Eisbären

NHL-Superstar Daniel Briere genießt die Anonymität in Berlin

Derzeit spielt der Kanadier wegen des Arbeitskampfes in der NHL bei den Eisbären - und freut sich über seine Erlebnisse in Berlin.

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Morgenpost Online: Mister Briere, ist Berlin der zweitbeste Ort, an dem Sie zurzeit sein können?

Daniel Briere: Nach dem Zuhause mit der Familie auf jeden Fall. Ich habe Glück gehabt, nach Berlin und zu einem erstklassigen Klub gekommen zu sein. Beim letzten Lock-out war ich in Bern und auch da hatte man mich sehr gut behandelt, aber hier in Berlin stimmt das ganze Paket. Der Klub, die Mannschaft, die Fans und natürlich die Stadt mit ihrer Geschichte. Ich hätte keinen besseren Ort wählen können. Ich bin hier sehr glücklich und verdiene mit dem Spiel meiner Kindheit den Lebensunterhalt, mehr kann ich nicht verlangen.

Morgenpost Online: Gehen Sie einfach los, hinaus in die Stadt, um sie sich anzusehen?

Daniel Briere: Natürlich, ich nehme mir jede Woche etwas mehr vor. Ich war beispielsweise im Pergamon-Museum, aber am meisten beeindruckt die jüngere Geschichte der Stadt. Natürlich habe ich von der Mauer erfahren, als ich aufwuchs, aber jetzt mit Leuten zu reden, die sowohl die Teilung als auch den Fall miterlebt haben, ist extrem spannend. Wo ich wohne, gibt es beispielsweise viele Tafeln, die genau erklären, wie es damals war. Wenn du in der Geschichte recherchierst, liegt ja alles meistens 300 oder 2000 Jahre zurück. Hier ist alles erst gute 20 Jahre her, das fasziniert mich total. Dass Menschen in einem Teil der Stadt gewohnt haben und deren Freunde oder Familie im anderen, ist unglaublich.

Morgenpost Online: Und bei den Eisbären sind Sie ja hautnah an der Geschichte dran.

Daniel Briere: Ja, ich habe auch schon die eine oder andere Dynamo-Story gehört, sowohl was das Eishockey betraf als auch alles drumherum – wirklich spannend. Mir macht es Spaß zu lernen.

Morgenpost Online: Mit wem reden Sie darüber, mit Ihren Mitspielern?

Daniel Briere: Nicht nur, auch mit Menschen, die ich durch den Klub kennengelernt habe oder mit Freunden von Freunden zu Hause, die man zu besuchen versprochen hat. Amerika ist so weit weg und jetzt bin ich so nah dran. Ich war zwölf, dreizehn Jahre, als die Mauer fiel. Und jetzt erzählen mir all die, die dabei waren, wie es war.

Morgenpost Online: Wie stehen die Chancen, dass Sie Ihre Studien noch länger betreiben können? Glauben Sie, dass in der NHL bald wieder gespielt wird?

Daniel Briere: Das wechselt von Tag zu Tag. Mal denke ich, dass sie sich schon sehr nahe sind, und gleich darauf ist der Kampf wieder in vollem Gange. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Die Situation ist sehr zerbrechlich. Wenn jemand ein falsches Wort sagt, ist alles vorbei und es braucht vier, fünf Tage, bis sich alle beruhigt haben. Ganz in meinem Innern glaube ich aber, dass der Sport in Amerika und Kanada zu groß ist und dass sie irgendwie noch eine verkürzte Saison hinbekommen. Allerdings war ich davon überzeugter, als ich hierher gekommen bin.

Morgenpost Online: Was machen alle Ihre Kollegen, die nicht nach Europa gekommen sind?

Daniel Briere: Sie mieten Eisflächen, treffen sich, trainieren und versuchen, sich fit zu halten. Aber ich glaube, dass es auf diese Weise schwer ist, sich zu motivieren und wirklich hart zu arbeiten. Zu trainieren und das Spiel dann wirklich zu spielen, macht einen großen Unterschied. Im Spiel bist du gezwungen, viel schneller zu reagieren, das kann man nicht simulieren.

Morgenpost Online: Wird Ihr Engagement hier bei den Eisbären in Ihrer Heimat wahrgenommen?

Daniel Briere: Ja, ich bekomme jede Menge Anfragen, dass ich Eisbären-Trikots nach Hause schicken soll.

