Formel 1

Sebastian Vettel – Mit 24 Jahren schon eine Legende

Weltmeister Sebastian Vettel muss den Vergleich mit Formel-1-Größen wie Michael Schumacher, Juan Manuel Fangio und Alain Prost nicht scheuen.

Männer, so heißt es, vergleichen sich gern. Das mag ein Fünkchen Wahrheit enthalten. Wie sonst ist die Flut an Daten zu erklären, die sich über den Sport ergießt. Im Fußball kann seit Neuestem jedem Spieler nachgewiesen werden, wie viele Kilometer er auf dem Rasen gelaufen ist. Im Tennis wird der Schmerz der Niederlage gelindert, wenn dem Gegner wenigstens ein Aufschlag mit 250 km/h um die Ohren gedonnert wurde. Doch wohl nirgendwo wird so leidenschaftlich verglichen wie in der Formel 1 – und das seit Jahrzehnten.

Da gibt es Rundenzeiten, Sektorenzeiten, Führungsrunden, die Anzahl der meisten Polepositions, die größten Aufholjagden und die meisten Siege bei Regen. Und natürlich – Königin aller Statistiken – die meisten Weltmeistertitel.

Sebastian Vettel liegt in dieser Liste auf Rang neun, gemeinsam mit sieben weiteren Fahrern, die sich zweimal die Krone der Formel 1 aufsetzen durften. Das ist für einen 24-Jährigen eine großartige Leistung. Aber bis zum Olymp der Schnellfahrer, wo Legenden wie Michael Schumacher (7 Titel), Juan Manuel Fangio (5) oder Alain Prost (4) thronen, ist es noch ein weiter Weg – im wahren Sinne des Wortes. Und doch wird der junge Heppenheimer schon jetzt in einem Atemzug mit den ganz Großen dieses Sports genannt.

Am Sonntag muss er beim Großen Preis von Brasilien in Interlagos (17 Uhr, RTL und Sky live) die letzten 305,9 Rennkilometer der Saison absolvieren. Am Ziel ist er schon lange: Seit vier Rennen steht er als Weltmeister fest. Darum verwundert es kaum, dass der Rennausgang in Fachkreisen kaum diskutiert wird. Viel eher schon die Frage, wo im historischen Kontext dieser Sebastian Vettel nun einzuordnen ist.

Darf er schon mit Altmeistern wie Fangio und Prost verglichen werden, obwohl die heutigen Rennwagen mit denen von früher etwa so viel zu tun haben wie eine Schreibmaschine mit einem IPad? Jackie Stewart, der legendäre dreimalige Weltmeister aus Schottland, hat da seine eigene Theorie: „Nur anhand der Resultate kann man große, erfolgreiche Rennfahrer verschiedener Epochen nicht miteinander vergleichen. Das wäre so, als wolle man van Gogh mit Picasso oder Miro mit Rembrandt gleichsetzen.“

Ob der junge Jackie Stewart mit Vettels Red-Bull-Boliden auch Weltmeister geworden wäre oder umgekehrt Sebastian Vettel auf dem Tyrrell von Stewart in den 70er-Jahren eine Chance gehabt hätte, „diese Frage kann nicht geklärt werden“, winkt Niki Lauda ab. Zu groß, sagt der dreimalige Champion aus Wien, seien die Unterschiede der Arbeitsbedingungen bezüglich Strecke, Technik und Konkurrenzsituation: „Man kann auf der Grundlage von Rundenzeiten oder Siegen nicht Fangio mit Schumacher oder Vettel mit Stewart vergleichen – basta.“

Wie schwierig solche Vergleiche zu spinnen sind, verdeutlicht ein Beispiel: 1965 wurde Jim Clark beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring Weltmeister. Es war der siebte WM-Lauf der Saison, und Clark hatte sogar den Grand Prix von Monte Carlo wegen seines Starts beim 500-Meilen-Rennen von Indianapolis ausgelassen. Der Schotte kassierte also nach sechs von elf Rennen den Titel. Sebastian Vettel wurde in dieser Saison nach 15 von 19 Rennen Weltmeister. Wer ist nun der Bessere?

