Tagelang habe ich den Höllentrip vor mir hergeschoben: dreimal 4000 Meter in menschenverachtenden 19 Minuten, nur von ein paar Metern Trabpause unterbrochen. Ich habe psychosomatische Knieschmerzen, leide unter Atemnot und Blasenschwäche.
Umgekehrt hätte ich die Strecken vielleicht bewältigt: vier Kilometer Trabpause, dann ein paar Meter sprinten. Aber der Trainingsplan ist unerbittlich, und bald ist Berlin-Marathon.
Seit Monaten trainiere ich mental und digital. Auf GPSies.com habe ich neulich meine Strecken vermessen. Was ich für acht Kilometer hielt, waren nicht mal sieben, die 20-Kilometer-Runde hatte gerade 16. Und weil ich zufällig oft die Uhr vergesse, habe ich die Zeiten geschätzt.
Selbstbetrug ist die Königsdisziplin des Marathon-Anwärters. Denkt man sich die Strecken länger und ein paar Minuten weg, kommt man auf passable Zeiten. Schluss damit. Jetzt beginnt die Phase der Ehrlichkeit. Um die vier Kilometer Einlaufen zum Stadion zu sparen, hat Mona mich im Auto auf dem Weg zu ihrer Fußpflege mitgenommen. Meine Zehen könnten auch mal eine Runderneuerung gebrauchen.
Aber Mona wirft mich an der Ampel auf die Straße. „Ich gehe mal davon aus, dass heute Abend nichts mit Dir anzufangen ist“, sagt meine Gattin kühl. „Und morgen und übermorgen auch nicht“, denke ich – sage aber: „Unsinn, Schatz, doch nicht wegen dieses Kindergeburtstags.“ Ich trabe los. Die Beine knicken weg. Angst essen Muskeln auf. Ich versuche, auf der Treppe hinunter zur Tartanbahn zu stolpern. Hoffen auf eine Verletzung in letzter Sekunde.
Ein Nachmittag auf dem Sportplatz, das ist die Schlacht der Muskelfasern. Hier ist das Wadenmeer, die Schau der Schenkel. Jeder trainiert für sich. Aber alle gucken verstohlen. Wer hat sich schon Leistungsadern wie Feuerwehrschläuche ergaloppiert? Und wer trägt Quark unterm Hosenbein? Sechs Bahnen Darwin. Das Hirn spielt verrückt. Vielleicht ist es das Glück. Auf jeden Fall die perfekte Vorbereitung.
Über die Bahn stolpert ein Milchbart, der nach viertem Semester Laubsägen aussieht. Die Füße schlenkern, die Arme wedeln. Lausiger Stilist. Ich setze mich in Trab. Zeitkontrolle: An jeder 100-Meter-Marke 29 Sekunden, macht vier Minuten 50 auf den Kilometer, ergibt 19 Minuten 20. Nach 500 Metern bin ich drei Sekunden im Verzug. Der Schlenkermann gewinnt an Vorsprung.
Ich könnte ihn lässig überspurten, dann noch etwas stretchen, nach Hause trödeln und Mona erzählen, ich hätte einem Jungspund die Hacken gezeigt. Wäre nicht mal gelogen. Ich hätte mich nur um elf Kilometer Tempolauf erleichtert. Normalerweise bin ich für billige Triumphe immer zu haben. Aber nicht heute, am Tag der Ehrlichkeit. Also lasse ich den Schlenkermann ziehen. 19 Minuten, 34 Sekunden am Ende. Nicht schlecht.
Traben. Und wieder los. Zehn Runden. 20 Minuten Einsamkeit. Die Kunst des Tempolaufs besteht darin, nicht ans Laufen zu denken. Nur: Woran soll man denken, wenn die Beine brennen und die Lunge pfeift? Der erste Kilometer. Die Uhr sagt: Fünf Minuten, drei Sekunden. Mist. 13 Sekunden zuviel. Nicht nervös werden. Zur Abwechslung übers Atmen nachdenken. Einatmen wird überschätzt. Besser explosiv ausatmen. Der Rest geht von allein. Härte siegt. Autopilot. Schrittundschrittundschritt.
Psychologen empfehlen motivierende Mantras. Leider fallen mir nur Flüche ein. Zweite Runde fertig: 19 Minuten, 56 Sekunden. Ich bin ein Star, ich hör jetzt auf, sagt Teufelchen im linken Ohr. Mach weiter, entgegnet der große Teufel im rechten. Keine Lust, sagt der linke. Stell Dich nicht so an, schimpft der rechte. Schmerz, klagt links. Vergeht, sagt rechts. Fühlt sich ernst an, zetert Teufelchen. Schlappschwanz, sagt Riesenteufel und fügt hinzu: Du solltest mal wieder Respekt vor Dir haben. Schnauze, denke ich und starte zum dritten Viertausender.
Zwei Herren mittleren Alters kommen die Treppen hinab. Sie traben zwei Runden, plaudern und verschwinden. Was war das denn? Eine Inspektionsrunde des Ordnungsamtes? Die beiden Sportdarsteller haben mich immerhin den ersten Kilometer vergessen lassen. Betonbeine. Anschwellende Bahnbeklopptheit. Nur Schritte, Hecheln, Uhrgucken, Sekunden addieren, multiplizieren, inhalieren. Birne blöd wie Flasche leer. Kein Wunder, dass Dieter Baumann seltsam ist.
Es wird dunkel. Alles tut weh. Egal. Ich will, dass es wehtut. Schmerz ist, wenn Schwäche den Körper verlässt, stand neulich im Baumarkt auf einem Plakat. Trance-Stampfen. Glück der Qual. Endzeit unter 22 Minuten. Fast im Plan. Den Heimweg erledige ich schlendernd. In jedem Schaufenster begutachte ich meine Silhouette. Gebückt zwar, aber mindestens drei Kilo verloren.
Noch ein paar solcher Killer-Einheiten, und ich schaffe es nach Peking. Zu Fuß.
Eine knappe Stunde später öffnet Mona die Tür. Stutzt. Erschrickt. „Warum siehst du so käsig aus? Alles in Ordnung, mein Achim?“ Ich japse Entwarnung. Sie nimmt mich in den Arm, nass und fertig. Sagt einfach nur: „Mein Achim.“ Tempotraining ist geil.
Achim Achilles ist Deutschlands bekanntester Hobbyläufer. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Morgenpost-Kolumnist Hajo Schumacher.
Achim Achilles




