Formel 1

Rosberg sitzt bei Mercedes in der Schumacher-Falle

Trotz des Vertragsverlängerung von Nico Rosberg behält Rekordweltmeister Michael Schumacher bei den Silberpfeilen die Macht.

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Sie trennen 16 Jahre und im Fahrerlager manchmal über zehn Meter. Michael Schumacher federt im Laufschritt aus dem Motorhome von Mercedes zu einem Termin, Nico Rosberg folgt mit Abstand dahinter. Sie hätten aufeinander warten können, aber nun hat Schumacher seine Managerin neben sich und Rosberg seinen Sprecher. Rosberg tippt schnell eine Nachricht für sein Facebook-Profil ins Smartphone. Schumacher hat sein Handy am Ohr.

Es geht eher untertemperiert zu, wenn die beiden Piloten demselben Arbeitgeber dienen, immerhin reicht es zum Smalltalk. „Wie war dein Urlaub?“, fragte Schumacher den Stallgefährten nach der Sommerpause. „Wie war es beim Fahrradfahren in Kyoto?“, erkundigte sich Rosberg brav zurück.

Spätestens wenn sie ihre Visiere herunterklappen, ist Schluss mit dem Geplänkel.

Es sieht so aus, als müssten sie noch länger miteinander klar kommen. Rosberg hat bei Mercedes bis 2013 verlängert, das wurde am Donnerstag offiziell bekannt gegeben. Michael Schumacher hat es sich für mindestens ein Jahr bei der Marke mit dem Stern eingerichtet.

Vettel wird von Schumacher umarmt

Man kennt Schumacher, 42, auch anders; in inniger Umarmung mit Sebastian Vettel nach dessen Titelgewinn zum Beispiel. Nur ist Rosberg eben aus einem anderen Holz geschnitzt als der Rekordweltmeister und der zweimalige Champion. Der blonde Deutsche wuchs nicht neben der Kartbahn, sondern im vornehmen Monte Carlo auf. Er spielte Tennis, er lernte fünf Sprachen, er machte Abitur und konnte in seine rosafarbenen Ralph-Lauren-Hemden als Eaton-Absolvent durchgehen. Während im Hause Schumacher und Vettel das letzte Hemd für den Kartmotor gegeben wurde, flog Nico Rosberg schon mal im Privatjet seines Vaters zum Kartrennen ein. Es waren weniger die Standesdünkel, die Keke Rosberg zu manch derber Kritik an Schumacher verleitete („Er ist ein Drecksack“), er hält ihn nur für einen äußerst gerissenen Rennfahrer.

Den Champion von 1982 hat der Filius ausgeblendet, zu Journalisten spricht Keke kein Wort mehr. Auch sonst ist Rosberg junior in kein Fettnäpfchen getreten; im Gegenteil. Er drückt sich fabelhaft aus, das Tagebuch für ein Männermagazin im vergangenen Winter schrieb er zum größten Teil selbst. „Bisher“, sagt der ehemalige Formel-1-Rennfahrer Gerhard Berger, „hat sich Nico clever behauptet.“ Bisher habe Rosberg den Altmeister sogar „ziemlich gebügelt“.

15:3 steht es in den Qualifyings zugunsten Rosbergs, auch Samstag in Abu Dhabi war er schneller als der Rivale. Nach Punkten führt er 75:70. Aber die Bilanz hat sich leicht verschoben, in der zweiten Saisonhälfte holte Schumacher deutlich auf. Und bisher, das lehren Schumachers 20 Jahre Formel 1, hat er noch jeden Teamkollegen klein gekriegt. Auch bei Mercedes deutet manches daraufhin, dass Rosberg in die Schumi-Falle tappt.

Es sind Petitessen, die Bände sprechen über die gefühlte Hierarchie im Team. Während der Pressegespräche an der Rennstrecke, wenn Schumacher und Rosberg auf Barhockern Platz nehmen, hält meistens Schumacher das Mikrofon. Wenn Rosberg etwas anzumerken hat, muss er es sich schon schnappen. Auch kleine Nadelstiche können schmerzen. Da gab Schumacher der „Neuen Zürcher Zeitung“ ein seitenlanges Interview ohne nur ein Mal den Name Nico oder Rosberg zu erwähnen.

