Kürzlich tänzelte Klaus-Heinrich mit frischen Schuhen zum Lauftreff an. „Hab ich neu“, protzte er. „Ach nee“, sagte ich. „Technologisch ganz weit vorn mit Pronationsmittelbrückenleichtbautechnologie“, dozierte er aus dem Prospekt. „Sehen aber mandymässig aus“, entgegnete ich, „warum haste nicht das Preisschild dran baumeln lassen?“ Klaus-Heinrich überlegte beleidigt. „297 Gramm“, sagte er plötzlich triumphierend, „sind bestimmt leichter als deine.“ Ich schüttelte den Kopf und zeigte ihm meine Sohlen. „Ich hab schon mindestens 50 Gramm vom Profil abgelaufen.“

Langsam kapierte mein Laufpartner: Jeder Schuh erzählt eine Geschichte. Die Geschichte vom neuen Schuh ist leider ziemlich kurz und langweilig: kein Training, kein Schmerz, kein Krampf, schon gar kein Wettrennen. Stattdessen ein provisionsgieriger Verkäufer, der wieder mal einem Gutgläubigen alle Dämpf- und Stützflunkereien aufgebunden, anschließend seine Kreditkarte geschnappt und ihm dafür einen Pappkarton mit zwei seelenlosen Hüllen überlassen hat.

Neuware riecht nach Plastik, der Schmutzschuh nach Charakter. Mit jedem Tritt hat er sich seinem Besitzer angepasst, schweigend Schweiß und Blut aufgenommen, ihn durch Matsch und Regenschauer die Berge hinaufgetragen, spürte außen Tartan und Wurzelwerk und innen nachlässig geschnittene Fußnägel, quetschte seine Millionen Luftbläschen unermüdlich zwischen Fußsohle und Erdboden. Gute Schuhe klagen nie, sondern machen ihren Job.

Die meisten Läufer haben mit ihren Lieblingstretern mehr, vor allem aber eine glücklichere Zeit verbracht als mit dem Ehepartner. Denn Schuhe geben keine Widerworte. Sie sind einfach nur da. Laufschuhe wollen weder Schuhe kaufen noch Emotionsgespräche führen. Bisweilen quietschen sie leise oder schmatzen verhalten. Stilles Einvernehmen. Wie Verliebte am ersten Tag.

Oft betrachte ich sie versonnen, wie sie sich da in unserem Schrank kuscheln: die zerwetzten Lightweights aus jenen Tagen, als man noch an Bestzeiten glaubte. Klobige, aber gutmütige Dicksohlen, die die Angst vor den langen Läufen mildern sollten, wenn sie auch erfolglos blieben. Oder die auf sockendünne zerlaufenen Allrounder, die immer dann zum Tragen kommen, wenn man sich so durchschnittlich fühlt wie meistens. Wie fremd wirken junge weiße Fohlensohlen zwischen all diesen Hengsten der Rennbahn?

Mona sagt, fast alle meine schnürbesenkelten Freunde gehörten auf den Sondermüll. „Nur wenn ich deine Schuhe auch wegwerfen darf“, antworte ich. Zu derlei Geschichtslosigkeit sind nur Frauen fähig. Wer schon keine große sportliche Vergangenheit hat, dem bleibt wenigstens sein Brooks Axiom, der den Kilometer einst unter vier Minuten schaffte, auch wenn er mit dem Loch vorne links und der lappenden Sohle schon etwas gebrechlich aussieht. Wer Laufschuhe entsorgt, der schmeißt auch Fotoalben weg.

Mein bezauberndes Biest von Gattin hatte schon mal in einem unerwarteten Aufräumwahn meine besten Laufschuhe einfach weggeworfen. Zugegeben, sie waren etwas speckig. Aber die Sohle war noch halbwegs in Ordnung, die meisten Nähte waren nicht mal ganz aufgerissen. Und die einstige Farbe, ich glaube, es war Senf oder so ein zarter Leberwurst-Ton, der war auch noch gut zu erkennen. Die Innensohle bestand aus drei Stücken, was man aber kaum merkte, weil sie mit der Untersohle eine chemische Verbindung eingegangen waren, die wohl was mit menschlicher Abwärme zu tun haben musste.

Jedenfalls rochen sie praktisch nicht. Ich habe sie mindestens ein Dutzend Mal in der Waschmaschine gehabt. Einmal mit Monas Unterwäsche, der guten. Zur Rache wollte sie mich an einer Raststätte aussetzen, einfach so. Zum Glück bin ich rechtzeitig zu einem langen Trainingslauf gestartet.

Es dauert ewig, bis Schuhe diese Patina haben. Die muss man sich erarbeiten, Schritt für Schritt, Pfütze für Pfütze, Fußschweißschwall für Fußschweißschwall. Solche Schuhe kann man nicht einfach wegwerfen, an ihnen hängt ein ganzes Läuferleben: Der erste Marathon. Die Bänderdehnung. Die gazellenartige Flucht vor dem Drecksköter. Das Tom-Petty-Konzert. Ungezählte Durch- und Regenfälle. Bestimmt habe ich Mona sogar in den Schuhen geknutscht.

Diese Treter erzählen von allen Aufs und Abs, den Schnells und Nochschnellers, dem harten, nie enden wollenden Asphalt, den der einsame Läufer mit zenartigem Gleichmut nimmt. Was wissen Frauen schon von uns rennenden Cowboys? Sie mutmaßen allenfalls, dass ein Läufer seine Schuhe mehr liebt als seine Frau. Stimmt ja auch.

Auch Klaus-Heinrich hat beim Laufen jedenfalls kein Wort mehr über seine Paradepuschen verloren. Stattdessen ist er zickzack in jedes Matschloch getreten, das auf unserem Weg lag. Nach einer Stunde blitzte das Weiß kaum noch durch. Wird Zeit, dass Straßenschmutz aus der Sprühdose erfunden wird. Das erspart die Peinlichkeit, in neuen Schuhen herumzulaufen.

Achim Achilles ist Deutschlands bekanntester Hobbyläufer. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Morgenpost-Kolumnist Hajo Schumacher.

Achim Achilles