Eisschnelllauf

Deutscher Olympischer Sportbund rollt Fall Pechstein neu auf

Eine prominente Experten-Kommission soll alle Fakten zum komplizierten Sachverhalt erneut prüfen. Was aber passiert, wenn die Sperre als ungerechtfertigt betrachtet wird, ist derzeit noch unklar.

Foto: Kai-Uwe Wärner / pa /

Dass sich für Claudia Pechstein noch einmal etwas in eine Richtung wendet, die als gut bezeichnet werden kann, war nicht mehr unbedingt zu erwarten. Fünf Jahre ist es her, dass die Eisschnellläuferin aus Berlin gesperrt worden war. Endlose Kämpfe stand sie durch, um irgendwie zu dem Ergebnis zu kommen, dass in ihrem Fall eine falsche Entscheidung getroffen worden sei. Nur wollte ihr das keines der angerufenen Gerichte bestätigen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) befasst sich jetzt erneut mit der Materie. Das ist schon mal ein großer Erfolg für die 42-Jährige. Einmalig ist die Sache auch.

Fünf anerkannte Experten sollen noch einmal intensiv prüfen, „alle vorgelegten medizinischen Fachgutachten und Diagnosen bewerten, die es zu diesem Fall bislang gibt“, teilte der DOSB am Donnerstag mit. Alles wird also noch einmal aufgerollt. „Die Frage steht im Raum, ob wir eine Athletin haben, die Täterin war oder Opfer ist. Wir wollen überprüfen, inwieweit das Bild der dopenden Claudia Pechstein in der Öffentlichkeit gegebenenfalls korrigiert werden muss“, sagte Präsident Alfons Hörmann. Besonders ihm und seinem offenbar sehr ausgeprägten Unrechtsbewusstsein ist es zu verdanken, dass diese Kommission ihre Arbeit aufnimmt. „Es gibt in der Causa Pechstein große Fragezeichen. Sollte hier Unrecht geschehen sein, dürfen wir es nicht stehen lassen“, so Hörmann.

Schon seit einiger Zeit gibt es Tendenzen, dass die Entscheidungen der Gerichte nicht verhindern können, dass im deutschen Sport möglicherweise eine Neubewertung der Causa Pechstein bevorsteht. Wie die Morgenpost bereits vor gut zwei Monaten berichtete, distanzierte sich Werner E. Klatten, Chef der Sporthilfe, von einstmals getätigten negativen Äußerungen gegenüber Pechstein. Ebenso stellte Hörmann ein Umdenken in Aussicht.

Pechstein: „Ein bedeutsamer Tag“

Dieses wurde nun klar formuliert in dem Sinne, dass die Zweifel an den bisherigen Urteilen beim Sport-Dachverband groß sind. So groß, dass man der Athletin, die Ende des Monats in die Saison startet, nicht zumuten möchte, das Thema nicht wenigstens noch einmal von allen Seiten betrachtet zu haben. „Für mich ist heute einer der bedeutsamsten Tage meiner Karriere“, sagt die Berlinerin Pechstein, „jetzt wird erstmals medizinisch von offizieller Stelle durch anerkannte Experten geklärt, ob ich Täter oder Opfer bin.“

Im Februar 2009 war die fünfmalige Olympiasiegerin wegen erhöhter Werte der Retikoluzyten, der jungen roten Blutkörperchen, für zwei Jahre vom Weltverband ISU gesperrt worden. Kein positiver Dopingbefund, nur ein Indiz. Zumal eines, das wenig später schon gar nicht mehr genügt hätte für eine Sperre. Denn kurz nach der Bestätigung des Urteils durch den internationalen Sportgerichtshof Cas im November änderte die Welt-Antidopingagentur (Wada) die Regeln so, dass zwingend mehrere Blutparameter auffällig sein müssen, um eine Sperre verhängen zu können.

Weder beim Cas noch später dann beim Schweizer Bundesgericht waren die neuerlichen Gutachten, die Pechstein stetig erbrachte, ausreichend oder überhaupt gewürdigt worden. Der Fakt, dass viele Experten die nachgewiesene, vom Vater vererbte Blutanomalie als Ursache der erhöhten Werte betrachten, spielte bei der Urteilsfindung keine Rolle. „Die Experten sollen dieser Frage nun erneut nachgehen und beurteilen, ob sich aus den vorliegenden Daten ein Dopingvergehen ableiten lässt“, erklärte der DOSB zur Aufgabenstellung der Kommission.

Gremium mit fünf Experten

Dem Gremium gehören unter anderem Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln, sowie Alberto Zanella an, langjähriger Direktor der hämatologischen Abteilung der Universitätsklinik Mailand. Der italienische Hämatologe war als Gutachter der ISU im Verfahren gegen Pechstein tätig. Wolfgang Jelkmann, Direktor des Instituts für Physiologie an der Universität Lübeck, übernimmt die Koordinierung.

Wann mit Ergebnissen zu rechnen ist, sei derzeit nicht absehbar. Wie mit diesen umgegangen werden soll, ist ebenso eine interessante Frage. Der DOSB stelle sich seiner Verantwortung „mit allen daraus resultierenden Konsequenzen“. Sollten die Experten zum Resultat kommen, dass Pechsteins Sperre ungerechtfertigt war, müsste der DOSB wohl an das vom deutschen Präsidenten Thomas Bach geleitete Internationale Olympische Komitee herantreten, um eine mögliche Rehabilitation zu erwirken. Damit könnte sich der DOSB nicht nur Freunde machen, doch auf Gegenwind scheint man offenbar eingestellt. Sonst hätte man diese ungewöhnliche Initiative kaum gestartet.