Radsport

Mehr als 50.000 Besucher – Boom bei den Berliner Sixdays

Bereits nach Tag vier des Berliner Sechstagerennens ist die Marke von 50.000 Besuchern im Velodrom überboten. Dafür sorgte auch der Familiensonntag. Titelverteidigerin Pohl gewann erneut den Ladies Cup.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Mario Stiehl

Ben ist fünf Jahre alt und hat ein Problem. „Warum gehen wir denn schon?“, fragt er seine Mutter, die, vor ihm hockend, einen verzweifelten Kampf mit dem klemmenden Reißverschluss von Bens Winterjacke austrägt. „Weil Oma ganz doll müde ist“, lautet die Antwort. Ben fragt nach: „Bist du müde, Oma?“

Und Oma, Bens blaue Pudelmütze in der Hand, nickt. Dabei gibt sie sich alle Mühe, wirklich müde auszusehen. Und, was Bens Laune schlagartig hebt, reicht sie ihm eine jener unglaublich süßen und klebrigen Leckereien, die nur Kinder uneingeschränkt genießen können. Ben beendet seinen Besuch am Familientag beim 103. Berliner Sechstagerennen schließlich zufrieden.

Das verbindet ihn mit Reiner Schnorfeil. Der Sechstage-Geschäftsführer darf sich die Hände reiben. Bereits nach Tag vier ist die Marke von 50.000 Besuchern im Velodrom überboten. „Kämen alle Besucher eines Familiensonntags zur gleichen Zeit, könnten wir sie nicht in der Halle unterbringen“, freut sich Schnorfeil über den traditionell starken Andrang beim Familientag.

Der 45 Jahre alte Kaufmann aus Delmenhorst ist sicher, dass am Sechstagesonntag in den letzten Jahren immer zwischen 13.000 und 15.000 Besucher die Tore des Velodrom passiert haben. „Die Kombination Erlebnis, Trubel und Sport macht es für die Kinder und die Eltern reizvoll, zum Rennen zu kommen. Die Kinder sind die designierten Fans von morgen. Den Familientag einzuführen, war eine ganz tolle Idee von meinem Vorgänger Heinz Seesing.“ Dabei profitieren die Berliner Organisatoren auch von der konsequenten Vermarktung der Eintrittskarten. Etwa die Hälfte der zur Verfügung stehenden Tickets geht in den freien Verkauf, die andere Hälfte bezahlen Sponsoren, die ihrerseits damit disponieren.

Stimmung wie bei Olympia in London

Definitiv ausgezahlt hat sich mittlerweile die Idee, im Programm Platz zu schaffen für einen dreitägigen Frauen-Wettbewerb. Aus zehn Starterinnen 2012 sind bereits 15 geworden. Vorjahressiegerin Stephanie Pohl hatte das beste Ende für sich. Die 26-jährige Allrounderin aus Cottbus verwies die Slowakin Alzbeta Pavlendova, 23, und Mieke Kröger, 20, aus Bielefeld auf die Plätze. „Es gibt für uns im Prinzip nur in Berlin die Chance, auf einer so guten Bahn und vor allem vor so viel Publikum zu fahren. Dass es mittlerweile 15 Startplätze gibt, freut mich“, so die Siegerin. Regelrecht begeistert war die Engländerin Hannah Walker. Als Zehnte sportlich nicht zufrieden, schwärmte die 21-Jährige aus Stockport bei Manchester: „So eine Stimmung habe ich bisher nur bei den Olympischen Spielen in London erlebt.“

Für Dieter Stein, Sportlicher Liter des ältesten Sechstagerennens der Welt (erste Austragung 1909), steht fest, dass es auch 2015 den Ladies Cup geben soll. Gleichzeitig hat der 57 Jahre alte ehemalige Weltklassefahrer das Problem, „dass wir mittlerweile schon an eine Grenze stoßen, was die Zahl der Aktiven auf der Bahn betrifft.“ Der Hauptwettbewerb, das Zweier-Mannschaftsfahren, der Steher-Weltpokal mit Lokalmatador Florian Fernow in aussichtsreicher Position, die Sprinter mit dem Dauerduell der Berliner Robert Förstemann und Maximilian Levy und eben der Ladies Cup stellen Stein und seine Mitstreiter schon vor logistische Probleme. „Wir müssen ja allen ein Mindestmaß an Zeit einräumen, damit es sportlich sinnvoll bleibt. Und es ist natürlich auch ein Budgetproblem“, sieht der Bahnchef eine Grenze.

Bartko/Reinhardt in Lauerstellung

Sportlich bestimmen momentan Leif Lampater (Rosenheim) und der Belgier Jasper de Buyst das Geschehen. Sie liegen in der Gesamtwertung als einzige Mannschaft ohne Rundenverlust mit 201 Punkten an der Spitze. Eine Runde zurück folgt Kenny de Ketele (Belgien) mit dem Berliner Andreas Müller (162 Punkte). Robert Bartko/Theo Reinhardt (Berlin/139) folgen auf Rang drei. „Es wird schwer, weil Lampater und de Buyst extrem stark fahren. Aber wir haben ja noch zwei Tage“, sieht Bartko den Ausgang noch offen.