Die historische Einstufung von Vettels Triumph kann nicht auf statistischer Basis erfolgen. Und doch muss sie nicht unterbleiben. Vielmehr qualifiziert die Weise, wie der junge Deutsche seine Rennen fährt, ihn für höchste Weihen. Juan Manuel Fangio, der große Argentinier, hat über die Rangordnung im Rennsport einmal gesagt: „Entscheidend ist die Art, wie man fährt, denkt, reagiert, siegt und sich dabei entwickelt. Wie entschlossen, kompromisslos, auch gegenüber sich selbst, man auftritt.“

Umgesetzt auf Sebastian Vettel ergeben die Worte des Weltmeisters der Jahre 1951 sowie 1954 bis 1957 ein großes Kompliment. Denn wenn Fangio recht hat und ein großer Fahrer sich vor allem durch die Kombination von eiserner Disziplin und ungebremstem Ehrgeiz definiert, klingt das sehr nach Vettel. Der Red-Bull-Fahrer hat sich in kürzester Zeit zu einem hochfliegenden Siegfahrer entwickelt. Jackie Stewart sieht das auch so. Er selbst habe sich erst nach fünf Jahren in der Formel 1 richtig entwickelt, sagt er: „In dieser Zeit habe ich mir sehr viel Erfahrung erarbeitet, mein Wissen ausgewertet und dadurch mehr Selbstvertrauen aufgebaut. Meine beste und erfolgreichste Zeit waren in Wirklichkeit nur meine letzten drei Jahre.“

Im Vergleich zu ihm, fügt Stewart hinzu, habe Vettel das alles schon in einem Alter und zu einem Zeitpunkt erreicht, „wie ich es noch nie bei einem mir bekannten Rennfahrer gesehen habe.“

Die Saison 2011 belegt eindrucksvoll die These des Schotten. Vettel demonstrierte nach seinem knappen Titelgewinn im Jahr zuvor diesmal Eigenschaften, die nur die besten Fahrer mit derlei Präzision abrufen können. Bei „normalen“ Rennen war Vettel 2011 nahezu unschlagbar, und das in einer Saison, die extrem hohe Anforderungen stellte. „Was Fahrintelligenz, taktisches Vermögen und den Instinkt angeht, im entscheidenden Moment das Richtige zu tun, waren Piloten in diesem Jahr noch mehr gefordert als in der Saison zuvor“, behauptet John Watson, selbst von 1973 und 1985 Formel-1-Fahrer: „Sebastian aber hatte sich zu jedem Zeitpunkt dieser Saison im Griff.“

Ist Vettel also schon auf Augenhöhe mit den Legenden des Rennsports?

Ayrton Senna gilt, unabhängig aller Statistik, als einer der begnadetsten Fahrer der Geschichte. Vor allem seine Leistungen in den Qualifikationsrennen gelten bis heute als außergewöhnlich. Doch gerade in diesem Bereich, so unvereinbar historische Vergleiche auch sein mögen, steht Vettel bereits auf einer Stufe mit dem Brasilianer, der 1994 tödlich verunglückte. Beim diesjährigen Grand Prix von Japan holte Vettel in seinem 77. Rennen seine 27. Bestzeit. Ayrton Senna errang dieselbe Anzahl von Trainingsbestzeiten ebenfalls im 77. Rennen.

Vettels Gabe, nicht nur im Rennen zu glänzen, sondern die Triumphe in der Qualifikation vorzubereiten, offenbarte sich nirgendwo eindrucksvoller als beim diesjährigen Grand Prix von Abu Dhabi. In der letzten Runde sicherte er sich mit einer unglaublichen Vorstellung Startplatz eins. Niki Lauda schwärmt noch heute von dem Husarenritt: „Es war eine Demonstration. Alles mit so kontrollierter Aggression in eine letzte entscheidende Runde zu packen, das konnte zuvor nur Ayrton Senna.“ Auch Vettels Teamchef Christian Horner bezeichnete die Leistung seines Schützlings im vorletzten Saisonrennen als „eine unglaubliche, phänomenale Runde“.

Nun ist die Karriere des 24-Jährigen erst am Anfang. 2007 stieg er in die Königsklasse der Rennfahrer ein, und der zweite Titelgewinn im vierten Jahr kann und soll nur eine Zwischenstation sein. Gut möglich ist aber, dass es der Doppelweltmeister in der kommenden Saison schwerer haben wird als in diesem Jahr. Sein Red Bull gilt derzeit als das ausgereifteste Auto, was aber auch bedeutet, dass die Optimierungsmöglichkeiten, anders als bei der Konkurrenz, begrenzt sind. Außerdem greift in der kommenden Saison eine Regeländerung, die den „angeblasenen Auspuff“ verbietet. Dieses aerodynamische Detail, das den Abtrieb verbessert, wurde von Red Bull am effektivsten genutzt.

Mercedes-Teamchef Ross Brawn sieht in einer größeren Herausforderung auch eine Chance: „Sebastian kann beweisen, dass er auch unter noch schwierigeren Umständen seine absolute Extraklasse ausfahren kann. Irgendwann wird jeder Superfahrer mit der Situation konfrontiert, nicht mehr über das beste Auto zu verfügen – und das wird ihn dann noch stärker machen.“

2012 könnte also ein noch aufregenderes Kapitel in Vettels bestimmt nicht langweiliger Karriere sein.