Die Teamleitung ist um Objektivität bemüht, zuweilen greift Norberg Haug korrigierend ein. „Manchmal ist Schumacher ein bisschen schneller“, sagte der Sportchef und meinte seine Präsenz im Rennen. Rosberg muss dann kontern. „Ich bin nicht langsamer als Schumacher.“

Meist begnügt sich Rosberg nur mit einem souveränen Lächeln. So wie neulich in Spa. Da hätte er sich darüber mokieren können, dass er vom Kommandostand den Befehl bekam, Sprit zu sparen, um den voraus fahrenden Schumacher nicht zu bedrängen. Rosberg aber sagte nur, dass solche taktischen Anweisungen „durchaus normal“ sind.


Rosberg beschwichtigte

Oder in Indien. Da hätte er sich lauthals beschweren können, dass ihn seine Boxencrew beim letzten Stopp aufhielt. Rosberg beschwichtigte, er wolle die Rennanalyse abwarten. „Solche Sachen können passieren.“

Er hätte darüber spötteln können, als Schumacher nach Rang 12 in der Qualifikation über ungewöhnlich starke Reifenvibrationen klagte. Rosberg zuckte nur die Schultern, und Teamchef Ross Brawn lieferte prompt eine Erklärung: Der indische Zoll hatte angeblich ein wichtiges Messgerät für Schumachers Reifen zurückgehalten.

Mit einem falschen Wort, einem Stirnrunzeln muss Rosberg fürchten, zwischen die Mühlsteine der Mercedes-PR zu geraten. Schumacher ist Werbestar und Schutzheiliger des Autobauers. Norbert Haug bezeichnete ihn als eines der „Top-Ten-Lebewesen“ dieser Erde. Es stellt sich nicht die Frage, dass Mercedes mit dem Altmeister verlängern will, sondern nur, ob Schumacher noch einmal die Chance sieht, dass Mercedes ein Top-Auto baut. Für eine Vertragsverlängerung sei jetzt nicht die Zeit, verkündete er in Abu Dhabi. „Ich will schauen, wohin der Weg führt“ – bei Mercedes.

Fraglos bleibt er die Idealbesetzung im Epos der siegreichen Silberpfeile. Wenn nicht die PS-Ikone, so soll wenigstens ein anderer deutscher Fahrer die ruhmreiche Geschichte fortschreiben. „Ein Sieg im Silberpfeil steht vielleicht über einem Erfolg mit Ferrari“, sagte Rosberg am Donnerstag pflichtschuldig. „Es wäre irre, wenn ich das schaffe.“

Noch ist dieser Ruhm unerreichbar. „In der Formel 1 muss man die Balance halten zwischen Ehrgeiz und Geduld“, hat Rosberg erkannt. „Es gibt kaum einen anderen Weg zum Erfolg.“ Noch hat er Geduld, obwohl er schon mit dem Williams-Team in die Sackgasse geriet. Er ist 26 und hat noch keinen Grand Prix gewonnen. Er muss aufpassen, kein zweiter Nick Heidfeld zu werden.


Red Bull brauchte fünf Jahre

Fünf Jahre, rechnet Mercedes-Mann Haug vor, hat Red Bull gebraucht, um siegfähig zu sein. Aber Mercedes ist ein Autobauer und kein Brausefabrikant, diese Zeit haben die Silbernen nicht und Schumacher und Rosberg auch nicht.

„Ich will ein Siegauto“ lautet dessen Anspruch. Deshalb hat sich Rosberg eine Hintertür offengelassen mit einer Ausstiegsklausel für den Fall, dass Mercedes die Messlatte reißt. 2013 kann es für ihn interessant werden, wenn die Verträge von Mark Webber (Red Bull), Felipe Massa (Ferrari) und Lewis Hamilton (McLaren) ausgelaufen sind.

Schumacher und Rosberg beteuern, dass sie gemeinsam den Silberpfeil nach vorn bringen wollen, es gebe eine vollständige Transparenz der Daten. Schnittmenge aber gibt es kaum, weil ihre Fahrstile zu unterschiedlich sind. Jenson Button verriet, dass er nur ein Formel-1-Pilot „komplett anders“ fährt als die anderen: Michael Schumacher. „Der braucht immer ein rutschendes Heck.“

Irgendwann wird eine Entscheidung fallen, inwieweit Mercedes diesem Wunsch entspricht. Abzuwarten, ob Rosberg das Lächeln nicht vergeht.