Gleich vier Probleme auf einmal. Das erfordert Improvisation. Und Robert Harting spielt mit. Er stapft die Ränge links hoch, setzt ein paar Würfe an. Dann stiefelt er den mittleren Tribünenbereich nach oben, wieder Fotos. Zur Abwechslung folgen ein paar Bilder aus der Mitte der Halle, Werferpose natürlich. Harting zeigt sich geduldig.
Eigentlich sollte er richtige Würfe absolvieren in der O2 World. Als Test quasi, als Beweis dafür, dass es möglich ist, in Berlins Großarena einen Diskuswurf-Wettkampf durchzuführen. Doch die Spielfläche der Basketballer von Alba Berlin ist bereits aufgebaut. Außerdem sind die Sitze im Unterrang nicht eingefahren. Der nötige Gummidiskus fehlt ebenso. Und zu allerletzt schmerzen die Knie des Diskus-Olympiasiegers.
Trotzdem. „Ich finde den Plan super, und das wird auch klappen“, sagt Harting. Er läuft ein bisschen durch die Katakomben, schaut sich um in der Halle. Dort, wo der Abwurf sein soll, befindet sich gleich eine Nachfüllstation für Getränke. Das gefällt ihm. Genau wie der Gedanke, auf ungewohntem Terrain zu werfen. „Sonst bin ich nur hier und gucke mir Eishockey bei den Eisbären an und Basketball bei Alba. Es ist ein cooles Gefühl, bald selbst hier zu starten“, so der 28-Jährige. Das Vorhaben ist längst mehr als ein Plan, am 1. März 2014 wird das Istaf eine Leichtathletik-Veranstaltung mit sieben Disziplinen und deren deutschen Stars wie Stabhochsprung-Weltmeister Raphael Holzdeppe und Kugelstoß-Champion David Storl in der O2 World austragen. Und Harting, der gegen seine üblichen Gegner antritt, als Berliner ist die große Attraktion.
Bei der Arena herrschte sofort Begeisterung
Zunächst erscheint das alles schwer vorstellbar, das ging den Istaf-Leuten nicht anders. „Das war meine Idee, am Anfang waren sie skeptisch“, sagt Harting. Bei der Arena herrschte dagegen sofort Begeisterung, die Rahmenbedingungen wurden gleich als passend eingestuft. Irgendwie wirkt so eine Halle ja beengt, wenn man sieht, wie Harting und Co. ihre Geräte durch ein Stadion schleudern. Doch das Eishockey-Spielfeld ist auch schon 60 Meter lang. Werden die Sitze noch ein bisschen weiter eingefahren, sind über 70 Meter Platz. Mehr als genug. „Bei der Leistung muss man Abstriche machen. Zu dieser Zeit sind alle viel im Krafttraining, da fehlt die Schnelligkeit“, klärt Harting auf. Mehr als 65 Meter würde ohnehin keiner werfen.
Zum Schutz der Zuschauer werden überall Netze hängen. Der LED-Würfel, ein Millionenwert, sollte auch keinen Schaden nehmen, wenn er auf maximale Höhe gehängt wird. Aber die wird auch nötig sein. Denn: „Je höher der Diskus fliegt, desto besser in der Halle.“ Auf den Adrenalinspiegel der Zuschauer sollte sich die Umgebung auch positiv auswirken. „Sie sind dichter dran am Wettkampf“, sagt Harting, der die deutsche Hallen-Bestleistung von 63 Metern überbieten will. Allgemein wird er seinen Trainingszustand gut einordnen können. In der Halle herrscht kein Wind, „da sieht man die Nettoleistung“.
„Man wird krank, müde, launisch“
Abhängen wird sie auch davon, wie er über den Winter kommt. Für den Moment ist er platt. „Nach der Saison fällt jegliche Spannung ab. Der Körper nimmt sich, was vorher verboten war. Man wird krank, müde und launisch“, erzählt der Berliner. Er versucht dennoch, locker zu bleiben, erfüllt jeden Fotowunsch. Wegen seiner Knie will er jetzt eine Stoßwellentherapie beginnen, die Bänder sind entzündet. Ob das hilft, wird sich erst im Januar zeigen.
Viel Training wird es in dieser Zeit nicht geben. Das schafft Raum für andere Dinge. „Mir wäre es ein echter Wunsch, mit Thomas Bach über einen Antidopingfonds zu reden“, sagt Harting. Der neue Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) könnte als Deutscher eher ein Ohr für so etwas haben als andere und helfen, diesen Fonds, der den Kampf gegen Doping vereinheitlichen und verbessern soll, auf den Weg zu bringen. Dass beide zuletzt kein gutes Verhältnis pflegten, hält Harting nicht für ein Problem. Da Bach nach der Wahl zum IOC-Präsidenten nicht mehr der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes ist, sei die Streitbasis obsolet. Damit kann es jetzt konstruktiv werden zwischen beiden.
Das Angebot, sich auf eine Currywurst zu treffen, das Harting kürzlich aussprach, bestehe weiter. „Ich habe sogar schon einen Sponsor dafür“, erzählt der Berliner. Er hat auch bereits einen Namen für die Arena im Hinterkopf. Das Olympiastadion, wo er Weltmeister wurde und Istaf-Zugpferd ist, nennt er sein Wohnzimmer. Die O2 World könne nun das „neue Kinozimmer“ werden. Klingt, als würde er am liebsten öfter in der Halle starten. Also jedes Jahr im März.




