Eishockey

Berliner Eisbären werden zu ihrem Glück gezwungen

Durch die Verletzungsprobleme kommt der Nachwuchs beim Titelverteidiger besser zum Zug. Das ist gut für die Zukunft. Am Abend ist der EHC Berlin zu Gast bei den starken Krefeld Pinguinen.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Bernd König

Besonders lustig ging es in den vergangenen Wochen nicht zu beim EHC Eisbären, Niederlage folgte auf Niederlage. Da tat der Sieg am Freitag gegen die Adler Mannheim (3:2) gleich doppelt gut. Am nächsten Morgen standen über 300 Fans im Wellblechpalast und begleiteten – nicht im Taumel des seltenen Erfolgs, sondern als Aufmunterungsaktion lange geplant – lautstark das Training. Selbst Trainer Jeff Tomlinson, zuletzt häufig in der Kritik, erfuhr Zuspruch. Die Momente an diesem Sonnabend verschafften allen Beteiligten ein wohliges Gefühl.

Wer weiß, wie lange das vorhält. Mit den Spielen in Krefeld an diesem Sonntag (17.45 Uhr, ServusTV) und am Dienstag gegen Wolfsburg warten sehr schwere Aufgaben. Und die Situation hat sich nicht verändert: Es wird angesichts der Verletzungsmisere ein schwerer Kampf für den Neunten, das Play-off in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) zu erreichen. Das führt bereits hier und da zu Anflügen leichter Resignation. „Wir wollen nicht ohne Play-off aus der Saison gehen, aber es kann passieren“, sagt Manager Peter John Lee. Mit Blick auf die vergangenen neun Jahre, in denen sieben Titel gewonnen wurden, wäre das aber „keine Katastrophe“. Lee baut vor.

Vielleicht bauen er und Tomlinson gerade sogar etwas auf. Jahrelang litt nämlich die Entwicklung von Spielern unter den Erfolgen. „Da gab es wenig Eiszeit für die Talente“, so Lee. Daran hätte sich nicht allzu viel geändert, wäre der Kader komplett. „Jetzt ist aber alles anders, wir müssen die Jungen spielen lassen“, sagt der Kanadier. Das Freiwilligkeitsprinzip wurde vom enormen Verletzungspech außer Kraft gesetzt. „Ich bin ein bisschen froh darüber“, erzählt Lee. Weil er weiß, dass in den vergangenen Jahren einiges versäumt wurde.

Steigerung mit jedem Spiel

Früher haben es die Eisbären vorgemacht, mit dem 85er-Jahrgang Nationalspieler produziert. Zuletzt setzte Köln konsequent auf den Nachwuchs, ordnete dies sogar dem Erfolg unter. Jetzt sind die Haie mit starken deutschen Spielern ein Topteam. Daran orientiert sich Lee. Die vergangenen Partien bestätigten den Weg bereits. Der Nachwuchs spielt und steigert sich. „Am Anfang der Saison waren sie noch nicht so weit, aber sie haben dafür gearbeitet, um es jetzt zu sein“, sagt der Trainer. Gegen Mannheim ließ er Jonas Schlenker, 19, und Sven Ziegler, 19, jeweils in Reihen mit zwei erfahrenen Profis spielen. Beide verkauften sich gut, Schlenker gab sogar den Pass zum Siegtreffer. „Unglaublich“, fand Tomlinson die präzise Vorlage quer durch die Angriffszone.

Auch in der Abwehr werden die Talente solider. Henry Haase etwa, lange ein Unsicherheitsfaktor, spielt viel abgeklärter. „Das ist natürlich ein großer Schritt, aber man muss ihn irgendwann machen“, sagt der 20-Jährige. Der Trainer erkennt das Engagement an: „Die jungen Spieler haben sich durchgekämpft, jetzt kommen sie.“ Vielleicht hilft dabei, dass die Erwartungen bezüglich des Saisonziels intern heruntergesetzt wurden. Es lastet weniger Druck auf den Nachwuchsakteuren, gleich alles richtig machen zu müssen, da andernfalls die Bank droht. Haase formuliert es so: „Wir müssen nicht bereit sein, wir wollen bereit sein.“

Gegen Mannheim agierten die Berliner dazu die komplette Partie mit vier Angriffsreihen. „Dadurch hatten wir hinten raus mehr Power, das hat ein Blinder gesehen“, sagt Stürmer Daniel Weiß. Es gab mehr Pausen für die Spieler, die Mannschaft wirkte daher frischer, konnte ihr Spiel über 60 Minuten durchhalten und am Ende noch zulegen. Vorher mit drei Reihen schwand die Kraft im letzten Drittel häufig. Das kostete die Eisbären einige Punkte. Gegen Krefeld will Tomlinson das Modell wieder durchziehen. „Mit vier Reihen zu spielen ist immer gut, wenn du es kannst“, erzählt er. Die Entwicklung der Nachwuchsakteure scheint das jetzt öfter zuzulassen. Der Trainer scheut sich aber auch nicht, die Spieler wieder in die Oberliga zu schicken. Letztlich sei Eiszeit das Wichtigste, und die dürfte knapp werden, wenn die Verletzten zurückkehren.

Noch ein bisschen Hoffnung

Bis dahin durchleben die Talente eine intensive Lernphase. Auszahlen muss sich das noch nicht jetzt, aber in ein oder zwei Jahren könnte sich die Krise als Gewinn erweisen, weil sie dem Nachwuchs hilft, zu Profis zu reifen. Ganz abgeschrieben haben die Eisbären aber auch diese Saison noch nicht. „Wenn wir nach der Pause im Februar alle Spieler gesund zurückhaben, sind wir gefährlich, glaube ich“, sagt Peter John Lee. Das wäre dann eine echte Überraschung.