Eisschnelllauf

Gute Zeichen für Claudia Pechsteins Kampf gegen das Doping-Stigma

Im deutschen Sport findet ein Umdenken im komplizierten Fall der Berlinerin statt. Wichtige Persönlichkeiten wie DOSB-Präsident Hörmann und Sporthilfechef Klatten wollen kein Unrecht mittragen

Foto: Christian Charisius / dpa

Evi Sachenbacher-Stehle hegt Argwohn. Am Mittwoch gab der Biathlon-Weltverband IBU bekannt, dass die deutsche Athletin nach ihrer positiven Dopingprobe bei den Olympischen Spielen in Sotschi im Februar für zwei Jahre gesperrt wird. „Es ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, dass mein Fall der unbewussten Einnahme durch ein nachweislich kontaminiertes Nahrungsergänzungsmittel von der Sanktion her nun auf die gleiche Stufe wie ein vorsätzlicher Epo-Dopingsünder gestellt wird“, erklärte die Biathletin daraufhin. Sie fühlt sich ungerecht behandelt.

In ihrer schriftlichen Stellungnahme führt sie aus: „Es drängt sich der Verdacht auf, dass zum Thema Nahrungsergänzungsmittel anhand meines Falles nun ein Exempel statuiert werden soll.“ Ihr Fall wäre nicht sachgerecht behandelt, sondern verbandspolitisch motiviert entschieden worden. Für die 33-Jährige dürfte dies wohl das Karriereende bedeuten.

Obwohl. An diesem Freitag findet in Inzell die Deutsche Meisterschaft der Eisschnellläufer im Massenstart statt. Mit im Pulk steht Claudia Pechstein, immerhin 42 Jahre alt. Dass sie immer noch dabei ist, hat auch viel damit zu tun, dass sich die Berlinerin ungerecht behandelt fühlt. Sie wurde ebenso für zwei Jahre gesperrt, dabei gab es bei ihr nicht mal eine positive Dopingprobe, sondern nur vage Indizien. Erhöhte Werte der Retikulozyten, der jungen roten Blutkörperchen, nahm der Weltverband ISU 2009 zum Anlass, Pechstein aus dem Verkehr zu ziehen.

Seither kämpft Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin gegen dieses Urteil, das seinerzeit vom Internationalen Sportgerichtshof Cas bestätigt worden ist. Erfolge konnte sie dabei vor Gericht kaum erzielen, obwohl sie über die Jahre unermüdlich dezidierte Gutachten heranschaffte, die ihr letztlich eine vererbte Blutanomalie attestieren. Inzwischen gibt es keine medizinischen Experten mehr, die noch an diesen Fakten zweifeln. Juristisch aber ist sie weiterhin nicht rehabilitiert.

Von früheren Aussagen distanziert

Pechstein musste damals selbst von höchster Ebene im deutschen Sport viel über sich ergehen lassen. Werner E. Klatten, Chef der Sporthilfe, hatte sie als Doperin bezeichnet. Mittlerweile würde er das nicht mehr tun. „Ich habe, wie im Übrigen auch Thomas Bach, als er noch Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes war, und dessen Nachfolger Alfons Hörmann, mit Frau Pechstein vertrauensvoll gesprochen. Sie weiß seither, dass ich meine Aussagen von 2009, die auf Basis des damaligen Urteils des obersten Sportgerichts Cas getroffen wurden, nicht aufrecht halte“, so Klatten gegenüber der Morgenpost. Er habe sich bei ihr entschuldigt, ließ Pechstein kürzlich in einem Interview wissen.

Offenbar findet auf oberster Ebene des deutschen Sports ein Umdenken in der Causa der Berlinerin statt. „Wir stecken hier offensichtlich in einem Dilemma. Das oberste Sportgericht hat gegen Frau Pechstein entschieden. Das Urteil ist rechtskräftig und keine Revision zulässig. Auf der anderen Seite gibt es neue medizinische und wissenschaftliche Erkenntnisse, die das damalige Urteil hinterfragen. Deshalb ist dieses komplexe Kapitel noch immer nicht abgeschlossen“, sagt Klatten.

Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) beschäftigt sich weiter mit Pechstein. Bereits am 20. Mai sagte Präsident Alfons Hörmann bei der Kölner Sportrede: „Nun bin ich weder Jurist noch Mediziner, meine aber im Laufe der Jahre eine gute, ganzheitliche Fähigkeit zur Beurteilung von Sachthemen entwickelt zu haben, wie man es als Unternehmer und als Verbandsmann an der ein oder anderen Stelle entwickeln muss, und habe mit Michael Vesper und zahlreichen DOSB-Verantwortlichen gerade in der Causa Pechstein nun viel Zeit investiert und verbracht und komme mehr und mehr zum großen Fragezeichen, ob wir hier tatsächlich jemanden haben, der Täter war oder Opfer der medialen Wahrnehmung.“ Als eine der spannenden Aufgaben der nächsten Monate bezeichnete er die Frage, „inwieweit das Bild der dopenden Pechstein eventuell noch einmal sehr deutlich und klar korrigiert werden muss“. Dem wolle man sich sehr intensiv und verantwortungsbewusst widmen. Wie genau das passieren soll, gelte es „fein abzuwägen“.

Korrektur der Bewertung nicht ausgeschlossen

Eine Wendung scheint also möglich. „Eine Korrektur der Bewertung halte ich für nicht ausgeschlossen“, erzählt Klatten, „auf keinen Fall will ich Unrecht, gleich wem es widerfährt, mittragen. Da liege ich mit dem DOSB-Präsidenten völlig auf einer Linie.“ Bei der Sportrede hatte Hörmann dies ebenfalls so gesagt. Klatten weiter: „Der Fall Pechstein ist ein besonders prädestinierter Fall für die Dopingforschung. Es vermengen sich eine Vielzahl von Fragen, formal-juristische, verfahrenstechnische, medizinische, moralische. Auch der Sport muss es schaffen, in einer sensiblen Nachbetrachtung zu den notwendigen Antworten beizutragen, will er als System nicht versagen.“

Gute Zeichen für die Berlinerin: „Es bedeutet mir sehr viel, dass wichtige Persönlichkeiten des deutschen Sports die Dinge inzwischen anders bewerten. Das stärkt meine Hoffnung, dass mein Streben nach Rehabilitierung ein Kampf ist, den ich doch noch gewinnen kann.“