Kaum vier Monate sind vergangen, da hat sich Mona auch schon an meine neuen Frühstücksgepflogenheiten gewöhnt. Das Ritual läuft immer gleich ab: Wasser aufsetzen, „Morgenglück“ in die Schale, Apfel filettieren, manchmal ist es auch eine halbe Banane, kochendes Wasser ins „Morgenglück“, drei Minuten quellen lassen, umrühren, am besten mit diesen Quirls, die man auf die Hilti flanscht, um Eimerfarbe aufzumischen, Apfelscheiben drauf, fertig.
Der Löffel schmatzt, wenn ich ihn wieder aus der Pampe ziehe, die kochend heiß ist, dafür so gar nicht lecker. Unser Sohn Hans geht alleine einkaufen, seit wir die Ernährung auf basisch umgestellt haben. Im Kühlschrank stapeln sich Kuhfleckenpudding und Knusperecken-Joghurt. Verführerisch. Das misstrauische Kind hat seine Vorräte allerdings exakt abgezählt. Mundraub unmöglich.
Hans hat ja recht. „Morgenglück“ schmeckt wie Umzugskarton in Pfütze. Aber der dicke Kleister gibt mir ein gutes Gefühl. Meine gewohnten Hungerattacken, die sich bislang pünktlich um 9.20 Uhr, 10.42 Uhr und 11.53 Uhr einstellten, bleiben plötzlich aus. Neulich hat Mona tatsächlich ein Löffelchen gekostet. „Gar nicht so schlecht“, hat sie gesagt. Seither darf ich jeden Morgen zwei Portionen „Morgenglück“ ansetzen. Und dann beginnt ein glücklicher Tag, voller Fitness, Wohlbefinden, immensem Sexualtrieb und rapide schrumpfendem Gewicht – alles nur dank „Morgenglück“.
Wie furchtbar ist dagegen ein Morgen ohne Glück. Gestern zum Beispiel musste ich früh um sechs Uhr zum Zug. Soll ich kurz nach Mitternacht aufstehen, nur um einem Früchtebrei beim Quellen zuzuschauen? Ich verschob mein Frühstück in den Hauptbahnhof, wo zwei Dutzend Beköstigungsunternehmen um hungrige Reisende werben. Das Problem: Kein Brötchenhöker hat weißmehl-, rotfleisch- und milchproduktfreien Proviant anzubieten, der den Anforderungen einer streng basischen Läuferdiät genügt.
Der lange Trainingslauf vom Sonntag hatte Krater in meinen Bauch gerissen; doch der wirklich tückische Nachhunger stellt sich immer erst am nächsten Morgen ein, nachdem man die Nacht über von einem Job im Schokoladentestlabor geträumt hatte. Mit bebendem Magen und verstohlenen Blicken schlich ich an den Bahnhofsauslagen vorbei. Hatte ich endlich ein Roggenbrötchen gefunden, klebte bestimmt böse Schweinesalami darauf. Aus dem Salat im Plastiknapf leuchtete gelber Gummikäse. Putenschinkenscheiben hatten es sich auf Weizenmehlschrippen bequem gemacht. Ich stand inmitten eines Nahrungsmittelmeeres und musste doch verhungern.
Mit extra scharfen Kaugummis und Cola light brachte ich den Magen zur Räson. Dann der erste Schwächeanfall. Die dreifache Vollkornstulle aus dem ICE-Sortiment plus roter Bionade entsprach zwar nicht exakt den Vorgaben von Basen-Guru Jentschura, sah aber immerhin gesund aus. Ich spürte, wie meine Wadenmuskeln verklebten und von bösen Schlacken langsam zersetzt wurden.
Am Zielort Bielefeld erfolgte der nächste Anschlag auf meine Hüften. Statt eines bunten Obsttellers fanden sich Tonnen böser Konferenzkekse auf dem Besprechungstisch, die leckeren mit Schokoladenhülle und hohem Waffelanteil. Heroisch lehnte ich ab, als mir der Teller mit aufmunternden Worten („Sie können sich’s doch leisten“) zugeschoben wurde.
Kaum war allerdings das Licht erloschen und die unfassbar langweilige Powerpoint-Präsentation an der Wand, da schlichen meine Finger auch schon Richtung Keksteller.
Wenn man nur dann kaut, sobald die anderen sprechen, ist die Keksmalmerei kaum zu hören. Nur der krümelbedingte Hustenanfall fiel in der Runde auf. Später, am Schrippen-Büfett, klaubte ich die schmal geschnittenen Deko-Tomaten von den Silberplatten. Unter manchen klebten noch Teewurstreste. Köstlich.
Bilanz nach fünf Stunden Geschäftsreise: noch nicht ein einziges gesundes Lebensmittel konsumiert. Ich trinke vor lauter schlechtem Gewissen noch ein Glas Wasser; soll ja auch sättigen. Oder es bringt mich endgültig um: Wenn ich nicht verhungere, wird mich ein Blasendurchbruch dahinraffen.
Mona sagt, ich soll mir meine Verpflegung einfach mitnehmen. Aha? Am Abend vorher also Möhren-Sticks schnitzen und Wegebrot backen und dann im Speisewagen eine Tasse heißes Wasser bestellen, in die ich aus einem Ziplock-Beutel mein „Morgenglück“ rieseln lasse? Ich werde einen Rollkoffer mitführen, der ausschließlich Tupper-Dosen mit Basen-Futter enthält. Neidisch werden die Mitreisenden auf meine Wellness-Vorräte stieren und mir Höchstpreise für ein paar Krümel „Morgenglück“ bieten.
Langsam werde ich auch Dinkel-Döner, lactosefreie Fritten und liebevolle Sägearbeiten aus Sellerie aus meinem basischen Rollkoffer ziehen und an die Mitreisenden verteilen. Und dann bestelle ich mir eine Kartoffelsuppe mit Geschmacksverstärker und Bauchspeck. Wie soll ich auch beim Marathon Spitzenleistungen erlaufen, wenn mein Kopf weiß, dass meine Energie-Speicher einfach ratzekahl leer sind? Gefühlte Schwäche ist noch schlimmer als reale.
Achim Achilles ist Deutschlands bekanntester Hobbyläufer. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Morgenpost-Kolumnist Hajo Schumacher.
Achim Achilles





