Eine Runde im Olympiastadion. In gemächlichem Tempo sind zwei ältere Herren, umrahmt von weiteren Begleitern, an jenem Mai-Nachmittag 1978 unterwegs. Der eine, Jesse Owens, Afroamerikaner, ist 65 Jahre alt und aus den USA an die Stätte seines sportlichen Triumphes von 1936 zurückgekehrt. Der andere, Erich Borchmeyer, Jahrgang 1905, kommt aus Bielefeld. Beide lachen und freuen sich. Ihnen zu Ehren wurde die olympische Flammenschale über dem Marathontor entzündet, und auf der Anzeigetafel ist die Platzierung des olympischen 100-Meter-Finales von 1936 an gleicher Stelle zu lesen: 1. Owens, 5. Borchmeyer.
Anlass des Treffens ist der Auftakt zur Trimm-Aktion des (West-)Deutschen Sportbundes. Möglichst viele Menschen sollen zu regelmäßigem Sporttreiben angeregt werden. Ein prominenteres Vorbild als Jesse Owens hätte es nicht geben können. Vier olympische Goldmedaillen hatte er an gleicher Stelle 42 Jahre zuvor innerhalb von einer Woche gewonnen: über 100 m (10,3 Sek.), im Weitsprung (8,06 m), über 200 m (20,7 Sek.) und gemeinsam mit Metcalfe, Draper und Wykoff in der Staffel über 4x100 m (39,8 Sek.).
Freundschaft mit dem Deutschen Luz Long
Es sollte das letzte Wiedersehen des Ausnahmeathleten mit Berlin gewesen sein. Jesse Owens starb zwei Jahre später in Tucson/Arizona an Lungenkrebs. Am Donnerstag wäre er 100 Jahre alt geworden.
„Wenn er über die Olympischen Spiele 1936 sprach, dann erzählte er uns, dass sie mit die schönsten Wochen seines Lebens gewesen seien“, berichtete Owens‘ Enkelin Gina Tillman bei einem Berlin-Besuch 1996. Nicht nur, weil er vier Goldmedaillen gewonnen habe, sondern weil er in Berlin viele Freunde zurücklassen musste. Luz Long zum Beispiel, den Leipziger Weitspringer. Mit ihm hatte sich Owens ein spannendes Duell geliefert. Knapp unterlegen, gratulierte Long dem Sieger spontan, und beide verließen Arm in Arm die Weitsprunganlage. Sehr zum Missfallen des Schirmherrn der Spiele, Adolf Hitler, für den es unerträglich war, dass ein farbiger Amerikaner zum Star der Spiele avancierte.
Siege zum Missfallen von Hitler
Jahrzehntelang hielt sich das Gerücht, Hitler habe Owens nach dessen Sieg über 100 m den Handschlag verweigert. Willi Daume (1913-1996), Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, berichtete später einmal, es stehe zweifelsfrei fest, dass Hitler seinerzeit vom damaligen IOC-Präsidenten Henri de Baillet-Latour auf einen Verstoß gegen das olympische Protokoll aufmerksam gemacht worden war, nachdem er zu Beginn der Spiele einer deutschen Siegerin (Tilly Fleischer/Speerwurf) in der Ehrenloge gratuliert hatte. Nächster in der Reihe wäre Owens gewesen. Baillet-Latour wies darauf hin, „dass die Spiele dem IOC gehören und nicht für Selbstdarstellung gedacht sind“.
Wer von Jesse Owens spricht, denkt meist zuerst an seine phänomenale olympische Siegesserie 1936 in Berlin. Die Älteren auf jeden Fall. Jüngeren muss man nüchterne Zahlen und Fakten plastisch machen und erklären, dass die Leistungen auf einer Aschenbahn erzielt wurden. Auf YouTube kann man sich noch heute davon überzeugen. Es dauerte 48 Jahre, bis in Carl Lewis (USA) in Los Angeles wieder ein Athlet bei Olympia die vier Disziplinen 100 m, 200 m, Staffel und Weitsprung gewann.
