Die Feier zum 35. Geburtstag (am 26. September) des größten deutschen Profiboxteams musste abgesagt werden. Verletzungen von Boxern stoppten die Partyvorbereitungen des Teams Sauerland.

Kein Grund zur Panik, eher Geschäftsrisiko. Aber Grund genug für eine Bestandsaufnahme durch den Athleten, der die Anstrengungen von Teamgründer Wilfried Sauerland 1988 mit den ersten Weltmeistertitel belohnt hatte: Graciano Rocchigiani.

So kompromisslos wie er 20 Jahre lang seinen Job im Ring erledigt hat, so kompromisslos sagt der Berliner seine Meinung.

„Da laufen Leute rum mit prunkvollem Gürtel“

„Wir müssen endlich weg von Titeln, die keiner braucht. Bei uns laufen Leute rum mit einem prunkvollen Gürtel über der Schulter, für irgendwelche Pseudo-Meisterschaften, die keiner aussprechen kann. Die hätten früher bei einer Amateurmeisterschaft die erste Runde nur mit einem Freilos überstanden“, geht der Champion von 1988 (Supermittel) und 1998 (Halbschwer) mit seinem Sport ins Gericht.

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Und der mittlerweile 51 Jahre alte Berliner legt nach: „Wer braucht so einen Schwachsinn wie West-Ost-Intercontinental-Meisterschaft oder Kämpfe um einen Tralala-Silver-Belt? Nur die Verbände. Die kassieren dicke Gebühren für dünne Titel. Eine Europameisterschaft zählt nichts, eine Deutsche Meisterschaft weniger als nichts. Ich weiß nicht mal, wie viele Deutschen Meister es überhaupt noch gibt.“ So ganz genau weiß das auch niemand beim Bund Deutscher Berufsboxer (BDB)...

Kein nationaler Champ im Vorzeigeteam Sauerland

Im Sauerland-Team gibt es jedenfalls keinen deutschen Meister. Rocchigiani: „Bei denen läuft es ja richtig gut, was Trainer, Training und den Aufbau von jungen Boxern angeht. Aber auch bei Sauerland wird zu viel auf Kampfrekorde geachtet.“

Und weiter mit Blick auf die komplette Szene: „Nicht verlieren dürfen bedeutet grundsätzlich zu viele Kämpfe bei denen die Jungs nichts lernen, weil sie immer wieder gegen Pfeifen antreten und danach glauben sie, sie seien Superman.“

Dass sieht Wilfried Sauerland natürlich etwas anders: „Die Dinge haben sich entwickelt. Außer in den USA wecken nationale Vergleiche und Ranglisten nirgendwo mehr das Interesse der Fans. Was zählt sind Kämpfe, die im Fernsehen oder Internet zu vermarkten sind. Das sind Titel-Fights. Dem können wir uns nicht verschließen.“

82 Weltmeisterschaften in 17 Gewichtsklassen

Doch der 75-Jährige gibt dem „anstrengendsten Boxer den ich je unter Vertrag hatte“ auch recht. „Es wäre mir, genau wie Graciano, lieber, wenn es noch immer den kontinuierlichen Aufstieg gäbe. Also erst Deutscher-, dann Europa- und dann Weltmeister.

Aber das läuft nicht mehr. Graciano unterschätzt die viele Arbeit, die ein Management hat. Das Geld liegt nicht auf der Straße.“

Graciano Rocchigiani ist mittlerweile 51. Er ist Champion im Supermittelgewicht (1988) und im Halbschwergewicht  (1998)
Graciano Rocchigiani ist mittlerweile 51. Er ist Champion im Supermittelgewicht (1988) und im Halbschwergewicht (1998) © Bongarts/Getty Images | Thomas Eisenhuth

Kein Wunder, schreiben doch allein die vier anerkannten Profibox-Weltverbänden(WBA, WBC, WBO und IBF) momentan 82 „Weltmeisterschaften“ in 17 Gewichtsklassen aus. Was zu Kuriositäten führt. Sauerland-Halbschwergewichtler Jürgen Brähmer ist Weltmeister bei der WBA. Im Fall des 36-Jährigen bedeutet das, dass er nur die Nummer zwei im Verband ist. Vor ihm steht Superchampion Sergei Kovalev. Der Russe hält auch die Titel der IBF und WBO.

Halmich bemängelt fehlende Abwechslung

An einen Kampf gegen Kovalev darf Brähmer aber nicht denken. Aus dem Sauerland-Lager kommt unter anderem als Begründung „Kovalev ist viel zu teuer“. Das ist sicher wahr, aber nur die halbe Wahrheit.

