Eishockey

Eisbären geben sich trotz handfester Krise entspannt

Unkonzentriert präsentieren sich die Berliner seit Wochen. Nach außen aber herrscht Gelassenheit. Doch in der Tabelle wird es immer enger.

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Die eigentliche Arbeit wartete erst nach dem Training. Vor der Kabine des EHC Eisbären lagen 100 Trikots und ein paar Helme, alle waren mit dem Signet der Spieler zu versehen. Schon nach wenigen Unterschriften stöhnte Jim Sharrow. Zuvor auf dem Eis, so der Eindruck, ging es für den Verteidiger entspannter zu.

Überhaupt war alles sehr friedlich beim Meister, auf dem Eis wurde gearbeitet wie immer, aber auch gelacht. Niemand wäre wohl auf die Idee gekommen, dass der Titelverteidiger der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) gerade in einer handfesten Krise steckt. Viermal wurde zuletzt verloren, die direkte Viertelfinalqualifikation ist keineswegs sicher. Anspruch und Wirklichkeit gehen bei den Eisbären gerade weit auseinander, aber nach außen wirkt der Umgang mit der Situation sehr gelassen, so als wäre alles ganz entspannt.

Problem zieht sich durch die Saison

Innen sieht es durchaus anders aus. „Der Trainer ist schon deutlich geworden in den vergangenen Tagen“, sagt Verteidiger Jens Baxmann. Es gibt einige Punkte, an denen sich Don Jackson abarbeiten kann. „Wir sind unter Druck schlecht und geraten in Panik“, erzählt er und benennt damit das offensichtliche Problem. Fällt ein Gegentor, bricht alles zusammen, aus dem einen werden dann schnell drei oder vier. Das weniger offensichtliche, aber weitaus größere Problem liegt jedoch schon vor dem ersten Gegentor. Die Mannschaft ist unkonzentriert. Das ist sie schon die ganze Saison über – und die Berliner bekommen das nicht in den Griff.

Alles, was im Sommer war, also Spielerwechsel, und die Lage mit herbeigeführt hat, lässt Jackson bei der Ursachenanalyse inzwischen außen vor. Er sagt nur: „Die Mannschaft ist jung.“ Trotzdem sind genug begabte Profis im Team, zu viele, als dass es nicht möglich wäre, den angestrebten Platz unter den besten Vier nach der Hauptrunde zu erreichen. Den Verlust von Führungsspielern beklagt der Trainer ebenso wenig, die neue Riege um Kapitän André Rankel würde gute Arbeit leisten, auch wenn sie das eher leise tut. „Es muss nicht jeden Tag einer einen Mülleimer zertreten“, sagt Baxmann. Die Kommunikation sei intakt.

Als geschlossenes Team präsentieren sich die Eisbären trotzdem nur selten. „Wir müssen alle zusammen darauf fokussiert sein, gemeinsam erfolgreich sein zu wollen“, sagt Baxmann. Für ihn befindet sich der Grund des Übels im Kopf. Woanders kann er nämlich nichts entdecken. „Die Mannschaft ist fit, wir laufen viel, das Potenzial ist gut. Wir sind auch nicht satt“, so der Abwehrspieler, der in den vergangenen acht Jahren sechs Titel feierte. Also kann es für ihn nur eine mentale Sache sein: „Man muss viel investieren, wenn man gewinnen will. Wenn drei oder vier das nicht tun, dann funktioniert es schon nicht mehr.“

In der Tabelle wird es für die Eisbären immer enger

Solche Abweichler gibt es zu oft, und dass muss nicht mal Absicht sein. „Wir müssen lernen damit umzugehen, dass andere ähnlich spielen wie wir“, sagt Manager Peter John Lee. Immer mehr Teams setzen offensive Akzente, das scheint die Berliner noch zu überraschen. Ebenso hängt der Grad der Aufmerksamkeit öfter mit dem Namen der Gegner zusammen. „Bei uns ist auch mehr Respekt nötig davor, dass mit Energie und Enthusiasmus viel kompensiert werden kann. Hannover habe ich nie so laufen sehen wie am Sonntag, ganz Straubing feiert zwei Wochen, wenn sie uns schlagen“, so Lee. Diese Tendenz erkennt auch Baxmann. Die Spitzenteams aus Mannheim und Köln schlagen die Eisbären regelmäßig. „Das zeigt doch, dass es eine Kopfsache ist“, sagt der Verteidiger: „Aber es ist auch unsere Aufgabe, dass wir vermeiden, dass wir so denken.“ Die Umsetzung dieser Aufgabe ist offenbar schwerer als in den Jahren zuvor.

Dass es in der Tabelle immer enger wird, könnte einigen die Augen öffnen. „Wir müssen wieder bewusster in die Spiele gehen“, sagt Lee. Die Mannschaft agierte häufig so, als würde sie sich darauf verlassen, irgendwann den Schalter umlegen zu können, wenn es ernst wird. Dafür ist ihr kaum ein Vorwurf zu machen, dass hat oft funktioniert. Mittlerweile geht es immer öfter daneben. Das Viertelfinale in der European Trophy war so ein wichtiger Moment, auch das „Winter Game“, in dem die Berliner früher anders aufgetreten wären und kaum verloren hätten. „Niemand sollte denken, dass der Erfolg der letzten Jahre in die DNA übergeht“, warnt Lee. Ein bisschen Angst in Anführungsstrichen habe er davor, so Baxmann, dass die Eisbären den Schalter diesmal nicht finden: „Man muss vorsichtig sein.“ Womöglich kämpfen die Berliner jetzt schon damit, dass das Umschalten nicht mehr so einfach klappt, und dieses Gefühl hemmt die Leistung noch mehr.

Berliner Klub plant einen Zugang ein

Auswärts hat sich mittlerweile eine grauenvolle Ballung von Niederlagen ergeben, acht von neun Spielen wurden verloren. Dem gegenüber steht eine Serie von acht Siegen aus den vergangenen neun Heimspielen. „Ich hoffe, dass wir am Wochenende in die Spur zurückfinden“, sagt Baxmann. Am Freitag gegen Augsburg (19.30 Uhr) und Sonntag gegen Iserlohn (14.30 Uhr, beide O2 World) spielen die Berliner passenderweise daheim. Trainer Don Jackson immerhin ist weiter von seiner Mannschaft überzeugt. „Wir haben die richtigen Spieler und dürfen nicht frustriert sein“, sagt er. Nach Verstärkung schauen sich die Berliner vorsichtshalber dennoch um, ein Verteidiger sollte es im Idealfall sein. Denn irgendwie muss die Flut an Gegentoren gestoppt werden. Sonst wird sich die Gelassenheit bei den Eisbären nicht mehr lange halten.