Kanu

Der zweite Glücksfall des Berliner Kanuten Ronald Rauhe

Mit dem jungen Tom Liebscher im Boot fühlt sich der Berliner Kanute an alte Zeiten erinnert. Bei der EM in Brandenburg an der Havel wollen die beiden am Wochenende ihren ersten gemeinsamen Titel holen.

Foto: Nic Bothma / dpa

Von der Seite murmelt Tom Liebscher rüber: „Wir teilen uns sie Süßigkeiten jetzt.“ Das wäre ein Anfang, aber wahrscheinlich müsste er wohl ein paar weglassen und Ronald Rauhe etwas mehr zulangen, um das Problem zügig zu beheben. Für Leistungssportler gibt es bestimmt auch noch bessere Methoden, am Gewicht zu arbeiten. Genau das wollen die beiden Kanuten. Liebscher ist zwölf Kilogramm schwerer als Rauhe. Gar nicht so einfach, bei diesem immensen Unterschied das Boot richtig durchzutrimmen.

Geschafft haben sie es trotzdem, bislang sehr gut sogar. Am Wochenende soll das den ersten Titel des Duos erbringen, die beiden starten im Kajakzweier über 200 Meter auf dem Beetzsee bei den Rennsport-Europameisterschaften in Brandenburg/Havel, die am Freitag beginnen. Rauhe ist besonders heiß, ist es doch das erste Rennen für ihn unter den Augen seinen Sohnes. Der wird zwar noch nicht viel mitbekommen, erst am 10. Juni brachte Olympiasiegerin Fanny Fischer den kleinen Till zur Welt. Aber hier geht es hauptsächlich um das Dabeisein.

Auffallen werden Rauhe und Liebscher definitiv. Ihr Boot sieht anders aus, abgeklebt in schwarz und weiß. Es soll wie ein Erlkönig wirken, diese Testautos, die in der Erprobungsphase nicht erkannt werden sollen. „Wir haben uns dafür entschieden, weil wir anfangs nicht wussten, wo es für uns hingeht“, sagt Rauhe. Ein Symbol also, jedoch eines, das längst überholt ist. Das Ziel ist ganz klar Rio de Janeiro, Olympia 2016.

Aus Zweifel wurde Überzeugung

Die Zweifel von einst haben sich umgewandelt in große Überzeugung. „Das Boot soll eine Marke werden“, sagt der Berliner Rauhe. Am liebsten hätte er so schnell wie möglich einen persönlichen Sponsor für das Boot mit dem Dresdner. Das erinnert ein bisschen an früher, als Rauhe noch mit Tim Wieskötter zusammenfuhr. Dieses Boot war ein Marke, hatte einen Sponsor. Den Grund dafür lieferte eine grandiose Siegesserie, über Jahre waren die beiden Olympiasieger ungeschlagen.

Rauhe ist jetzt 32 Jahre alt, erfahren, hoch dekoriert als erfolgreichster Medaillensammler der Kanu-Welt. Dennoch liegt Aufregung in seiner Stimme, wenn er vom seit dem Frühjahr neu geschaffenen Duo mit dem 20-jährigen Liebscher spricht. „Das ist wie ein Jackpot, ein Glücksfall, wie er nur alle paar Jahre mal vorkommt“, sagt Rauhe leicht euphorisiert. Mit Wieskötter sei es damals auch so gewesen. Der kam von den 1000 Metern, Rauhe von den 500. „Wir haben uns in der Mitte getroffen“, sagt er. Seit Jahren ist Rauhe auf den 200-Meter-Sprint spezialisiert, und mit Liebscher ergibt sich die Harmonie wie folgt: „Meine Stärke sind die ersten 100 Meter, seine die zweiten.“

Auch sonst passt vieles einfach sehr gut. In Schlaganlage und Rhythmus ähneln sich die beiden sehr. Überdies hat Rauhe sich in Kraft und Technik noch einmal gesteigert „Ich war selbst überrascht, dass das in meinem Alter noch geht“, sagt Rauhe. Auch Liebscher legte körperlich deutlich zu, nachdem er im vergangenen Jahr über 500 Meter im Einer Weltmeister geworden war. Bei den Qualifikationsrennen zu Saisonbeginn lagen beide so weit vor der nationalen Konkurrenz, dass die Trainer ihnen die Kooperation im aussichtsreicheren K2 nahelegten. „Das hat sofort eingeschlagen, daran wurde dann nicht mehr gerüttelt“, so Rauhe, der in den Vorjahren mit Jonas Ems fuhr.

Keiner ist so schnell wie die beiden

Mit ihm arbeitete er sich daran ab, mal wieder ein wichtiges Rennen zu gewinnen. Doch seit Olympia 2012 dominierten die Russen Alexander Djatschenko und Juri Postrigai nach Belieben, genau so wie Rauhe/Wieskötter einst. Mit Liebscher funktionierte es sofort, bei allen drei Weltcups dieser Saison siegten die Deutschen. „Wir erreichen eine extrem hohe Geschwindigkeit, keiner ist so schnell“, sagt Rauhe. Auch die Russen nicht.

Daher sieht Rauhe, der 13-fache Weltmeister, schon die Zukunft vor sich. Das neue Boot verfügt über unwahrscheinliches Potenzial. Jetzt schon gilt: „Wir haben wenig Schwächen.“ Wenn noch etwas mehr gemeinsame Routine hinzukommt, sollten die Harmonie verfeinert und die Zeiten noch verbessert werden können. Ganz sicher ist auch die Absicht, die Gewichtsverteilung im Boot zu optimieren, keine schlechte Idee, um noch etwas herauszuholen. Süßigkeiten werden dabei allerdings keine nennenswerte Rolle spielen.

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