Für die WBA sind Kovalev und Brähmer viel lukrativer, wenn sie sich - möglichst gefahrlos - aus dem Weg gehen und die interne Verbandsrangliste immer wieder rauf und runter boxen.

Regina Halmich, die einzige Frau, die es in deutschen Profibox-Ringen (mit Einschaltquoten bis zu 8,8 Millionen Zuschauern) auf Augenhöhe zu den männlichen Kollegen gebracht hat, fehlt die Abwechslung.

„Wir haben viermal Arthur Abraham gegen Robert Stieglitz gesehen. Eigentlich ein gutes Ding, aber nicht so oft. Das ist einfach nicht gut. Hätte Robert zuletzt gewonnen, hätte es einen fünften Kampf gegeben, denn beide wurden bei der WBO wie durch ein Wunder nach einer Niederlage immer wieder ganz schnell Pflichtherausforderer“, moniert die 38-jährige Karlsruherin.

Rocky vor dem Neueinstieg

Für Halmich liegt ein wesentlicher Grund in der momentanen Stagnation im deutschen Profiboxen in der fehlenden TV-Konkurrenz. „Seit das ZDF und später die ARD ausgestiegen sind, gibt es einen Abschwung. Es gab früher einfach mehr interessante Typen, was nicht heißen soll, dass automatisch alle Kämpfe besser waren.“

Und genau in dieser Zeit wagt Graciano Rocchigiani einen Neueinstieg? Für Rocky kein Widerspruch. „Wann, wenn nicht jetzt. Noch gibt es bei uns Interesse für Boxen. Das gilt meiner Meinung nach zwar nur für die Profis, aber ich bin ja Profi.

Mehr Realismus durch einen Blick aufs Konto

Unser neues Team braucht Zeit. Drei bis vier Jahre.“ Zur Finanzierung soll ein Internet-Abo helfen. Über die Internet-Adresse „www.Projekt-Rocky.de“ gibt es Einblick in den Alltag des Teams. Monatlicher Preis: sechs bis acht Euro.

„Vielleicht bin ich ja ein Träumer“, so Rocchigiani, „Aber ich hoffe, wir liegen richtig. Und ich hoffe auch, dass das Boxen wieder mehr zu seinen Wurzeln zurückkehrt. All die Jungs mit den dicken Championsgürteln für ihren Mondtitel sollten mal auf ihr Bankkonto gucken. Das hilft, um den eigenen Wert realistisch einzuschätzen.“

Graciano Rocchigiani macht mit geballten Fäusten auch im Jackett eine gute Figur
Graciano Rocchigiani macht mit geballten Fäusten auch im Jackett eine gute Figur© picture alliance / Eventpress | dpa Picture-Alliance /

Der Wert der Berufsboxszene in Deutschland ist zuletzt jedenfalls gesunken. Für Publikumsliebling Axel Schulz stellt sich die Lage wie folgt dar. Schwergewichtler Wladimir Klitschko ist, abgesehen von seinem kürzlichen Verletzungspech, der einzige Selbstläufer.

Der Berliner Arthur Abraham sei das bekannteste Gesicht und der einzige nach Klitschko, der sicher „über vier Millionen Fans an den Fernseher zieht“. Brähmer sei durch die Umstände gehandicapt. Die Nachwuchsleute Jack Culcay, Tyron Zeuge oder Vincent Feigenbutz müssen „am Ende ganz andere Kaliber boxen, als sie es bisher getan haben, bevor man wirklich weiß, wo die Reise hingeht. Und dabei müssen sie auch mal verlieren dürfen“, so der 46-Jährige.

Das darf Felix Sturm, lange ein Aushängeschild hierzulande, nicht mehr. Ob der 36 Jahre alte Wahl-Kölner überhaupt noch einmal an gute Tage anknüpfen kann, ist nicht sicher.

Rocchigiani als Trainer für Huck im Gespräch

Auch wenn ein Duell gegen Arthur Abraham (der bestreitet seinen nächsten Kampf am 19. Dezember in Hannover gegen einen noch nicht benannten Gegner) nach wie vor als sportlicher Höhepunkt angepriesen wird. Graciano Rocchigiani: „Wenn sie das machen wollen, dann schnell. Für mich kommt es aber fünf Jahre zu spät.“

Spät, aber nicht zu spät, könnte Rocchigiani an der Fortsetzung von Marco Huck beteiligt sein. Nachdem der 30 Jahre alte Cruisergewichtler im August gegen den Polen Krysztof Glowacki in seinen ersten Kampf in Eigenregie seinen WM-Titel verloren hat, ist er als neuer Trainer im Gespräch. Das könnte, für beide, den Neuanfang lohnen.