Sie sind zwei ganz große Fußball-Idole. Salopp ausgedrückt ein Traumpaar, das am heutigen Donnerstag um 19.55 Uhr im Velodrom an der Landsberger Allee mit dem Startschuss zum 103. Berliner Sechstagerennen das momentan drängendste Problem im Sechstagezirkus ins Rollen bringt. Mit dem „Go“ durch Uwe Seeler und Franz Beckenbauer beginnt in Berlin die Suche nach dem zukünftigen Sechstage-Traumpaar. Nach Athleten, die der höchst individuellen Kombination aus Spitzensport, Unterhaltung und mit Freunden feiern, die besonders das hiesige Sechstagerennen traditionell bietet, ein Gesicht verleihen. Identifikationsfiguren wie es Seeler und Beckenbauer einst im Fußball und – exemplarisch für den Bahnsport – die Schweizer Vorzeigefahrer Bruno Risi/Kurt Betschart waren.

Seeler verbindet lange zurückliegende eigene Erinnerungen mit dem Fahrrad. „Ich bin kurz nach dem Krieg immer mit meinen Rad von der Wohnung meiner Eltern zum Trainingsgelände des HSV nach Ochsenzoll gefahren. Das waren immer zwanzig Kilometer hin und zwanzig zurück“, so der mittlerweile 77 Jahre alte Ex-Stürmer. Was die Belange der heutigen Sechstage-Besucher angeht. meint er: „Ich denke auch der Radsport lebt von den Stars, den bekannten Gesichtern.“ Dem stimmt Beckenbauer, 68, vorbehaltlos zu. „Worüber reden denn die Fans am liebsten? Über ihre Lieblinge, ihre Stars“, so der „Kaiser“. Stars sind in der Sechstageszene momentan Mangelware. Was nicht an der Qualität, sondern eher am Jahrgang der Protagonisten liegt. Es fehlt nicht an talentiertem Nachwuchs. Sondern an genug Gelegenheiten, sich in Szene zu setzen.

Weltklasse in Berlin am Start

„Wir haben in allen Bereichen absolute Weltklasse am Start. Aber wir erleben vor allem im Sechstage-Kernbereich einen Generationswechsel“, sagt Dieter Stein, Sportlicher Leiter in Berlin. „Um wieder Fahrerpaare wie Risi/Betschart zu bekommen, brauchen wir natürlich Geduld, dazu aber auch eine verlässliche Zahl von Veranstaltungen und die Kooperationsbereitschaft der Straßen-Mannschaften, bei denen unsere Fahrer ebenfalls ihr Geld verdienen“, so Stein weiter. Dabei hängt Popularität nicht zwingend mit der größten Anzahl von Siegen zusammen. Dieter Stein: „Mein Vorgänger Otto Ziege war ein Star, obwohl er nie ein Sechstagerennen gewonnen hat. Es kommt auch auf die Persönlichkeit an.“

Ungeachtet der sportlichen Meriten sind die Stars des aktuellen Berliner Starterfeldes schnell genannt. Lokalmatador Robert Bartko, 38 Jahre alt, zwei Mal Olympiasieger, vier Mal Weltmeister, zwanzig Mal bei Sechstagerennen auf Platz eins. Und Franco Marvulli, 35 Jahre alt, vier Mal Weltmeister und mit 32 Sixdays-Erfolgen die Nummer eins unter den Aktiven. Doch der Schweizer absolviert bereits seine letzte Bahnsaison, er wird im Velodrom verabschiedet.

Robert Bartko, zuletzt mit dem in Berlin verhinderten Marcel Kalz in Bremen auf Platz zwei, geht mit Theo Reinhardt in die sechs Nächte. 2013, bei ihrer Premiere, beendeten die beiden das Heimrennen auf Rang fünf. „Theo hat viel Potenzial. Im vorigen Jahr musste er sich durchbeißen und hat das gut gemacht. Vor allem, als ich an den letzten beiden Tagen Erkältungsprobleme hatte“, so Bartko. Seinen eigenen Status sieht er nüchtern: „Ich bin ja der Dinosaurier. Natürlich freue ich mich, wenn ich meine Erfahrung weitergeben kann, ohne dabei völlig auf Siegchancen verzichten zu müssen. Das Problem liegt aber nicht nur auf der Piste.“

Veranstalter dringend gesucht

Nachdem die Zahl der Sechstagerennen jahrelang teils dramatisch geschrumpft ist, liegt sie, vorerst stabil, bei neun: Zürich, Gent, Grenoble, Amsterdam, Fiorenzuola, Rotterdam, Bremen, Berlin und Kopenhagen. Robert Bartko: „Es geht grundsätzlich darum, den Bahnradsport attraktiver zu machen. Es muss eine Anzahl von Rennen geben, bei der die Bahnspezialisten auch finanziell klarkommen. Ein Bruno Risi wäre bestimmt auch ein guter Straßenfahrer geworden. Aber er hat sich für die Bahn entschieden, weil er auch dort gutes Geld verdienen konnte. Das sieht heute leider anders aus. Es fehlt die Perspektive. Es fehlen die Stars in Deutschland, es fehlen Lokalmatadore. Ein Spitzenfahrer aus München hätte das Rennen vielleicht nicht allein gerettet, aber vielleicht dazu beigetragen. “

Immerhin sieht der Stellvertretende Präsident des Landessportbundes Berlin (Leistungssport) Erfolg versprechende Ansätze. „Es gibt ein tolles Interesse bei Förderern und bei Sponsoren. Ich selbst fahre für das Team Sport gegen Gewalt von Klaus-Jürgen Jahn. Axel Lange unterstützt ein Team und das Frauenrennen. Noch wichtiger ist aber, dass sich neue Veranstalter finden. Das ist verdammt schwer, denn man muss viel Geld in die Hand nehmen.“

2015 beginnt schon heute

Für Sechstage-Geschäftsführer Reiner Schnorfeil beginnen heute Abend bereits die Vorarbeiten für 2015. „Uns begleiten in Berlin treue Geschäftspartner, die sich langfristig engagieren. Das macht das Leben ein wenig einfacher. Trotzdem hängen die Finanzen immer vom wirtschaftlichen Umfeld ab. Und damit auch der Etat für das Fahrerfeld“, so der Nachfolger von Heinz Seesing. Dabei ist Schnorfeil klar, dass sich die Attraktivität für die Profis im Prinzip fast ausschließlich nach den finanziellen Bedingungen richtet.

Diese scheinen in Berlin zu stimmen. Das Sportprogramm ist komplett. Seit nunmehr drei Jahren sind die Frauen dabei, zunächst mit zehn, mittlerweile mit 15 Starterinnen. Und traditionell gehören Zweier-Mannschaftsfahrern, Sprint- (sechs Starter) und Steherrennen (sieben Teilnehmer) hinter den Motorrädern genauso zur Veranstaltung wie der Sportpalast-Walzer und die tägliche Durchsage der guten alten Regel: „Rundengewinn geht vor Punktgewinn.“