Morgenpost Online: Wie anspruchsvoll ist es, in der DEL zu spielen?

Daniel Briere: Sehr. Dieses Mal war ich besser vorbereitet. Als ich beim letzten Lock-out in der Schweiz war, wusste ich nicht, was mich erwartete. Du kennst einige Spieler, mit denen du in der Jugend zusammen gespielt hast, aber das ist schon alles. Dieses Mal wusste ich, dass mich hier wirklich harter Wettbewerb erwartet. Wenn du hierher kommst und denkst, das wird leicht, wirst du Probleme bekommen. Wenn du hart arbeitest, nicht.

Morgenpost Online: Wie sehr mussten Sie Ihr Spiel umstellen?

Daniel Briere: Ich bin immer noch dabei, mich bestimmten Situationen anzupassen. Wenn ich auf den kleineren Eisflächen in der NHL hinter der Torlinie stehe, habe ich noch einen Schritt bis zum Tor. Hier sind die Eisflächen größer und es sind zwei, drei Schritte. Ich arbeite immer noch daran, mich näher am Tor zu positionieren. Claude (Giroux, d.R.) ist mehr ein Finesse-Spieler, der unglaubliche, völlig überraschende Sachen machen kann, wo dann alle "Wow" rufen. Ich lebe viel von Pucks vor dem Tor, die keiner kontrolliert, von schnellen Entscheidungen und Reaktionen und davon, an der richtigen Stelle zu sein. Und genau darin kann ich mich hier noch verbessern.

Morgenpost Online: Sie haben jetzt neun Spiele für die Eisbären absolviert. Wie schätzen Sie das Team und die Liga ein?

Daniel Briere: Es war eine Achterbahnfahrt. In einigen Spielen haben wir das Spiel kontrolliert und dominiert, in anderen dann wieder überhaupt nicht. Es gibt bis in die vierte Reihe hinein so viel Potenzial in dieser Mannschaft, dass ich glaube, es gibt nur einen Weg: den nach oben. Wir passen uns manchmal dem Stil der anderen Teams an, anstatt unser Spiel durchzusetzen, wie zuletzt bei unserem 3:0-Sieg in Köln. Das ist in dieser Liga gefährlich, denn nach meiner Beobachtung ist das Gefälle zwischen den Topteams und dem Rest nicht sehr groß.

Morgenpost Online: Wie würden sich eigentlich die Eisbären in der NHL schlagen? Oder andersherum gefragt: Wie hätten die Philadelphia Flyers am Sonntag in Köln abgeschnitten?

Daniel Briere: Darüber habe ich noch nie nachgedacht (lacht). Beide Teams hätte anfangs große Probleme, sich umzustellen. Die Flyers mit den größeren Eisflächen, die Eisbären mit den kleineren und der physischeren Spielweise. Wie ich schon erklärt habe, muss man sich in Nuancen anpassen und verbessern. Ich glaube aber, die Spieler wären smart genug, sich umzustellen, aber es würde einige Spiele dauern.

Morgenpost Online: Wie bewegen Sie sich in der Stadt fort? Der Straßenverkehr hier unterscheidet sich ja von dem in den USA erheblich. Fahren Sie mit dem Auto?

Daniel Briere: Ja, zum Training und zur Arena, viel mehr aber nicht. Ich komme mittlerweile sehr gut mit der U-Bahn zurecht und empfinde es als viel leichter und angenehmer, mit ihr zu fahren, als andauernd einen Parkplatz suchen zu müssen.

Morgenpost Online: Werden Sie da öfter erkannt und angesprochen?

Daniel Briere: Bislang nur einige wenige Male. Das genieße ich sehr, einfach rauszugehen und nicht erkannt zu werden. Das ist in Philadelphia ganz anders. Es ist zum einen sehr schmeichelhaft, weil du spürst, dass du etwas tust, was die Leute wahrnehmen und bewegt. Aber manchmal ist es auch hart, wenn du Zeit mit der Familie verbringen willst und die Leute immerzu ein Foto mit dir machen wollen. Vor allem, seitdem man mit jedem Telefon auch fotografieren kann und Leute Schnappschüsse machen, während du isst. Zu Hause in Kanada kann ich kaum vor die Tür gehen. Ich genieße es sehr, mich hier unterhalb des Radars zu bewegen und unerkannt zu bleiben.