Kanu

Ronald Rauhe will endlich wieder ganz oben stehen

Der Berliner hat nach seiner schweren Niederlage bei Olympia im Vorjahr neuen Mut geschöpft und hofft bei der Heim-WM in Duisburg auf Edelmetall. Marcus Groß vom RKV hat bereits Gold gewonnen.

Foto: Oryk Haist/SVEN SIMON / pa / Sven Simon

Ein bisschen enttäuscht war er schon, als er hörte, dass der Austragungsort der Weltmeisterschaft in diesem Jahr verlegt wird. So exotisch sind die Ansetzungen für Titelkämpfe im Kanu-Rennsport nur selten. Rio de Janeiro sollte es sein. Im heftigen Kontrast dazu steht Duisburg, das als Ausweichort einsprang. Ronald Rauhe kann auch damit leben, er freut sich sogar über diesen Ersatzort.

Duisburg ist nun die Heim-WM, und bislang sieht es so aus, als würde sich Rauhe dort gut in Szene setzen können. Zweiter wurden Jonas Ems und er bei der EM im K2 über die olympischen 200 Meter. Seitdem wurde noch einmal einiges getüftelt. „Wir haben versucht, alles auf die Hundertstelsekunde zu optimieren. Das ist, als würde man eine Nadel im Heuhaufen suchen“, erzählt Rauhe. Am Sonntag im Finale muss sich zeigen, was das gebracht hat. Eine Goldmedaille gab es schon für Berlin. Marcus Groß vom RKV gewann sie mit seinem Partner Max Rendschmidt (Essen) sie im Kajak-Zweier über die olympische 1000-m-Distanz. Es war das erste WM-Gold ihrer Karriere. „Das ist so befriedigend, dass wir es auch bei der WM können“, sagte Groß.

In den vergangenen Monaten feilten beide viel an ihrer Harmonie im Boot. „Für uns ist wichtig, die Abläufe zu automatisieren“, erzählt der Berliner, der für den KC Potsdam startet. Sie brauchen Routine, Sicherheit. Das ist viel wichtiger geworden als früher.

200 Meter verzeihen keine Fehler

Einst fuhr Rauhe die 500 Meter, gemeinsam mit Tim Wieskötter. Als die 2009 zugunsten der 200 Meter aus dem olympischen Programm fielen, mussten sich beide neu orientieren, weil ihr Boot für die Sprintstrecke nicht kompatibel war. „Jetzt“, sagt der 31-Jährige, „darfst du dir keinen Fehler mehr erlauben. Sobald irgendetwas nicht passt, kommst du ins Schwimmen.“ Auf der längeren Strecke ließen sich immer ein paar Dinge korrigieren, mal mit Kampf, mal mit Kraft, mal mit Technik. Das funktioniert über 200 Meter nicht mehr.

Darum ist war alles etwas anders im Training. „Jetzt geht es viel um Feinarbeit, wir arbeiten oft mit Messtechnik, machen viele Videoanalysen, weil es auf Hundertstel Versatz ankommt. Das sieht man mit dem bloßen Auge oft gar nicht“, erzählt Rauhe. Hinzu kommt die mentale Komponente, im Rennen darf man sich nicht beeinflussen lassen. „Du musst stur dein Ding durchfahren, auch wenn der Gegner vielleicht gerade eine schnellere Phase hat“, so der Berliner. Wer von seinem eingeübten Muster abweicht, hat meist keine Chance mehr.

Abschauen bei der Konkurrenz

Wie alles in Perfektion zusammengeführt wird, sehen Rauhe und Ems bei den Russen Alexander Djatschenko und Juri Postrigai. Die paddeln derzeit vorneweg, wurden in London 2012 Olympiasieger, gewannen die Weltcups. „Das muss ich neidlos anerkennen, die fahren saustark“, sagt Rauhe und muss sich bei den Superlativen fast bremsen. Deren Synchronität und Technik beeindrucken ihn: „Ich sage das nicht oft bei Gegnern, aber das sieht schon ästhetisch aus.“ Ems und Rauhe schauten auf Video, was die anders machen, um davon zu lernen. Ob sie der Perfektion der Russen nun nahe kommen, ist dabei gar nicht so wichtig. Rauhe setzt mehr auf den psychologischen Faktor. Bislang zogen die Olympiasieger einsam und unangefochten ihre Bahnen. „Wir wollen sehen, wie sie reagieren, wenn sie bedrängt werden. Vielleicht bleiben sie dann nicht mehr so ruhig“, sagt der Berliner. Er hofft, dass die Seriensieger unter Druck kleine Fehler begehen, die Rauhe und Ems eine Chance auf den Titel eröffnen.

Über 500 Meter waren Rauhe und Wieskötter lange das perfekte Beispiel für alle. Beide wurden 2004 Olympiasieger und verloren von 2001 bis 2007 nie bei internationalen Meisterschaften. Die Russen erinnern Rauhe jetzt an diese Zeit, obwohl er nicht glaubt, dass ihre einstige Dominanz jetzt auf der kurzen Strecke so lange wiederholt werden kann. Er sagt, er selbst vermisse das Vornewegfahren nicht, weil ihn vor allem das Streben nach Leistung fasziniere.

Rauhe hat schon 13 WM-Titel

Manchmal kann das auch hart sein. Rauhe ist der erfolgreichste deutsche Kanute aller Zeiten, 13 WM-Titel hat er unter anderem gesammelt. Als er in London bei Olympia im K1 und K2 im Finale jeweils Achter und Letzter wurde, hat ihn das schwer getroffen. „Du denkst, du hast dein Gesicht verloren“, erzählt er. Die Niederlage schmerzte ebenso wie 2008, als bei Olympia die Siegesserie mit Wieskötter riss. Noch lange danach setzte er sich kritisch mit sich selbst auseinander, fand heraus, dass einiges auf einmal schief gelaufen war. Ein Trost immerhin war, dass viele versuchten, ihn zu besänftigen. „Das baut einen auf, wenn sie dir sagen, dass du immer ihr Vorbild warst“, erzählt Rauhe.

Auch als Reaktion auf die Niederlagen lässt Rauhe den Einer nun weg. Die Trainingszeit auf beide Disziplinen aufzuteilen, geht nicht mehr, weil die Dichte der Konkurrenz das nicht zulässt. Mit der Konzentration auf eine Strecke will er auch verhindern, dass die Russen noch länger an Rauhe/Wieskötter erinnern. Mit dem Heimvorteil in Duisburg ist das vielleicht einfacher. Und Rio steht ja auch bald wieder auf dem Plan, in drei Jahren finden dort die Olympischen Spiele statt. Die will Rauhe noch mitnehmen, weil er fühlt, dass er nach London etwas richtigzustellen hat.