Läufer rangieren auf der deutschen Eitelkeitsskala ganz weit oben. Was den Kleingärtnern ihre Gartenzwerg-Ausstellung, das ist dem Kölner die frisch gedrehte Dauerwelle und Mandy aus den neuen Ländern die kunstvoll lackierten Fingernägel. Läufer hingegen zeigen ihre Schenkel vor.
Es ist kein Spaß, dauernd auf Mitläufer schauen zu müssen, an deren Körper konturenlose Würste baumeln, die nur mit Mühe als Beine zu erkennen sind. Unter einem Geflecht von lila Besenreisern, die die nikotingelbe Hühnerhaut notdürftig überdecken, spannen sich kapitale Krampfadern. Herr, schmeiß Leggings vom Himmel. In der Phase des Prä-Exhibitionismus trugen solche Menschen noch fleischfarbene Stützstrumpfhosen.
Besser beinfrei?
Am Wochenende feiern die Schenkel-Exhibitionisten nun ihr Bein-Fest in Berlin, beim schönsten Marathon der Welt. Egal, wie kalt es ist, gleichgültig, wie bescheuert es aussieht – das Läufervolk trägt die Beinkleider schon zwei Tage vor dem Start maximal halb- bis dreiviertellang, damit auch jeder das Statussymbol sieht, den Muskel und Sehnen gewordenen Beleg jahrelanger Trainingsfron.
Besonders lästig verhält sich der Läufer an Schaufenstern, Toilettenspiegeln oder hochglanzpolierten Standaschenbechern. Denn da bremst er gern abrupt ab, um einen prüfenden Blick auf seine Hochleistungsschenkel zu werfen.
Der letzte Check ist ja mindestens zwei Minuten her. Schön bedeutet aber noch lange nicht gut. Beine sind wie Frauen: Der erste Eindruck täuscht bisweilen, der zweite auch. Ob im Bein wirklich Wahrheit liegt, ermittelt folgende Typologie der Ausdauerschenkel.
Beulenbein: Besonderes Kennzeichen, die Wuchtwade, sieht aus, als sei unter der Haut eine kurze dicke neben einer langen dünneren Fleischwurst implantiert. Vor allem bei älteren und/oder korpulenten Herren zu beobachten oder in primitiveren Kulturen, etwa bei bayerischen Lederhosenträgern, die stolz ein handgestricktes Band um ihr bestes Stück drapieren. Dicke Beulenbeinträger haben Kraft, aber keine Ausdauer. Magere Beulenbeine, auch ältere, sind dagegen zähe Knochen.
Aderbein: (auch „Storchenstelze“ oder „Fliegenbein“): Gegenteil vom Beulenbein. Sind die strohhalmdünnen Dinger nun Krampfadern oder Muskeln? Als Ergebnis ausdauernder Diäten besonders unansehnliche Abart des Beutelbeins. Beim Wadenschlackern, das der Läufer gern im Sitzen vollführt, muss er aufpassen, dass der leere Wadenbeutel sich nicht ums Schienbein wickelt. Aderbeine sind meistens hell, Blutgefäße und Hämatome sind prima zu unterscheiden. Im Wettbewerb nimmt es allerdings bald Farbe an. Weißbein verwandelt sich in Rotbein. Achtung: Aderbeine sind meistens schneller als sie aussehen.
Fettfessel: Vor allem bei Walkern anzutreffen, auch in der Landwirtschaft einsetzbar. Ein gutes Bein sieht aus wie eine Sektflasche, die auf dem Kopf steht. Die Fettfessel dagegen hat die Form einer Litfaßsäule, vom oberen Teil, dem Quarkschenkel, bis nach unten durchgehend konturlos. Knöchel sind nicht zu erkennen, sondern nur durch Grübchen angedeutet. Knie etwa dort, wo sich die Wulst durchbiegt. Größere Blutgerinsel wechseln sich mit Tätowierungen ab, gern geflügelte Turnschuhe oder das keltische Symbol für „Atkins-Diät“. Keine Sporthose der Welt vermag es, nicht in die weiche Masse einzuschneiden.
Baywatch-Bein: Fast so perfekt wie eine Prothese. Tiefes künstliches Malle-Braun auch im Winter, bisweilen allerdings scheckig, da der Selbstbräuner unregelmäßig aufgetragen wurde. Täglich rasiert, gecremt, gestreichelt, geküsst, Wade im Fitnessstudio nachbearbeitet. Gäbe es sein Bein als Klingelton, würde sich sein Besitzer den ganzen Tag selbst anrufen. Das Baywatch-Bein schlendert stundenlang über jede Läufermesse, damit auch jeder andere Teilnehmer seine Status-Schenkel sieht. Schleppt eine missmutige Frau hinter sich her, die sich leise fluchend fragt, wie sie an einen Kerl geraten konnte, dessen bestes Stück sein Bein ist. Im Wettbewerb extrem langsam, damit er von möglichst vielen gesehen wird.
Wurstbein: Dem überästhetisierten Baywatch-Bein steht am anderen Ende der Geschmacksskala das Wurstbein gegenüber. Es ist seinem Besitzer nämlich völlig wurst. Da schneidet die lila Hose ein, die Haare sprießen, größere Inseln der Austrocknung an den Schienbeinen. Die Kunstfasersocken lassen auf großflächigen Pilz zwischen den Zehen schließen. Wurstbeinläufer sind besonders tückisch: Sie wissen oft gar nicht, was sie drauf haben, und ziehen am Ende einfach mal einen Sprint an. Meist gewinnen sie auch noch, vor allem gegen Baywatch-Beine.x
Profibein: Vorne bei den Schnellläufern. Sehr lang, sehr rasiert, durch knappe Hosen noch betont, mager, aber muskulär durchdefiniert. Neidbein. Besser gar nicht hingucken.
Achim Achilles ist Deutschlands bekanntester Hobbyläufer und Autor mehrerer Laufbuch-Bestseller. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Morgenpost-Kolumnist Hajo Schumacher.





