Sechstagerennen

Radstar Marvulli hat zwei Zimmer voller Lego-Steine

Radprofi und Frauenschwarm Franco Marvulli beendet seine Karriere in Berlin und will dann ein richtiges Haus bauen. Eine schwere Erinnerung bleibt der tödliche Sturz seines Kollegen Isaac Galvez.

Foto: Carmen Jaspersen / dpa/Jaspersen

Franco Marvulli lehnt sich in der kleinen, engen Koje im Innenraum des Velodroms zurück. Er hat, rundum zufrieden, mit seinem Sport abgeschlossen. „Berlin ist definitiv mein letztes Rennen.“ Der Schweizer, mittlerweile 35 Jahre alt, lacht dabei. „Ich fahre seit 20 Jahren Radrennen. Ich habe alles gehabt, alles erlebt, fast alles gewonnen und möchte keinen Moment meiner Karriere, auch die wo es Tränen gab, missen“, sagt der knapp 1,90 Meter große Profi. Nichts missen und dennoch aufhören?

Sieg mit gerissenem Kreuzband

„Schauen Sie“, so Marvulli, „ich möchte das, was viele Menschen im fortgeschrittenen Alter genießen können, schon jetzt, in bester Verfassung erleben. Mich reizt im Sattel nichts mehr. Ich sehne mich nach einem neuen Lebensabschnitt. Weg vom Reisestress, einfach neuen Akzente setzen, meine Zeit allein einteilen, eine Familie gründen und mein Haus bei Zürich fertig bauen.“ Der Radstar, von dem gern erzählt wird, er hätte in jeder Stadt, in der er gefahren ist, ein Mädel zum Heiraten finden können, geht mit vielen Erinnerungen.

Die guten? „Die zu erzählen reicht die ganze Nacht nicht“, sagt Marvulli. Und eine gute? „Klar, Berlin 2008. Ich bin mit einem gerissenen Kreuzband gefahren und habe mit Bruno Risi gewonnen. Oder: Ein paar Rennen bei traumhaftem Wetter auf der Freiluftbahn in Zürich. Wenn die Sonne untergeht, der warme Wind dich verwöhnt. Oder: Meine vier WM-Titel.“ Marvulli, der Mann für Tausend und eine Nacht?

Tränen nach Todessturz

Er spart die schlimmen Erinnerungen aber nicht aus. Der Tiefpunkt war der tödliche Sturz seines spanischen Kollegen Isaac Galvez 2006 in Gent (Belgien). „Das ist mir wieder in den Sinn gekommen, als Michael Schumacher verunglückt ist. Isaacs Sturz sah nicht so gefährlich aus. Ich dachte, der fährt gleich weiter“. Tat er aber nicht, Galvez hatte sich das Genick gebrochen. Marvulli: „Am nächsten Morgen habe ich im Hotel Isaacs Koffer gepackt. Er hatte zwei Fotos von seiner Frau dabei. Er hatte ein Buch noch aufgeschlagen neben seinem Bett liegen. Ich habe geheult. Und jedem Kollegen war klar: Es hätte auch mir passieren können.“ Gedanken rund ums Risiko nehmen zu „wenn man älter wird“, gesteht Franco Marvulli.

„Michael Schumachers Leben ändert sich nach dem Unfall vielleicht drastisch. Nach dem, was man weiß, schaute sein Sturz auch eher harmlos aus. Keiner weiß aber, wie es um ihn wirklich steht. Das ist etwas, was ich vermeiden will.“ Wenn der 32-malige Sechstage-Sieger am kommenden Dienstag in Berlin vom Rad steigt, wird er für ein Kontrastprogramm sorgen. Marvulli ist Lego-Fan. „Ich habe seit meiner Kinderzeit alles gesammelt. Mittlerweile sind zwei Zimmer voll. Nichts entspannt mich mehr, als einfach vor mich hin zu bauen“, sagt er.

Neuer Job: Schülern helfen

Künftig will sich der Routinier in seiner Heimat für ein Schulprojekt zum effizienten Lernen engagieren. Marvulli sieht da durchaus Parallelen zu seinem bisherigen Job: „Als Rennfahrer muss ich richtig und strukturiert trainieren, um Erfolg zu haben. Und in der Schule habe ich Erfolg, wenn ich strukturiert und richtig lerne. Ich denke schon, da ein wenig Erfahrung einzubringen.“

Die neue eigene Zukunft mit Freundin Iris (einer Lehrerin) vor Augen, interessiert sich Marvulli selbstredend auch für die Zukunft des Bahnradsports. „Zwei Probleme müssen gelöst werden. Junge Leute werden sich nur dann auf die Bahn konzentrieren, wenn es genug Rennen gibt, in denen sie soviel Geld verdienen können, dass sich das Spezialisieren lohnt. Wenn das nicht kommt, sehe ich keine guten Perspektive mehr.“ Für sein letztes Rennen setzt er sich nicht mehr unter Druck: „Es soll einfach noch einmal schön rollen.“ Und fügt dann an: „Aber ein Platz auf dem Treppchen wäre natürlich toll.“

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