im Achtelfinale immerhin Vespzrem besiegt“, sagt der Nationalspieler und tippt auf zwei enge Partien. „Ich denke aber, dass wir als Team besser sind und eine Chance auf den Halbfinaleinzug haben.“

Duell Erster gegen Zweiter

Dank der beiden Siege über den Deutschen Meister HSV Hamburg im Achtelfinale waren die Berliner in der Auslosung den als Titel-Favoriten gehandelten FC Barcelona, THW Kiel und Atletico Madrid aus dem Wege gegangen. Und könnten somit tatsächlich die Finalrunde Ende Mai in Köln erreichen. Zuvor aber stehen in der Liga schwere Aufgaben an.

So kommt es am Mittwoch zum Gipfeltreffen mit dem designierten Meister in Kiel (20.15 Uhr/Sport1). Es ist das Spitzenspiel zwischen dem Ersten und dem Zweiten, das Duell der seit Monaten besten deutschen Handball-Mannschaften.

Mit 50:0 Punkten führt der THW die Tabelle souverän und mit einem Vorsprung von acht Punkten vor den Füchsen an, die Meisterschaft scheint nur noch Formsache. Den Kielern wird von einigen Experten gar bescheinigt, die beste Mannschaft aller Zeiten beisammen zu haben.

Satt sind die Spieler aber noch lange nicht. „Wir freuen uns über jeden Punkt“, sagt etwa Kim Andersson, „wir können und wollen so weitermachen und es nicht bei den 50:0 Punkten belassen.“ Daniel Kubes will mit seiner Mannschaft sogar Bundesliga-Geschichte schreiben und ohne Minuspunkt den nationalen Titel zu holen. „Deshalb bleiben wir sehr konzentriert.“

Etat nicht einmal halb so groß

Der Reiz, nach dem HSV Hamburg jetzt auch den deutschen Rekordmeister zu ärgern, ist natürlich groß, ebenso wie das Selbstvertrauen. Aber die Füchse kennen auch ihre Grenzen. Gegen den überlegenen Liga-Primus, der in dieser Saison das Tripel aus Meisterschaft, Pokal und Champions League zum Ziel hat, glaubt Hanning nicht wirklich an einen Sieg.

„Wir sind Realisten, auch wenn wir auf dem zweiten Platz stehen. Unser Etat beträgt gerade einmal 40 Prozent im Vergleich zu Kiel – wir sind sicherlich nicht der ärgste Kontrahent“, sagt er und warnt seine Spieler davor, die Sache zu locker anzugehen. Sonst drohe eine deftige Niederlage. „Mal schauen, wie viel Restenergie und Restadrenalin wir nach dem Hamburg-Spiel noch haben.“

In Kiel schätzen sie den Aufschwung der Füchse zur zweiten Kraft im deutschen Handball. „Und wenn wir nicht so eine Über-Saison spielen würden, dann wären die Füchse in diesem Jahr ganz oben dabei“, räumt THW-Trainer Alfred Gislason offen ein, „mit nur acht Minuspunkten spielst du normalerweise um die Deutsche Meisterschaft mit.“

Während die Kieler über herausragende Einzelspieler wie Filip Jicha oder Momir Ilic verfügen, überzeugen die Füchse immer wieder als eingeschworene Einheit, die von Trainer Dagur Sigurdsson brillant und clever dirigiert wird. Und der Coach hat Freude an seinem Job.

„Wir spielen sehr konstant und haben eine gute Truppe zusammen, die viel Charakter zeigt und immer mit viel Leidenschaft kämpft“, sagt Sigurdsson und lacht: „Wir genießen es, Handball zu spielen.“