Als Profi rannte er später gegen Pferde
Es waren drei Ereignisse, die Owens’ außergewöhnliche Laufbahn prägten. Im Jahr vor Olympia, am 25. Mai 1935, hatte er auf dem Sportplatz „Ferry Field“ in Ann Arbor im US-Staat Michigan an einem Nachmittag vier Weltrekorde auf- beziehungsweise eingestellt: 100 Yards in 9,4 Sek., Weitsprung (nur ein Versuch) mit 8,13 m, 200 m/220 Yards auf gerader Bahn in 20,3 Sek. und 200 m/220 Yards Hürden auf gerader Bahn in 22,6 Sekunden. Zwischen Ann Arbor und Berlin lag noch der 20. Juni 1936, an dem Owens in Chicago die 100 Meter als erster Sprinter in regulären 10,2 Sekunden (1,12 m/s Rückenwind) lief.
Jesse – korrekt eigentlich James Cleveland – Owens war mehr als ein großartiger Sportler. Eine Autorität, weltweit geachtet, verehrt, bewundert. Aber auch missverstanden, weil er nach seinem Triumph von Berlin als Profi gegen Rennpferde, Windhunde und Autos lief, um sein Studium an der Ohio State University Cleveland finanzieren und seine Familie unterstützen zu können. Die ersten 10.000 Dollar, die er bekam, schenkte er seiner Mutter und seinem Entdecker und Lehrer Charley Riley. In Armut aufgewachsen, verdiente er mit Werbeverträgen und „in diesem Zirkus“, wie er einmal selbst sagte, einen Haufen Geld, investierte – mal erfolgreich, mal erfolglos – in mehrere Unternehmen. Zuletzt betrieb er in Cleveland mit Erfolg zwei Büros für Marktforschung.
In Berlin wurde eine Allee nach ihm benannt
1976 in Montreal warb er für das kanadische Münzen-Programm, das der Finanzierung der Sommerspiele diente. Eine Pressekonferenz, die dem Autor unvergesslich geblieben ist, begann mit beträchtlicher Verspätung. Journalisten, Fotografen und Volunteers standen Schlange, und erst als auch der letzte in der Reihe sein Autogramm bekommen hatte, lehnte sich Owens im Stuhl zurück, legte – wohl sein einziges Laster – die Tabakspfeife im Aschenbecher ab und wartete lächelnd auf die erste Frage.
Mittlerweile Vater von drei erwachsenen Töchtern und fünffacher Großvater nannte er zwei Ereignisse, bei denen er sich am glücklichsten gefühlt habe: „Als ich innerhalb von sieben Tagen vier olympische Medaillen gewann und als ich vor 44 Jahren das Mädchen heiratete, das ich liebte.“ Jene Ruth, die 1984 – vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes – nach Berlin gekommen war, als die alte Stadionallee am Olympiastadion in Jesse-Owens-Allee umbenannt wurde, und die sich mit einem weiteren Besuch 1993 für Berlins letztlich erfolglose Bewerbung um die Olympischen Spiele 2000 eingesetzt hatte.
Jesse Owens selbst war 1951 zum ersten Mal an die Stätte einstiger Erfolge zurückgekehrt. Er besuchte Frau und Sohn des im Krieg gefallenen Freundes und Kontrahenten Luz Long. Im Olympiastadion erlebte er eine Basketball-Show der Harlem Globetrotters.
Sprintertreffen zu seinen Ehren beim Istaf 1996
Als Symbolfigur für sportliches Trimmen warnte er bei seinem Läufchen mit Erich Borchmeyer 1978 vor Übereifer des älteren Sporttreibenden, „weil man die kleine Maschine in der Brust nur einmal geschenkt bekommt“. Zwei Jahre später, am 31. März 1980, hörte seine „kleine Maschine“ auf zu schlagen.
16 Jahre nach seinem Tod und 60 Jahre nach seinen Glanztaten im Olympiastadion trafen sich 1996 ihm zu Ehren beim Istaf in Berlin alle noch lebenden 100-m-Olympiasieger. Neun waren gekommen, und zwei von ihnen, der Kanadier Donovan Bailey und der Brite Linford Christie, starteten gemeinsam mit Michael Johnson (USA) und Frank Fredericks (Namibia) in einer „Dream Team“-Sprintstaffel. Man vergleiche die Siegerzeit von 38,87 Sekunden getrost einmal mit jenem Resultat, das Startläufer Owens sechs Jahrzehnte früher mit dem siegreichen US-Quartett erzielt hatte: 39,8 Sekunden. Auf einer Aschenbahn. Ohne Startblöcke.



